Editorial

Verhinderter Profiteur

Fritz Höger ist nicht länger der Namenspatron des Preises für Backsteinarchitektur. Die Auslober der Initiative Bauen mit Backstein haben entschieden, den Namen des berühmten Hamburger Baumeisters, der unter anderem das Chile-Haus entwarf, abzulegen und bis September eine neue Firmierung zu suchen. Dass der „Klinkerfürst“ Teil der reaktionären Heimatschutzbewegung war und dem Nationalsozialismus nahestand, ist schon länger bekannt. So schrieb Ulrich Höhns 2013 in der Buchreihe „Hamburger Köpfe“ über Höger: „Er liebte das ‚Volkstum‘ (…) und geriet dabei immer weiter ins Völkische. Schon lange vor der ‚Machtergreifung‘ der Nationalsozialisten teilte er deren Ziele. Nach eigenem Bekunden war er nie etwas anderes als ein Nationalsozialist gewesen und würde es immer bleiben.“ Dafür gibt es zahlreiche Belege, obwohl Högers Nachlass zweimal Bränden zum Opfer fiel und nur noch in Teilen erhalten ist. Höhns entlarvte „Högers Verachtung für demokratische Strukturen, seinen Hass auf die ‚Systemzeit‘ der Weimarer Republik, seinen Antisemitismus und sein egomanisches Wesen”.

Nun liegt ein weiteres Gutachten vor, beauftragt von der Initiative Bauen mit Backstein und angefertigt durch den Historiker Thomas Großbölting, der nicht minder klare Worte findet: „(Höger) war Nationalist, in Teilen rassistisch geprägt und zeigte auch verschiedene Anklänge von Antisemitismus.“ Während bei Großbölting deutlich die Empfehlung durchklingt, den Preis umzubenennen, zeigt sich die wissenschaftliche Genauigkeit seines Gutachtens insbesondere in der Aufarbeitung von Högers Antisemitismus, der sich inkonsistent und widersprüchlich äußerte. 1933 entließ er seinen jüdischen Mitarbeiter Ossip Klarwein und bezeichnete ihn als „totes Inventar“, hielt jedoch nach dessen Emigration anfangs den Kontakt aufrecht und schätzte ihn offenkundig fachlich wie persönlich sehr. Angesichts der Pole solcher und noch drastischerer Diffamierungen einerseits und persönlicher Zuneigung andererseits traut sich Großbölting auch keine finale Einordnung des Mahnmals für die Opfer des Nationalsozialismus zu, das Höger 1946 gemeinsam mit dem ehemaligen KZ-Häftling Gyula Trebitsch in Itzehoe errichtete.

Skulptur „Fritz Höger“ von Hartmut Wiesner in Wilhelmshaven, Foto: Gerd Fahrenhorst (via Wikimedia Commons / CC BY 4.0)

Höger, der sich als kommenden „Staatsbaumeister” sah, erlebte harsche Ablehnung von den Nationalsozialisten. Das hatte aber nichts mit einer vermeintlichen politischen Opposition zu tun, die er nach 1945 nahezulegen versuchte. Vielmehr handelte es sich um ästhetische Differenzen zwischen Högers Backstein-Expressionismus und dem von Hitler und Gefolge favorisierten Neoklassizismus. Hinzu kamen Plagiatsvorwürfe, die im Falle des Entwurfs für den „Hannoverschen Anzeiger” auch erwiesen wurden. Dass Höger die Macht fehlte, das „Dritte Reich“ zu prägen, trug vermutlich dazu bei, dass er in der Nachkriegszeit problemlos rehabilitiert wurde. Die Initiative Bauen mit Backstein weist in ihrer Begründung der anstehenden Umbenennung jedoch richtigerweise darauf hin, dass es „nicht allein auf eine direkte Täterschaft, sondern auf Ursachen und Aktivitäten, die Wegbereiter des NS-Regimes waren“, ankommt.

Dass verfemte Kunst nicht zwangsläufig auf einen widerständigen Künstler hinweist, hat unter anderem 2019 die kritische Emil Nolde-Ausstellung in Berlin erwiesen. Die Parallelen zwischen Höger und Nolde sind auffällig: Neben ihrer norddeutschen Herkunft wurden beide früh NSDAP-Mitglieder, waren überzeugte Antisemiten, sahen ihr Werk als Ausdruck einer überlegenen deutschen Kunst – und konnten es daher kaum fassen, dass man ihrem Werk im NS mit Missbilligung begegnete. In einer wissenschaftlichen Untersuchung zur NS-Belastung von Straßennamen von 2017, erstellt im Auftrag des Staatsarchivs Hamburg, werden beide Personen im gleichen Atemzug als „verhinderte Profiteure“ charakterisiert.

Und ebenso wie bei Nolde lässt sich auch in der Architektur beobachten, wie schwer es Menschen bisweilen fällt, mit vermeintlichen Widersprüchen umzugehen und sich von geliebten Idolen zu distanzieren. Auch in der oft undifferenzierten Verehrung für Mies van der Rohe und Le Corbusier, die sich beide in hohem Maße den jeweiligen faschistischen Regimen anbiederten, zeigt sich diese Tendenz. Zwar lässt sich ein Höger-Bau nicht einfach von der Wand nehmen, wie es Angela Merkel 2019 mit den Nolde-Bildern im Kanzleramt getan hat, vielleicht aber lässt sich ein Umgang finden, der die Komplexität menschlichen Denkens und Handelns berücksichtigt. Eine kategorische Trennung zwischen Person und Werk ist dabei zu bequem, wie die aktuellen Forschungsschwerpunkte zeigen.
Elina Potratz & Maximilian Liesner

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