kritischer raum

Evolution in der Uckermark

Das „Schwarze Haus“ in Pinnow von Thomas Kröger, Berlin, 2010

Vielleicht könnte ein zuverlässiges und systematisches Kriterium der Architekturkritik eine typologische Betrachtung sein. Mit etwas gutem Willen lässt sich jeder Entwurf in eine Typen-Formreihe stellen, die entweder von der Bauaufgabe oder von der Raumbildung – oder am besten: von beidem – ausgehen kann. Der Grad und die Art und Weise, wie sich das jeweilige Objekt aus der Formreihe entwickelt, wie weit es Motive des Typs aufnimmt und wie weit es sich von ihnen distanziert, wie sehr und wie angemessen es die Typologie vereinnahmt, weiterentwickelt oder überspielt, ist ein wichtiger Anhaltspunkt bei der Bewertung der schöpferischen Leistung und bei der Beurteilung, wie gut die Aufgabe verstanden und wie intensiv sie bearbeitet worden ist. Denn das Denken des Raums mit seinen Umständen ist das erste Instrument der Architekten, an das sich erst technische Fragestellungen anschließen.

Das Ferienhaus bei Pinnow in der Uckermark, das Thomas Kröger 2010 für einen privaten Bauherrn entwarf, macht den Eindruck, als ob es in der Folge einer solchen typologischen Annäherung entstanden ist. Der langgestreckte eingeschossige Baukörper mit dem hohen Satteldach entspricht der Figur des einfachen Bauernhauses als Fachwerkbau mit Ziegelfüllung oder der Scheune als Holzkonstruktion, wie sie hier in Beispielen des 19. Jahrhunderts und frühen 20. Jahrhunderts immer noch anzutreffen sind. Diese lapidare Typik des in die weite Grundmoränen-Landschaft gesetzten Urtypus des Hauses erzielt bei Krögers Entwurf die erwünschte Selbstverständlichkeit und fügt sich einem benachbarten Haus als proportional gelungenere und im Detail verbesserte Alternative an.

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Pinnow 2010; Fotos: Ina Steiner photografie

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Pinnow 2010; Fotos: Ina Steiner photografie

Dennoch liegen die Unterschiede auf der Hand: Krögers „Reformscheune“ hat zwar auf den Giebelseiten und auf einem Fünftel der nördlichen Langseiten eine geschlossene hölzerne Plankenfassade, die das Mauerwerk der Stirnwände bekleidet und auf der Nordseite des Baus einen Unterstand bildet. Doch die größeren Anteile der Längsfronten sind bis auf das bloße Ständerwerk entblößt und verglast und eröffnen den Blick in eine offene Wohnlandschaft. Drei große Gauben in unterschiedlicher Höhe des dunklen Daches und ein Kamin, der am Südgiebel in die Dachfigur einbezogen ist, deuten an, dass es sich wohl auch mit der Raumdisposition des Hauses komplizierter verhält, als die geschlossene Form des Archetyps zunächst verrät.

Noch freier entwickelt sich der Grundriss, der nur noch sporadisch Ähnlichkeiten mit regionalen Typen hat – aber auch nicht grundsätzlich alle Analogien ablegt. Der Eingang ist eine unprätentiöse Holztür, die in Jochbreite in die Mitte der Längsseite eingefügt ist. Sie führt in einen parallel zur Außenwand verlaufenden Gang um einen zentralen Kern. Linksherum geht man in einen großen Raum mit Pantryküche, Essplatz und etwas niedriger gelegener Kaminstelle auf der Giebelseite, dessen Vorzüge bildhaft sind: Der weite Ausblick in die Landschaft durch die transparenten Wände lassen die Raumbegrenzungen nicht mehr als Grenze, sondern nur noch als Schwelle zum Offenen erscheinen. Die Offenheit bedarf des Schutzes, der durch die bergende Form des offenen Dachstuhls gewährleistet wird.

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Pinnow 2010; Fotos: Ina Steiner photografie

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Pinnow 2010; Fotos: Ina Steiner photografie

Vom Kaminzimmer gelangt man entlang der verglasten Front unter dem bis an die Hauswand gezogenen, auskragenden Obergeschoss des Gebäudekerns entlang in den nördlichen Teil des Hauses, der als Schlaf- und Arbeitsbereich wiederum bis in Firsthöhe ausgebaut ist. Der Gang um den Hauskern herum entwickelt sich dabei als innerer Umgang, der den intensiven Blickkontakt zur Landschaft nicht abreißen lässt.  Der Kern selbst birgt zwischen drei Schotten ein Bad und WC im Erdgeschoss sowie Sitznischen und Schlafkojen. Der Aufgang zum Obergeschoss liegt direkt gegenüber der Eingangstür: Der Weg hinauf führt in den ausgebauten Dachstuhl mit zwei Zimmern, Bad und WC. Hier erweisen die Dachgauben die Notwendigkeit ihres uneinheitlichen Ansatzpunktes am Dach: Die mittlere Gaube belichtet am Scheitel des Treppenhauses den Aufgang, während die seitlichen Dachfenster die Zimmer belichten. Sie sind dabei so positioniert, dass sie jeweils  auf die Außenwände der Räume stoßen und so zu deren ungewöhnlichem Raumschnitt beitragen: Analog zu den firsthohen Räumen des Erdgeschosses entwickeln sich im Obergeschoss die Schlafzimmer mit ihren Einbaubetten fast wie prismatische Formen mit dreieckigen Raumquerschnitten und in der Perspektive spitzwinklig wirkenden Fluchten.

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Pinnow 2010; Fotos: Ina Steiner photografie

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Pinnow 2010; Fotos: Ina Steiner photografie

Die gut nachvollziehbare Raumdisposition, die zwischen räumlicher Inszenierung und kluger Nutzung der Fläche vermittelt, erscheint dem Zweck sehr angemessen: Hier lassen sich durch die Unterteilung der unterschiedlichen Hausteile auch fremde Gäste beherbergen, die genauso Separierung wie gemeinschaftliches Leben haben wollen. Zu mehr als einer gelungenen Ferienhausarchitektur wird das „Schwarze Haus“ jedoch durch die Bedeutungsverschiebungen, die Thomas Kröger vorgenommen hat.

Der Architekt interpretiert den tradierten Typ bis ins Extrem und passt ihn so den neuen Bedingungen seines Auftretens an: Die Öffnung fast des ganzen Baukörpers in die Landschaft verkehrt die Eigenschaft des Typus der geschlossenen Scheune oder des wenig belichteten Hofgebäudes ins Gegenteil. Der gewissermaßen nach innen gelegte Umgang inszeniert die relative Grenzenlosigkeit des Panoramablicks aus dem Haus, der sogar bei der Bewegung durch das Gebäude den Sinneseindruck dominiert. Durch diese Volte und die offenen Giebel werden die Stirnräume zu einprägsamen räumlichen Erlebnissen: Einerseits erinnern sie an die Wirkung offener Dachstühle in Fachwerkhäusern, andererseits vermeidet der Architekt mit seiner aufs Geometrische reduzierten Form jede Antikenromantik. Dennoch bleiben analoge Elemente wie die Feuerstelle, die Position der Küche und die Lage der Schlafzimmer im Obergeschoss, die an die Herkunft des Typs erinnern.

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Pinnow 2010; Fotos: Ina Steiner photografie

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Pinnow 2010; Fotos: Ina Steiner photografie

Schließlich wird der Gedankenreichtum, der dieses Haus ausmacht, bei der Fläche hinter der Eingangstür deutlich, die ein winziger, aber zentraler Verteiler ist zu den verschiedenen Funktionsbereichen des Hauses rechts und links, oben und unten – und anstelle eines ausgewiesenen Entrée einen weiteren typologischen shift  erreicht. Mehr – und wohl auch nicht weniger – bedarf es manchmal nicht.

Andreas Denk

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Grundriss EG, Pinnow 2010

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Grundriss EG, Pinnow 2010

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Grundriss OG, Pinnow 2010

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Grundriss OG, Pinnow 2010

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Schnitt AA, Pinnow 2010

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Schnitt AA, Pinnow 2010

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Schnitt BB, Pinnow 2010

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Schnitt BB, Pinnow 2010

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Pinnow 2010; Fotos: Ina Steiner photografie

Thomas Kröger Architekt BDA, Das Schwarze Haus, Pinnow 2010; Fotos: Ina Steiner photografie

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