Houston, we have a problem

Ewiger Kreislauf

RAG-Stiftung und RAG AG, Essen Zollverein

Gemeinsam mit dem BDA und dem Deutschen Architektur Zentrum DAZ hat die Zeitschrift der architekt den Call for Projects „Houston, we have a problem“ gestartet und um Einreichung substanzieller Beiträge gebeten, die uns dabei helfen können, die Effekte des Klimawandels zu gestalten. Dabei sind rund 150 gebaute und gedachte Projekte zusammengekommen. Im Wochentakt stellen wir an dieser Stelle ausgewählte Beiträge vor.

kolai kadawittfeldarchitektur, RAG-Stiftung und RAG AG, Essen Zollverein 2016 – 2018Der Steinkohlebergbau ist zwar seit rund einem Jahr endgültig Geschichte in Deutschland, die Folgen des jahrzehntelangen Abbaus des schwarzen Energieträgers werden jedoch buchstäblich ewig währen. Es ist ein besonders eindrückliches Beispiel, wie der Mensch durch sein Handeln unumkehrbare Folgen hinterlässt: Denn um das teils abgesackte Ruhrgebiet vor Überflutungen und das Grundwasser vor Verunreinigung durch Grubenwasser zu schützen, müssen für alle Zeiten und rund um die Uhr gewaltige Mengen an Wasser abgepumpt werden. Von der Politik mit der Finanzierung dieser „Ewigkeitsaufgaben“ betraut wurde die RAG-Stiftung, die von der verursachenden Industrie finanziert wird und sich über die rein lebenserhaltenden Maßnahmen hinaus auch für die sozialverträgliche Beendigung des Bergbaus sowie für Bildung, Wissenschaft und Kultur einsetzt. Nun ist am Rande des Zollverein-Geländes in Essen aus der Feder von kadawittfeldarchitektur (Aachen) ein Verwaltungsbau für die RAG-Stiftung und die RAG AG entstanden.

kadawittfeldarchitektur, RAG-Stiftung und RAG AG, Essen Zollverein 2016 – 2018; Foto: Jens Kirchner

Bereits in seiner baulichen Gestalt will der neue Stiftungssitz sich eher in den Bestand und die Landschaft einfügen: Das Gebäude mit L-förmigem Grundriss schließt das Areal des UNESCO-Weltkulturerbes zu einem angrenzenden Wald ab. Dabei wird der Vorteil des etwas abseitigen Standorts genutzt, um den Besuchern über eine öffentliche Dachterrasse einen Blick auf das ehemalige Industriegelände zu gewähren. Der Zugang wird durch außenliegende Treppenanlagen ermöglicht, deren Stufungen in der Fassadengestaltung fortgeführt werden. Die Dachlandschaft – zu einem großen Teil üppig begrünt – kompensiert dabei die durch den Neubau versiegelte Fläche und dient als Aufenthaltsort für Besucher und Angestellte. In die zwei Flügel des Baus wurde darüber hinaus jeweils ein offener begrünter Hof eingeschnitten, in dem Treppen als Verbindung zwischen Büroräumen und Dachfläche hineinragen.

 

kadawittfeldarchitektur, RAG-Stiftung und RAG AG, Essen Zollverein 2016 – 2018, Foto: Nikolai Benner

Bemerkenswert ist insbesondere der Fokus auf die Nachhaltigkeitsstandards der „Cradle to Cradle“-Denkschule: Dies bedeutet in erster Linie, dass Baumaterialien und Produkte verwendet wurden, die möglichst wenig Schadstoffe enthalten sowie besonders gut getrennt und wiederverwertet werden können. Mit der Fassade und den Fenstern aus Aluminium, Eichenböden und Glastrennwänden könnte der Bau somit einst als Materiallager für kommende Bauten dienen. Die Energieversorgung kommt über eine Photovoltaik-Pergola auf dem Dach sowie aus Geothermie über 18 Erdsonden. Zudem wird Regenwasser vom Dach in zwei Zisternen gespeichert und anschließend für die WC-Spülung im Haus und die Bewässerung des Dachgartens verwendet. Der Garten ist dabei ausgerichtet auf eine möglichst große Artenvielfalt, die ergänzt wird durch Fledermauskästen und Bienenstöcke.

kadawittfeldarchitektur, RAG-Stiftung und RAG AG, Essen Zollverein 2016 – 2018, Foto: Nikolai Benner

Damit der Bau nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch irgendwann einmal als Materialbank dienen kann, war er Teil des EU-Forschungsprojekts „Buildings as Material Banks“, bei dem alle verbauten Materialien in einem eigens entwickelten „Material Passport“ verzeichnet wurden. Gerade dies ist ein zentraler Schritt, um Recycling beim Bauen zu ermöglichen, da dem Weiterverwenden bislang vor allem Fragen der Gewährleistung im Wege stehen – eine zentrale Dokumentation wäre eine Möglichkeit, dies zu erleichtern und Bauwerke mit ihren gewaltigen Materialmengen wieder einem Rohstoff-Kreislauf zuzuführen. Mit den vielfältigen Maßnahmen konnte das Gebäude bereits das DGNB Zertifikat in Platin erlangen.
Elina Potratz

RAG-Stiftung und RAG AG, Essen Zollverein, 20162018
Architekten: kadawittfeldarchitektur, Aachen
Bauherr: RAG-Stiftung, Essen
Status: realisiert

weitere Projekte aus dem Call for Projects „Houston, we have a problem“ können Sie in der Übersicht hier einsehen.

 

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