Andreas Denk (1959–2021)

Freier Radikaler

Andreas Denk, 1959 in Dortmund geboren, war Zeit seines Lebens Fan des Fußballvereins seiner Geburtsstadt. Gespräche mit ihm, oft bis tief in die Nacht, konnten zwischen eben diesem BVB, dem letzten Bau eines jungen Architekturbüros aus dem Bergischen über die Relevanz von Übersetzungsfehlern in der frühen Moderne-Rezeption bis hin zur Eröffnungsszene von Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“ mäandern. Ohne inhaltliche Brüche. Er war ein Denker, der sich nie hat einbinden und erst recht nie hat einspannen lassen. Mitunter machte das den Umgang mit ihm etwas herausfordernd.

Andreas Denk war wie dieser eine Typ in der A-Jugend eines Dorfvereins, der zum letzten Training vor dem wichtigsten Spiel der Saison nicht auftauchte und auch danach nicht erreichbar ist. Und als sich am Spieltag längst alle einig waren, dass er dieses Mal wirklich nicht mehr spielen würde, kam er doch jedes Mal um die Ecke geschlendert, ohne Schienbeinschoner, die Stutzen nur bis kurz über die Knöchel gezogen. Natürlich war er es, der das entscheidende Tor vorbereitete, mit taktischem Kalkül und Übersicht auf dem Spielfeld glänzte. Kam dann zur neuen Saison ein neuer Trainer, der sich diese Kapriolen nicht länger gefallen lassen wollte und ihn auf die Bank setzte, war spätestens nach drei Spieltagen klar, dass das Team auf einen wie ihn, einen wie Andreas Denk, nicht verzichten konnte. Auch wenn ihm die taktischen Vorgaben meist egal waren.

Denks Spielfeld war die Architektur. Schon im Studium stellte er sich dafür so breit wie möglich auf, hörte Kunstgeschichte, Städtebau, Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Vor- und Frühgeschichte in Bochum, Freiburg im Breisgau und in Bonn. Nach einer wissenschaftlichen Mitarbeit im Sammlungsbereich Design des Bonner Haus der Geschichte, stieß er 1993 zur Redaktion der BDA-Zeitschrift der architekt. Seitdem begleitete er den Bund Deutscher Architektinnen und Architekten und seine Redaktion gleichermaßen, wurde nach Ingeborg Flagge und Wolfgang Jean Stock 2000 Chefredakteur von der architekt. Dutzende Deadlines riss er dabei, enervierte Freunde wie Kolleginnen und Kollegen gleichermaßen. Doch die Texte, Konzepte, Moderationen und Impulse, die er dann lieferte, machten klar, dass die sich verändernden Teams um ihn herum das eben auffangen und kompensieren mussten. Seine Wichtigkeit auch und gerade für den BDA wird deutlich, wenn man sich vor Augen ruft, wie viele Formate und Publikationen auf seine Initiativen mit zurückzuführen sind, wie viele Texte und Moderationen er für den Wahlbund außerhalb der eigentlichen Redaktionstätigkeit schrieb und abhielt, wie viele BDA-Tage und Berliner Gespräche ohne sein Zutun in der Form, in der wir sie erlebt haben, nie möglich gewesen wären, wie viele Debatten und Diskussionen in Arbeitskreisen, Bundesvorstandssitzungen und Präsidiumsrunden durch seine Beiträge an inhaltlichem Gewicht gewannen.

Dabei schien sein Wissen über Stadt und Architektur nahezu grenzenlos. Mühelos konnte er den Bogen über Vitruv, Viollet-le-Duc und Bartning zu Bollnow, Meisenheimer und Martina Löw spannen, Zitate einstreuend, direkte Bezüge von der Theorie zum gebauten Werk der unterschiedlichsten Architektinnen und Architekten spannen. Und zwischendurch die Schönheit der Tore von Karlheinz Riedle gegen Turin 1997 beschwören. Wie er seine Arbeit dabei auszufüllen hatte, wie er sein Leben um die vielen, vielen Themen, die ihn interessierten, herum zu organisieren habe, hat er dabei fast immer ausschließlich nach eigenem Gusto entschieden – mit einer Präferenz: seine Tochter Lili. Nur wenige gab es, auf die er hörte. Er war frei und in der Offenheit seines Denkens radikal. Und wie die freien Radikalen in der Theorie des US-amerikanischen Biogerontologen Denham Harman Ursache des Alterungsprozesses sind, war auch dieser freie Radikale Grund für manch graues Haar in seinem Umfeld.

Gleich, wer wie gestresst gewesen sein mochte: kam er nach der Veranstaltung oder nach Drucklegung einer Ausgabe zu einem – oft mit einem gekühlten Getränk für sein Gegenüber im Gepäck – konnte man ihm selten lange böse sein. Interessiert fragte er dann nach, stellte das eigene umfängliche Wissen hintan und gab einem jenen Raum, der Gespräche angenehm werden und auf Augenhöhe steigen lässt. Rang und Namen waren ihm dabei egal. Studierenden oder Staatssekretären wandte er sich gleichermaßen offen zu, besprach Themen von Relevanz und war einfach er: charmant, aufgeschlossen, inspiriert und inspirierend. Seine Arbeitsweise und sein Zutrauen in andere gab vielen die Möglichkeit, selbstverantwortlich eigene Ideen in die gemeinsame Arbeit einzubringen, war Freiraum für Entwicklungen und die Möglichkeit, selbst ein Forum zu bekommen.

Dabei beschränkte sich seine Tätigkeit nicht auf den „architekten“ und den BDA. An der Technischen Hochschule Köln lehrte Denk Architekturtheorie: ab 2008 zunächst mit Lehrauftrag, dann als Professor in Vertretung, seit 2014 schließlich als ordentlicher Professor. Seit 2015 war er zudem ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, Vorsitzender der Gesellschaft für Kunst und Gestaltung (Bonn), später dann Mitglied im Vorstand der Hans-Schaefers-Stiftung (Berlin) und Kurator des Vorstands des Architekturforums Rheinland e.V. im Haus der Architektur (Köln). Einige Bücher hat er mitverfasst und herausgegeben. Darunter „Architektur Raum Theorie“. Gemeinsam mit Uwe Schröder und Rainer Schützeichel sowie unter wissenschaftlicher Mitarbeit von Christopher Schriner entstand diese kommentierte Anthologie zum Raum 2016. Zuletzt arbeitete er an einem Buch über einen Kölner Architekten. Das und soviel mehr wäre von einem freien Radikalen wie ihm noch zu erhoffen gewesen.

Doch viel zu früh ist unser langjähriger Kollege, Chefredakteur und freundschaftlicher Mentor, ja, Lehrer und Freund, am vergangenen Freitag an den Folgen eines Herzinfarkts in Hamburg gestorben. Wir dachten, es sei wie immer und früher oder später würde er eben doch wieder um die Ecke geschlendert kommen. Die Stutzen kurz über den Knöcheln. Doch nicht dieses Mal. Viel zu früh ist er gegangen. Und doch hat Andreas Denk immer genau so gelebt, wie er es wollte, wie er es für richtig hielt. Frei und ohne Kompromisse.
David Kasparek
mit Alice Sàrosi, Elina Potratz und Maximilian Liesner

Andreas Denk, Foto: Till Budde

Andreas Denk, Foto: Till Budde

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7 Gedanken zu „Freier Radikaler

  1. Ich habe Andreas Denk 1987 kennengelernt, als wir beide für das Bonner Stadtmagazin „Schnüss“ schrieben. Er war damals schon genauso wie im oben stehenden, vorzüglichen Nachruf beschrieben: inspirierend und menschlich, hochgebildet und unzuverlässig. Ein Kollege, den man gern haben musste und den man (leider) doch nie wirklich zu fassen bekam. Wir haben uns irgendwann nach 1992 aus den Augen verloren, sahen uns 2014 in Bonn zum letzten Mal. Seinen frühen Tod erlebe ich in großer Trauer. Meine Gedanken sind bei seinen Angehörigen.

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  4. Andreas Denk hat mit seinem viel zu frühen Tod eine so große Lücke hinterlassen, dass man gar nicht die Phantasie hat, wie diese Lücke je geschlossen werden kann. Erschütternd und unendlich traurig.

  5. Was für ein beeindruckender Nachruf – Vielen Dank dafür. Ich kannte Andreas aus einem ganz anderen inhaltlichen und zeitlichen Umfeld – aber ich habe ihn an so vielen Stellen wiedererkannt, das war sehr berührend. Es ist so traurig…

  6. „Schade, Scheiße, wie kann das passieren, wie konnten wir nur gegen sowas verlieren…“ (Die Toten Hosen, Ballast der Republik 2012): gegen sowas verlieren wir alle – früher oder später… Mensch, alter Schwede, viel zu früh!

  7. Noch aus den guten alten frühen neunzehnneunziger Jahren war er mir ebenso früh ein Freund und auch Mentor. Und es ist kaum zu fassen wie schnell die Zeit vergangen ist, nicht aber die große Bewunderung und das liebende Mitgefühl für diesen freiheitslebenden und auch diesbezüglich vorbildlichen Freund wird vergessen werden. Höchstens dennoch im Bewußtsein einen teuren Mitstreiter im Gegenüber verloren zu haben, traurig,
    die ehemalige Direktorin der Syndikathalle, heute nmgk.und sheringfinearts

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