Buch der Woche: Architektur und Faschismus

Architektur, mit der man Nashörner vertreiben könnte

Schon der Anfang ist toll. Die ersten 15 Seiten von Frederike Lauschs Buch „Faschismus und Architektur“ sind nichts anderes als das Faksimile der handschriftlichen Notizen eines der wirkmächtigsten Architekten der bundesdeutschen Nachkriegsjahre, der seine Eindrücke eines Besuchs beim Baumeister des NS-Staats festhält. Max Bächer hat Albert Speer 1973 bei ihm Zuhause in Heidelberg besucht und seine Impressionen danach festgehalten. Nicht immer sind diese Notizen sofort gut zu entziffern, hat man sich aber etwas in sie hineingearbeitet, öffnet sich eine weitere Tür zum Kosmos dieses unglaublich umtriebigen Mannes, der Architekt war, Hochschullehrer, Juror und Publizist.

Vortrag „Faschistische Architektur“ von Max Bächer in Karlsruhe, November 1971, Stadtarchiv Karlsruhe, Fotografie: Schlesiger

Nach dem ersten Band der CCSA Topics, in dem dieser Forschungsverband aus Kunsthistorischem Institut der Goethe-Universität Frankfurt, Fachbereich Architektur der TU Darmstadt und Deutschem Architekturmuseum (DAM) den schier unermesslichen Nachlass Bächers mit Studierenden sichtete und mögliche Vertiefungsrichtungen festlegte, folgt nun Frederike Lauschs durch ein Fellowship der Wüstenrot Stiftung geförderte Publikation: Max Bächers Auseinandersetzung mit Albert Speer.

In ihrem Vorwort machen Oliver Elser (DAM) und Philip Kurz (Wüstenrot Stiftung) deutlich, dass die Fragen, wie Architektur und Faschismus in Abhängigkeit stehen, ob Architektur an sich faschistisch sein kann oder ob Architektur im Faschismus anders entsteht, keine neuen sind. Auch die DAM-Direktoren Heinrich Klotz in den 1980ern und Vittorio Magnago Lampugnani in den 1990er-Jahren arbeiteten sich an ihnen ab. Doch das nun vorliegende Buch ist mehr als nur der Hinweis darauf, dass aktuelle Debatten wie jene um rechte Räume womöglich in Wellen immer wiederkommen, sondern vielmehr auch ein Blick auf die Genese von Einschätzungen und darauf, wie schwer sich selbst so erfahrene Teilnehmer des architektonischen Diskurses, wie Bächer einer war, mit der Einschätzung eines spezifischen Werks und der Person tun, die es hervorbrachte.

Nicht zuletzt ist auch das zweite Buch der CCSA Topics eine ganz wunderbare Sammlung von Originalquellen, die genau diese Änderungen in der Einschätzung Speers durch Bächer nachvollziehbar machen. Zeitungsartikel, Briefe und handschriftliche Notizen sind in der Mitte des Buches gebündelt. Alle gut lesbar wiedergegeben. So wird klar, dass es Bächer zu Beginn der von ihm initiierten Kontaktaufnahme zu Speer nicht um eine Verurteilung des Architekten geht, der zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition aufstieg. Bächer treibt der Versuch an, Speers Bauten in einen größeren, architekturhistorischen Kontext einzuordnen. Doch schon das erste Treffen 1973 lässt ihn enttäuscht zurück. 1978 dann das Kippmoment: Das Buch „Albert Speer. Bauten und Projekte 1933–1942“ wird veröffentlicht und ist nichts anderes als eine von Speer selbst kuratierte Lobhudelei, die bei Bächer – wie den meisten anderen Rezensenten auch – nichts weiter als Abscheu auslöst, mangelt es ihr doch an jeglicher Form der Selbstkritik.

Frederike Lausch: Faschismus und Architektur. Max Bächers Auseinandersetzung mit Albert Speer, CCSA Topics 2

Der Süddeutsche Rundfunk strahlt im Februar 1979 eine Rezension Bächers aus, die Zeit veröffentlicht seine Besprechung am 6. April des gleichen Jahres, die Juni-Ausgabe der BDA-Zeitschrift der architekt druckt einen offenen Brief Bächers an Speer ab. „Sie haben mir klar gemacht, dass man den Reichsminister für Bewaffnung und Munition nicht vom Architekten trennen kann“, schreibt Max Bächer da unter anderem. All diese Quellen finden sich hier in chronologischer Reihenfolge. Ergänzt um den von Max Bächer selbst archivierten Entwurf des offenen Briefs aus der BDA-Zeitschrift. Wie immer bei Bächer mit jeder Menge handschriftlicher Anmerkungen, Hinweisen zur Verbesserung und Streichungen versehen. So lautet ein von Bächer für den Abdruck gestrichenes Zwischenfazit zum Buch: „Das ist doch hanebüchen, wie Sie Ihre Architektur, mit der man Nashörner vertreiben konnte, mit selbstgedüngtem Lorbeer eingrünen.“ Es ist ein wahres Glück, dass solche Sätze der Architekturrezeption nun wieder zugänglich sind. Auch weil sie zeigen, wie notwendig die stete Auseinandersetzung mit den Entstehungsbedingungen von Architektur und der Wirkmacht der gebauten Umwelt und folglich der Verantwortung der Architektinnen und Architekten bis heute und immer wieder ist.

David Kasparek

Frederike Lausch: Faschismus und Architektur. Max Bächers Auseinandersetzung mit Albert Speer, CCSA Topics 2, hrsgg. von der Wüstenrot Stiftung und dem CCSA, 276 S., 191 sw. Abb., Deutsch/ English, M Books, Weimar 2021, 15,– Euro, ISBN 978-3-944425-15-3

Zum kostenlosen Download unter: http://www.criticalarchitecture.org/CCSA_Topics02_Baecher_Speer_dnb.pdf

 

 

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