Buch der Woche: Religion und Stadt

Gretchenfrage

Schulz und Schulz, Sankt Trinitatis, Leipzig 2009–2015, Foto: Simon Menges

Einst das bedeutendste Werk der Architektur – dann, nach und nach, abgelöst von Rathaus, Museum und Flughafen: der Sakralbau. Heute ist diese Bauaufgabe vor allem mit aufgeheizten gesellschaftlichen Debatten verbunden. Eine neue Kirche, während ringsum viele andere leer stehen, mit Mühe und Kreativität umgenutzt oder doch abgerissen werden? Eine Moschee in der Innenstadt, obwohl man glaubt, die jahrzehntelangen Provisorien in den Industriegebieten bereits mehr als großherzig toleriert zu haben? Gerade weil nicht mehr viele Sakralbauten in Deutschland errichtet werden, ziehen die Projekte, die tatsächlich im Gange sind, umso mehr Aufmerksamkeit auf sich.

Ansgar und Benedikt Schulz: Religion und Stadt. Positionen zum zeitgenössischen Sakralbau in Deutschland, jovis Verlag, Berlin 2018

Die Vollendung ihres Kirchenneubaus Sankt Trinitatis in Leipzig (2009–2015) haben daher Ansgar und Benedikt Schulz zum Anlass genommen, um sich im Rahmen ihrer begleitenden Wanderausstellung mit vier Kollegen (ausschließlich Männern) über deren Erfahrungen bei aktuellen Projekten in diesem konfliktbehafteten Feld auszutauschen. Aus den Aufzeichnungen ist nun ein Buch entstanden. Wie ein Gebetbuch kommt es daher: in Gold sind die Grundrisse der besprochenen Bauten auf dunkelblaues Leinen geprägt – und das wollen die beiden Brüder nicht ironisch verstanden wissen: Gleich zu Beginn ihrer Einleitung schildern sie ihre katholisch geprägte Kindheit (Stichwort „Messdiener“) und erinnern sich an viel Fröhliches und Geselliges – nicht die schlechtesten Voraussetzungen, um gut informiert durch die folgenden Gespräche zu führen.

Kuehn Malvezzi, House of One, Berlin, Site Collage: Kuehn Malvezzi, Foto: Ulrich Schwarz

Schulz und Schulz sprechen mit Wilfried Kühn über das multi-konfessionelle House of One in Berlin, dessen Grundsteinlegung für Frühjahr 2020 terminiert ist und für das momentan noch Spenden gesammelt werden; sie sprechen mit Andreas Meck über die Kirche Seliger Pater Rupert Mayer (2011–2018), die der wachsenden Kleinstadt Poing im Münchner Speckgürtel ein neues Zentrum verleiht und dafür kürzlich vom BDA mit der Großen Nike ausgezeichnet wurde sowie mit Jost Haberland über die Neue Synagoge in Potsdam, wo konkurrierende Gestaltungswünsche innerhalb der Gemeinde zum jahrelangen Planungsstopp geführt hatten (Wettbewerb 2008, Planungsstopp 2011, geplanter Baubeginn 2020) – und sie unterhalten sich mit Paul Böhm über die Kölner Zentralmoschee (2006–2017), Gegenstand großer öffentlicher Kontroversen und eines Zerwürfnisses zwischen Architekt und Bauherr DITIB. Vorangestellt ist jedem Gespräch eine ausführliche Strecke luftig gesetzter, großer Bilder und Zeichnungen. Letztere scheinen bisweilen leider recht deutlich auf die Folgeseite durch.

meck architekten, Kirche Seliger Pater Rupert Mayer, Poing 2011–2018, Foto: Florian Holzherr

Über allem steht die Frage, was man eigentlich von Architekten zu diesem Thema hören möchte. Sollte es eher um gestalterische oder gesellschaftliche Fragen gehen? Am interessantesten wird es dort, wo sich beides verbindet, beispielsweise in der schwierigen Frage nach Monumentalität, die in jedem Gespräch aufkommt. Wilfried Kühn denkt dabei vor allem an ein Monument und versteht das House of One dementsprechend als ein Denkmal für die friedvolle Koexistenz von Juden, Muslimen und Christen in einem hybriden Gebäude, das alle unter einer gemeinsamen Kuppel zusammenbringt, ihnen aber auch einen eigenen Raum lässt. Auch Andreas Meck pocht auf eine Gleichberechtigung von Moscheen, Synagogen und Kirchen in der multireligiösen Gesellschaft – und versteht die Aufregung nicht: „Wieso sollte eine dominante Form bei einem Sakralbau fragwürdig, bei einem Bankgebäude aber selbstverständlich sein?“ In Potsdam befand eine Gruppe innerhalb der jüdischen Gemeinde den siegreichen Wettbewerbsentwurf für „armselig“, woraufhin Architekt Haberland dem Gebetsraum eine repräsentative Krone aus einer ornamenthaften Gitterstruktur aufsetzte. Er selbst glaubt hingegen eher an eine „Monumentalität der Leere“ in Form von geschlossenen Ziegelflächen an der Fassade. Paul Böhm wirbt für ein Verständnis von Monumentalität als Großzügigkeit, die er mit den riesigen Betonschalen der Zentralmoschee erreichen möchte. Den Streit mit der DITIB klammert das Gespräch übrigens seltsamer-, aber doch verständlicherweise aus.

Haberland Architekten, Neue Synagoge, Potsdam, Straßenperspektive, Stand: 2017

Als zentrale Herausforderung kristallisiert sich heraus, dass es weniger darum geht, mit baulichen Mitteln einen Status einzufordern, sondern vielmehr darum, neugierig zu machen und im Dialog zu bleiben. Der schmale Band kann natürlich nicht als Planungshilfe dienen, sondern ist eine lebendige Momentaufnahme des Nachdenkens über Sakralbauten in einer säkularen Gesellschaft, die mit dem Religiösen noch längst nicht abgeschlossen hat.
Maximilian Liesner

Ansgar und Benedikt Schulz (Hrsg.): Religion und Stadt. Positionen zum zeitgenössischen Sakralbau in Deutschland, 96 Seiten, 39 farb. plus 22 s/w Abb. und Pläne, Hardcover, Leinen, 28,– Euro, jovis Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-86859-546-8

Abbildung oben: Böhm Architektur, Zentralmoschee, Köln 2006–2017, Foto: Philipp Robien

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