Soziale Auswirkungen des Massenwohnungsbaus

Keine Blaupause

Ingeborg Beer im Gespräch mit David Kasparek

Dr. rer. pol. Ingeborg Beer ist Stadtsoziologin und betreibt seit 1992 das Büro für Stadtforschung und Sozialplanung in Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind schrumpfende und wachsende Städte, segregierte Quartiere, Migration und Demographie sowie Sozialraumorientierung. Sie hat verschiedene Landesprogramme evaluiert und Modellprojekte begleitet. Seit vielen Jahren widmet sie sich der Programmumsetzung Soziale Stadt und der Transformation von Großwohnsiedlungen an der Schnittstelle von Forschung und Praxis. Mit Ingeborg Beer sprach David Kasparek.

Alexander Mitscherlich schrieb 1965 von der „Unwirtlichkeit unserer Städte“. Ein Begriff, der seitdem immer wieder auf den Städtebau der Nachkriegsmoderne und im besonderen auf die Großwohnsiedlungen gemünzt wurde. Wie aktuell sind Mitscherlichs Ausführungen?

Neubaugebiet in Halle-Neustadt, Foto: Nico Grunze

Nach mehr als fünfzig Jahren ist Mitscherlichs sozialpsychologische Diagnose von der „Unwirtlichkeit unserer Städte“ in weiten Teilen aktuell. Er kritisiert städtisches Wachstum in Form von Einfamilienhausgebieten und Großwohnsiedlungen, Funktionsentmischung und seelenlose Monotonie. Den Verlust städtischer Vielfalt beklagt er zukunftsorientiert, plädiert für unterschiedliche Nutzungen, Erlebnisanreize und sinnliche Erfahrungen. Die Bewohner sollen sich mit ihren Städten identifizieren, sich engagieren und heimisch fühlen und ihre Bedürfnisse nicht individuellem Profitstreben unterordnen müssen. Auch wenn sich die gesellschaftlichen Vorzeichen und städtebaulichen Leitbilder in den letzten Jahrzehnten erheblich verändert haben – das Nachdenken über die „neue Wirtlichkeit der Städte“ hält die Frage offen, wie „städtisch“ eine Großwohnsiedlung eigentlich sein und werden kann.

Licht. Luft. Sonne. Wohnhäuser in Hannover Sahlkamp, Foto: Nico Grunze

Großwohnsiedlungen hatten zu ihrer Entstehungszeit meist einen sehr guten Ruf. Viele Menschen wollten gerne dort hinziehen. In der Außensicht hat sich das im Laufe der Zeit stark verändert. Gibt es Unterschiede in der Wahrnehmung zwischen den Gebieten der ehemaligen DDR und West-Deutschland?
In ihrer Entstehungszeit konnten Großwohnsiedlungen mit vergleichsweise besserem Wohnkomfort sowie dem Dreiklang von Licht, Luft und Sonne punkten. Der Blick von außen reichte im damaligen West-Deutschland darüber hinaus, kritische Stimmen setzten früh ein, auch Bewohnerinnen und Bewohner beklagten fehlende soziale Infrastruktureinrichtungen und verkehrliche Anbindungen. Anders in ostdeutschen Städten: Die „Neubaugebiete“ waren ein durchweg begehrter Wohnstandort – ihre Um- und Abwertung als „Platte“ begann erst mit der politischen Wende. Dazu trugen auch die neuen Wohnalternativen, das Eigenheim im Umland und der sanierte Altbau in der Innenstadt bei. Inzwischen scheinen sich die Sichtweisen Ost und West stärker anzugleichen. Doch die Bevölkerungsentwicklung hinterlässt tiefere Spuren als Imageprobleme: Der flächenhafte Abriss steht für den Stadtumbau-Ost, der punktuelle Rückbau von Hochhäusern für den Stadtumbau-West.

Lassen sich Zusammenhänge zwischen der Wohnform Großwohnsiedlung und Dissoziationen in der Gesellschaft herstellen, wie das beispielsweise im Kontext der Unruhen in französischen Vorstädten immer wieder getan wird?
Ich sehe darin keinen zwingenden Zusammenhang. Die „Unruhen“ in den französischen Vorstädten 2005 verdankten sich weniger den städtebaulichen als den sozialen Verhältnissen, vor allem der Chancenlosigkeit junger Leute, die aus ehemaligen Kolonien zugewandert sind: fehlende Bildung und Ausbildung, Ausgrenzung vom Wohnungsmarkt und von gesellschaftlicher Teilhabe aufgrund von Herkunft und Hautfarbe. Ihr konzentriertes Zusammenleben ohne Perspektive und Unterstützung bildete den „Sprengstoff“ – ähnlich „abgehängte“ Bannmeilen, Banlieues, gibt es in Deutschland nicht.

Fußgängerstraße mit Einkaufsmöglichkeiten in der Großwohnsiedlung Roderbruch in Hannover Groß-Buchholz, Foto: Nico Grunze

Sehen Sie Unterschiede zwischen Neubauvierteln mit Großwohnsiedlungen und historisch gewachsenen Strukturen im Bereich des gesellschaftlichen Zusammenhalts?
Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist heute in vielen Städten in Gefahr. Soziale Ungleichheit schlägt sich sozialräumlich nieder – die Spaltung der Städte in „reiche“ und „arme“, stabile und instabile Quartiere nimmt zu. Nicht immer verläuft die Trennungslinie zwischen Innenstädten und Peripherie, zwischen Gründerzeitviertel und Großwohnsiedlung. Soziale Segregation zeigt sich in jedem Siedlungstyp auch kleinräumig. Das städtebauliche Bund-Länder-Programm Soziale Stadt kann zwar benachteiligende Kontextbedingungen durch Investitionen mindern, es ist aber von zeitlich begrenzter Dauer und in hohem Maße projektorientiert. Soll der soziale Zusammenhalt kein Zauberwort sein, so sind dafür langfristige Antworten erforderlich.

Großwohnsiedlung Roderbruch in Hannover Groß-Buchholz, Foto: Nico Grunze

Welche Parameter braucht es, um Großwohnsiedlungen zum Gelingen zu verhelfen? Geht es um räumliche Fragen, wie Häuser, Straßen- und Platzräume ausgeformt sein müssen, oder um infrastrukturelle und sozial-funktionale, wie etwa die Bereitstellung von Kitas, Schulen, Nachbarschaftstreffs oder Einkaufsmöglichkeiten?
Dazu muss man eigentlich eine Gegenfrage stellen: Woran lässt sich das Gelingen einer Großwohnsiedlung erkennen? Der interessanteste Indikator wäre möglicherweise das Verhältnis der Bewohner, die sich freiwillig zum Bleiben entscheiden oder nicht. Auch ein sozialräumliches Monitoring mit qualitativen Aspekten erweist sich als hilfreich. Denn Großwohnsiedlungen haben viele Gesichter und verändern sich divers. Für wachsende Städte ist anzunehmen, dass die Verdrängung aus modernisierten innerstädtischen Quartieren an den Stadtrand weiter anhalten wird, wenn nicht neue Instrumente und geeignete politische Strategien zum Einsatz kommen. Großwohnsiedlungen werden für Zuziehende wohl mehr leisten müssen als die Versorgung mit Wohnraum und Infrastruktureinrichtungen. Die Mischung von Funktionen, die Stärkung des öffentlichen Raums, eine innovative und bedarfsgerechte Nachverdichtung – etwa speziell für Familien oder auf einer rein baulichen Ebene in modularer Bauweise, sowie gute und durchaus subventionierte Möglichkeiten für Starts in den beruflichen und gewerblichen Sektor sind Stichworte, die es immer wieder neu zu buchstabieren gilt.

Welche Rolle spielt die räumliche Trennung von Arbeiten und Leben bei der Bewertung von Großwohnsiedlungen heute?
Seitdem Alexander Mitscherlich die räumliche Trennung von Arbeit und Wohnen kritisierte, haben sich die Arbeits- und Lebensverhältnisse stark verändert. Der Rückgang industrieller Produktion, die Ausdehnung des Niedriglohnsektors und zunehmende Armutsrisiken sowie die Herausbildung neuer kreativer Schichten haben daran Anteil. Das hausfrauliche Dasein im Einfamilienhaus am Stadtrand geht seinem Ende entgegen, die Formen des Zusammenlebens sind unterschiedlicher geworden.

Wie fällt Ihre persönliche Bewertung von Großwohnsiedlungen aus? Großwohnsiedlungen sind wesentliche Teile des Wohnungsmarkts, werden gebraucht und sind differenziert weiterzuentwickeln. Als Blaupause für wachsende Städte und neue Planungen sind sie aus meiner Sicht jedoch nicht geeignet.

Welche Potentiale und Perspektiven haben Großwohnsiedlungen heute?
Niemand kann mit Sicherheit vorhersagen, wie sich Städte und Großwohnsiedlungen in den nächsten Jahrzehnten entwickeln werden. Gewiss scheint mir, dass Großwohnsiedlungen nach wie vor differenzierte Blicke, aber auch mehr innovative Strategien und überraschende Ideen benötigen. Potentiale dafür gibt es.

Dipl.-Ing. David Kasparek (*1981) studierte Architektur in Köln. Er war als Gründungspartner des Gestaltungsbüros friedwurm: Gestaltung und Kommunikation als freier Autor, Grafiker und Journalist tätig. Nach einem Volontariat und freier Mitarbeit bei
der architekt ist er seit 2008 Redakteur dieser Zeitschrift, seit Anfang 2019 als Chef vom Dienst. David Kasparek moderiert mit wechselnden Gästen die Gesprächsreihe „neu im club im DAZ-Glashaus“, die neu in den BDA berufene Mitglieder vorstellt. Er lebt und arbeitet in Berlin.

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