kritischer raum

Vierzig Baumstämme und mehr Licht

Wegkapelle von John Pawson in Lutzingen-Unterliezheim, Landkreis Dillingen / Schwaben, 2018

Der Weg führt vom ehemaligen Kloster Unterliezheim und dem dazugehörigen Pfarrdorf hügelaufwärts. Durch das vielfältige Grün von Wiesen und Weiden läuft man über ein Sträßchen bis zum Waldsaum: Da wird – im Schatten des dichten Mischwalds fast verborgen – ein hoher Stapel dicker Baumstämme erkennbar. Auf den ersten Blick könnte es sich um einen Lagenpolter handeln, wie der Forstwirt die horizontale Lagerung zum Trocknen von Baumstämmen nennt.

John Pawson, Wegkapelle, Lutzingen-Unterliezheim 2018, Foto: Andreas Denk

John Pawson, Wegkapelle, Lutzingen-Unterliezheim 2018, Foto: Andreas Denk

Doch der Langholzstapel hat einen tieferen Sinn: Der englische „architectural designer“ John Pawson hat das Rohmaterial des Waldes, der sich hier an die landwirtschaftlichen Flächen anschmiegt, zu einer architektonischen Skulptur gefügt. 40 Douglasienstämme mit einer Länge von etwa zwölfeinhalb Metern und 90 Zentimetern Durchmesser bilden einen Baukörper, der durch die naturnahe Anmutung des Materials, die reduzierte und atmosphärisch wirksame räumliche Konzeption zu einem Ort geistiger Konzentration und ästhetischer Reflexion geworden ist.

Pawsons Waldkapelle in Unterliezheim ist das Ergebnis einer seltenen mäzenatischen Initiative. Der schwäbische Holzunternehmer Siegfried Denzel aus Wertingen hat zum Ende seines Berufslebens gemeinsam mit seiner Frau Elfriede eine Stiftung gegründet, um Kunst, Kultur, Geschichte, Religion und Kirche zu fördern. Ein wesentliches Förderziel entwickelte der Kreisheimatpfleger Peter Fassl mit den Stiftern ab 2017: Es geht um den Bau und Unterhalt von sieben Wegkapellen im schwäbischen Landkreis Dillingen. Die Kapellen liegen an neu entstandenen Radwegen, wo sie als Orte der Rast, der inneren Einkehr und Kontemplation dienen sollen. Alle Sakralbauten sind – gemäß der Profession der Stifter – Holzbauten. Sie sollen dauerhaft, nachhaltig, reparatur- und unterhaltsfreundlich und nicht teurer als 100.000 Euro sein. Neben John Pawson wurden unter anderen auch Christoph Mäckler, Volker Staab und Alen Jasarevic für das Vorhaben gewonnen.

John Pawson, Wegkapelle, Lutzingen-Unterliezheim 2018, Foto: Andreas Denk

John Pawson, Wegkapelle, Lutzingen-Unterliezheim 2018, Foto: Andreas Denk

Pawsons Arbeit ist der bisher entschiedenste Entwurf der ringförmig angelegten Sakraltopographie: Vom Hauptweg aus dem Dorf, der tief in den auch im Sommer dämmerigen Forst hineingeht, führt ein schmaler Pfad zum Eingang des Bauwerks: Die Stämme liegen auf einem betonierten Sockel auf, der gleichermaßen als Feuchtigkeitsschutz dient und das Kunstwerk als etwas Besonderes vom Boden abhebt. Die Ansicht einer Ecke offenbart zwei verschiedene Bearbeitungsweisen des Holzes: Im Kontrast zur Längsansicht mit durchlaufenden roh belassenen Stämmen zeigen die Stirnseiten die Fügung der rechtwinklig bearbeiteten Hölzer mit ihren Jahresringen, die ein naturgegebenes Ornament bilden. Um die niedrige Eingangsöffnung herum hat Pawson ein flächiges Rechteck herausarbeiten lassen, das einen Rahmen um die immer offene Pforte bildet. Sie ermöglicht den Zugang zu einem kleinen Vorraum, der mit seinem engen Format auf das hohe Dahinter vorbereitet: Im eigentlichen längsgerichteten Kapellenraum überrascht die Dimension. Mit sieben Metern Höhe und neun Metern Länge füllt der Raum das gesamte Holzgeviert aus.

John Pawson, Wegkapelle, Lutzingen-Unterliezheim 2018, Foto: Andreas Denk

John Pawson, Wegkapelle, Lutzingen-Unterliezheim 2018, Foto: Andreas Denk

Auch innen sind Formen und Bearbeitungsweisen auf das Wenigste beschränkt. Die Wände sind glatt, aber noch fast säge-rau bearbeitet, aus dem Betonsockel hat John Pawson eine schmale, über die ganze Länge des Raums durchlaufende Sitzbank entwickelt, und an der gegenüberliegenden Längswand wurde ein quadratisches Fenster ausgesägt. Die angefaste Fensteröffnung, die den Wandaufbau mit den sich nach außen wölbenden Außenkanten der Baumstämme sichtbar macht, rahmt den Blick auf die hügelige Landschaft, auf das Dorf, auf den Kirchturm des Klosters.

John Pawson, Wegkapelle, Lutzingen-Unterliezheim 2018, Foto: Andreas Denk

John Pawson, Wegkapelle, Lutzingen-Unterliezheim 2018, Foto: Andreas Denk

An der Stirnseite wird die Widmung des Raums deutlich: Hier ist aus den wandbildenden Stammenden eine Kreuzform ausgespart, deren farbige Verglasung bernsteingelbes Licht einfallen lässt. Das Motiv gibt einen Hinweis auf den eigentlichen sakralen Zweck, den das Bauwerk nicht verbirgt, aber auch nicht in den Vordergrund bringt. Denn zu dem gezielten Lichteinfall des Kreuzes treten weitere Lichtquellen: das durch die Reflexion der Sonne auf den Wiesen etwas kühlere, grünliche Fensterlicht, der durch das Holz getönte rötlich-gelbe Widerschein des Tageslichts im Vorraum, der sich auch in der Kapelle abbildet, und schließlich das blauweiße Licht, das die schmalen Wandschlitze unter den Deckenbalken als „Oberlicht“ in den Raum einlassen. Von den vier Lichtsorten, die das Bauwerk zur Anschauung bringt, sind im Innern immer drei gleichzeitig zu sehen und zu vergleichen. Dazu gesellt sich der Duft des bearbeiteten Holzes, die Brise des Waldes und der Wiesen und das taktile Gefühl beim Anfassen der gesägten, immer noch rauen Wände: Sehen, Fühlen, Riechen, Tasten sind die Grundlagen dieser Architektur. Dieses Wechselspiel von sinnlich-atmosphärischer Erfahrung und intelligibler Nähe zu Erscheinungen der Natur machen den Aufenthalt in John Pawsons Kapelle zu einem eindringlichen, aber stillen Erlebnis.
Andreas Denk

John Pawson, Wegkapelle, Lutzingen-Unterliezheim 2018, Foto: Andreas Denk

John Pawson, Wegkapelle, Lutzingen-Unterliezheim 2018, Foto: Andreas Denk

Dieser Text ist erschienen in der architekt 5/20 „das blaue wunder. vom wert und preis des wassers“.

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