Houston, we have a problem

Lektion in Klimaschutz

Gemeinsam mit dem BDA und dem Deutschen Architektur Zentrum DAZ hat die Zeitschrift der architekt den Call for Projects „Houston, we have a problem“ gestartet und um Einreichung substanzieller Beiträge gebeten, die uns dabei helfen können, die Effekte des Klimawandels zu gestalten. Dabei sind rund 150 gebaute und gedachte Projekte zusammengekommen. Im Wochentakt stellen wir an dieser Stelle ausgewählte Beiträge vor.

Wer sich schon einmal gefragt hat, an welcher Universität man „Pferdewissenschaften“ im Bachelor und „Weinbau“ oder „Alpine Naturgefahren“ im Master studieren kann, wird an der Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien fündig. Die BOKU beschreibt sich selbst als „eine der besten Nachhaltigkeitsuniversitäten Europas“ und deckt über die genannten Orchideen-Fächer hinaus all jene Studien- und Forschungsthemen ab, die mit dem Schutz unserer Lebens- und Wirtschaftsgrundlagen verbunden sind. Jetzt hat die Universität zusammen mit dem Architekturbüro Baumschlager Hutter Partners auch architektonisch ein Leuchtturmprojekt geschaffen, das mit seinen ökologischen Standards vorbildlich ist: der Neubau des sogenannten Türkenwirt-Gebäudes – genannt „Tüwi“ – in Wien erhielt vor einer Woche sogar den österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit.

Beginnt man mit den Entstehungsumständen des Projekts, soll nicht unerwähnt bleiben, dass das Tüwi-Gebäude zunächst durchaus umstritten war, insbesondere bei einigen Studierenden. Der gründerzeitliche und baufällige Vorgängerbau, in dem das bekannte „Tüwi-Beisl“ – eine alternative Studentenkneipe mit dazugehörigem Verein – untergebracht war, musste für den Neubau nämlich abgerissen werden. Das mag aus der Nachhaltigkeitsperspektive womöglich widersprüchlich erscheinen, jedoch lässt das Raumprogramm des Neubaus ahnen, wie schwierig ein Umbau des maroden Bestands für die gewünschten Nutzungen gewesen wäre: Ein Hörsaal für 400 Personen ist im neu entstandenen Bauwerk nun untergebracht, außerdem Räumlichkeiten für drei Institute mit über sechzig Mitarbeitern, die Mineraliensammlung sowie Lehr- und Lernbereiche. Auch der Tradition des „Beisl“ wurde Rechnung getragen: neben einer Mensa findet sich im Neubau auch ein neues Lokal mit Hofladen und Gastgarten, in dem der Kulturort des Ursprungsbaus in neuer Gestalt wiederauferstehen soll.

 

Ein Großteil der Funktionen und damit fast die Hälfte der Nutzflächen wurden unter die Erde auf zwei Untergeschosse verlegt. Der Bau sticht hierdurch nicht zu sehr aus der umgebenden gründerzeitlichen Villenbebauung heraus und spart gleichzeitig viel Energie, da die unterirdischen Räume weniger beheizt und gekühlt werden müssen. Durch einen eingeschnittenen Patio mit hängendem Garten kommt in das erste Untergeschoss sogar Tageslicht. An der Außenfassade aus Holzlamellen, die dem Bau seine einprägsame Gestalt verleihen, wird die Lichteinwirkung dagegen eingedämmt, um ein Aufheizen im Sommer zu vermeiden. Auch hier ist eine Begrünung vorgesehen, die zusätzlich zu einem angenehmen Raumklima beitragen soll. Das Energiekonzept des Gebäudes beinhaltet eine Photovoltaik- und Solarthermieanlage auf dem Dach sowie die Versorgung über vierzehn Fernwärme-Tiefensonden. Neben Betonkernaktivierung wird eine Wärmepumpe zur Heizung und Kühlung genutzt. Aufgrund der umfangreichen Maßnahmen erhielt der Bau die Nachhaltigkeitszertifizierung ÖGNI in Platin und ist dabei das erste Bildungsgebäude des Landes, das in allen geprüften Kriteriengruppen die beste Qualitätsstufe erzielen konnte.
Elina Potratz

Türkenwirt Gebäude, Wien, 2016–2018
Architekten: Baumschlager Hutter Partners, Wien
Landschaftsarchitekt: rajek barosch Landschaftsarchitektur, Wien
Bauherr: Bundesimmobiliengesellschaft, Wien
Status: realisiert

 

Fotos: Hannes Buchinger

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