persönliches

Meinhard von Gerkan zum 80. Geburtstag

Immer schneller flogen die Jahrzehnte dahin. Meinhard von Gerkan hat am 3. Januar das 80. Lebensjahr vollendet, und noch in diesem Jahr 2015 erlebt unsere Architektenpartnerschaft ihr 50jähriges Jubiläum. Was für eine überreiche Lebens- und Berufsspanne, wird uns bewusst!

Die ersten drei Jahrzehnte waren für Meinhard geprägt vom Inferno des Krieges, dem Verlust von Vater und Mutter, von der Herausforderung zur Selbstbehauptung als verwaistes Kind, den anthroposophischen Einflüssen der Pflegeeltern und durch das Pendeln des vielseitig begabten Jünglings zwischen Physik, Jura, Schauspiel schließlich hin zur Architektur. Und dann folgten fünf Jahrzehnte prall ausgefüllt mit seiner Selbstberufung zum Architekten, ein von Aktivität strotzendes halbes Jahrhundert lang.

Wir hatten uns in Berlin Ende der fünfziger Jahre getroffen, an der Technischen Universität beim ‚studium generale‘. Der Mauerbau 1961 führte uns von Berlin fort, zum weiteren Studium an der TU Braunschweig. Wir hausten in Braunschweig gemeinsam in einer aufgegebenen Abbruchvilla, fließendes Wasser fanden wir als Hilfsassistenten bei Dieter Oesterlen im Lehrstuhl-Fotolabor und Zeichentische im Zeichensaal von Friedrich Wilhelm Kraemer. Das reichte zum Lernen, aber nicht für den Lebensunterhalt. Meinhard importierte und vertrieb geschäftsklug Luxo-Zeichentischlampen und beide verdingten wir uns bei Architekten, für die wir gemeinsam oder einzeln an der Uni Wettbewerbsentwürfe in eigener Regie zeichneten.

Meinhard von Gerkan (links) und Volkwin Marg (rechts), Foto: gmp

Als wir 1964/65 das Examen machten waren wir schon geübte Entwerfer und hatten für unsere Auftraggeber etliche Preise gewonnen, unter anderen den 3. Preis für Titus Taeschner beim Wettbewerb ‚Theater Wolfsburg‘. Scharoun gewann den 1. Preis, Aalto den 2. Preis, aber unser Idol Jørn Utzon gewann erst nach unserem 3. lediglich den 4. Preis. In der Liga unserer Vorbilder erfolgreich mitspielen zu können, beflügelte unser Selbstvertrauen. Meinhard und ich mieteten sofort in Hamburg ein 1-Zimmer-Büro, ohne auch nur einen Tag angestellt gewesen zu sein. Naiv inserierten wir im Hamburger Abendblatt ‚Architektenzeichnungen fertigen billigst, Tel.: 451026‘. Darauf meldete sich nur ein Taxifahrer für seinen Garagenumbau. Aber bauen konnten wir noch gar nicht. Das lernten wir erst durch Rolf Störmer aus Bremen, der uns mit zwei Wettbewerben beauftragte, die wir auch gewannen. Er war so fair, uns namentlich zu nennen und mit uns eine Arbeitsgemeinschaft zu bilden. So entstanden als unser Praxistest  das Sportforum Diekirch in Luxemburg unter Meinhards Verantwortung und das Max-Planck-Institut für Aeronomie und Stratosphärenphysik im Harz unter der meinen.

Auf den Geschmack des Erfolgs gekommen, machten Meinhard und ich ohne Scheu vor Risiko auf eigene Rechnung weiter Wettbewerbe, unterstützt von helfenden Freunden. Das Resultat war wie ein Rausch, sieben erste Preise im ersten Berufsjahr als Start unserer Partnerschaft. Meinhard und ich entwarfen intuitiv aus baumeisterlichem Selbstverständnis heraus. Das Ziel war stets, die Synthese von Funktionserfüllung, sauberer Konstruktion und deutender Gestaltung als Antwort auf den genius loci, immer mit besonderen Angeboten für die soziale Güte nach dem Motto ‚Cui bono‘. Diese Haltung wurde verstanden und fand Anerkennung, damals – wie heute. Diese Gesinnung ist unser stilbildendes Kontinuum über Jahrzehnte und Generationen hinweg.

Als junge Architekten wollten Meinhard und ich in den BDA aufgenommen werden, um auch standesgemäß zur Architekturelite zu gehören. Unser Aufnahmeantrag beim BDA Hamburg gestaltete sich delikat. Wir wurden gefragt, ob wir es nicht für etwas ehrenrührig hielten, inkognito für andere Architekten als Entwurfs-U-Boote zu agieren. Wir waren in unserer Arglosigkeit zu verblüfft, um die Gegenfrage bezüglich der uns beauftragenden BDA-Mitglieder zu stellen.

Es gab und gibt immer mehr zu tun als Zeit verfügbar ist, und so haben Meinhard und ich schon seit Studentenzeiten fast immer parallel entworfen, frei nach General Blüchers Devise: ‚Getrennt marschieren, vereint schlagen‘. Das war nicht nur produktiver, sondern entsprach auch der Unterschiedlichkeit unserer Charaktere. Bei gleicher Entwurfsgesinnung weiß sowieso jeder von uns, wie der andere denkt – und es ähnlich oder anders machen würde.

Mit den Projekten wuchs unser junges Büro. Meinhards Jugenderfahrung und unternehmerische Begabung half dem extemporierten Architekturbetrieb organisatorisch schnell aus den Kinderschuhen. Der Flughafen Berlin-Tegel brachte für uns den ersten Quantensprung. Der spektakuläre Wettbewerbserfolg basierte auf den Erkenntnissen aus Meinhards Diplomarbeit für den Flughafen Hannover-Langenhagen. Das weiterentwickelte ‚drive in‘ Entwurfskonzept war derart überzeugend – und nicht minder Meinhards Auftritt bei den folgenden Vertragsverhandlungen so selbstsicher, dass es uns Anfängern sogar gelang, schrittweise den Auftrag für den Gesamtkomplex zu ergattern.

Die Rückkehr des Architekten Meinhard von Gerkan an den Strand von Jurmala, Villa Guna, Riga 2007, Foto: Heiner Leiska

Mit dem Bauen wuchs unsere Partnerschaft, Ralf Niedballa war der erste von drei Partnern. Als früherer Bauleiter bei Scharouns Philharmonie brachte er Erfahrung aus der Baupraxis mit. Meinhard organisierte unser Filialbüro und steuerte Berlins größtes Bauprojekt, das nach nur drei Jahren Bauzeit in Betrieb ging. So wenig Scheu wie vor dem Wettbewerb in Berlin Tegel hatte Meinhard vor der weltweiten Konkurrenz beim internationalen Wettbewerb für die iranische Nationalbibliothek 1978. Eine globale Herausforderung und ein sensationeller Sieg, doch alsbald eine Enttäuschung, nachdem die islamische Revolution das Projekt zunichte machte.

Später in China verlief es günstiger. Sein Wettbewerbserfolg für die Deutsche Schule in Peking im Auftrag der Bundesrepublik wurde zum ersten eines sich von Wettbewerbserfolg zu Wettbewerbserfolg steigernden Spektrums an Projekten. Zum frühen Zeitpunkt die Chancen einer Qualitätsauslese in Chinas Bestreben nach guter Architektur wahrgenommen und genutzt zu haben, ist Meinhards unternehmerischem Weitblick und nicht erlahmendem Entwurfselan zu danken. In China und Vietnam sind unsere Bauten zu architektonischen Inkunabeln geworden, eine Teamarbeit mit unseren inzwischen langjährigen jüngeren Partnern, die in die Führung unseres Büros hineingewachsen sind.

Zur Architektentätigkeit war Lehrtätigkeit gekommen. Meinhard war der erste, der früh berufen wurde, an die TU Braunschweig, ich später an die RWTH Aachen. Eine besondere Ehre für ihn, schon in jungen Jahren Nachfolger unseres Lehrmeisters Friedrich Wilhelm Kraemer zu sein, wie für mich, Nachfolger des verehrten Gottfried Böhms zu werden. Lehren erfordert Selbsterklärung in allen Fragen persönlich zu begründenden entwurflichen Ermessens. Das hat uns geschult in Wort und Schrift, den bereichernden Dialog zwischen den Generationen eröffnet und den Zustrom engagierter Studenten, Diplomaten und Assistenten.

Wir verstehen uns als Generalisten. Meinhard hat das mit der Bezeichnung: ‚Der Spezialist für das Ganze‘ auf den Punkt gebracht, vom eigenen Möbeldesign bis hin zur Stadtplanung für die chinesische Millionenstadt Linggang.

Meinhard von Gerkan, Foto: Wilfried Dechau

Dem Wachsen unseres Werkes folgten Ehrungen: Großer BDA-Preis, Schumacher Preis, Medaille der Freien Akademie der Künste, Bundesverdienstkreuze, Ehrendoktorwürden und so weiter, aber zusätzlich für ihn noch Ehrenmitgliedschaften, Lehraufträge und sogar der Ehrendoktor der Theologie. Das Pflegekind eines Pastorenehepaars der anthroposophischen Christengemeinschaft hatte mit unserem Partner, Joachim Zais, den schönsten Pavillon für die Welt-Expo 2000 in Hannover geschaffen: den ökumenischen Christuspavillon, dessen Hauptbau heute – ab- und wieder aufgebaut – die Kirche des evangelischen Klosters Volkenroda bildet.

Bejubelten Erfolgen stehen auch ärgerliche Fehlschläge gegenüber, die wir verschmerzen müssen. Das betrifft nicht nur viele ungebaute preisgekrönte Wettbewerbsprojekte, sondern auch Bauten, die verstümmelt oder nicht rechtzeitig in Betrieb gehen konnten.

Meinhards mit dem Bahnchef Heinz Dürr gestartete ‚Renaissance der Bahnhöfe‘ hatte unter anderem den Bau des Berliner Hauptbahnhofs zur Folge, der erlitt später kostspielige Verstümmelungen. Noch ärgerlicher ist das derzeitig nicht enden wollende Management-Desaster der Flughafengesellschaft bei der Reparatur der inkompatiblen elektronifizierten Feuersicherheitsanlage der von ihr beauftragten Branchenriesen Siemens und Bosch für den Berliner Flughafen BBI, das an das Milliarden teure Verspätungsdesaster der Toll Collect Elektronik für die Autobahnmaut durch die Konzerne Siemens und Daimler Chrysler erinnert. Meinhard ist streitbar. Die infame ‚haltet den Dieb-Methode‘ des von sich selbst ablenkenden Auftraggebers hat ihn dazu gebracht, seinen begründeten Zorn zu veröffentlichen.

Mit vollendeten 80 Jahren schaut Meinhard auf ein imposantes Lebenswerk und befindet sich zugleich im Unruhestand, den ich mit ihm teile. Unsere von ihm initiierte gmp Stiftung mit ihrer Fortbildungsakademie aac entfaltet sich unter seiner Fürsorge und die Generationsübergabe in unserer Partnerschaft ist in vollem Gange. Unsere Drei-Generationenbelegschaft ist von Stolz erfüllt, dass wir auch nach 50 Jahren weiterhin im Wettbewerb gegen internationale Konkurrenz erfolgreich sind, in Europa, Asien, Afrika und Amerika. Das Leben hat uns reich beschenkt.

Das erfüllt mich mit Dankbarkeit für Meinhard, der mit mir eine 50jährige Berufsehe durchlebt. Die Freude an dem, was entstanden ist und an dem, was daraus wächst, ist eine schöne Animation für seine und unsere Zukunft.

Volkwin Marg

Fotos: Heiner Leiska/Wilfried Dechau/gmp

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