Gespräche mit Susanne Wartzeck

Im Tempel

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks geht von 250.000 unbesetzten Stellen aus und warnte auf der diesjährigen Internationalen Handwerksmesse in München nicht nur vor einem Wirtschaftseinbruch, sondern auch vor einem Scheitern der Energiewende, wenn Fachpersonal zur Umsetzung fehle. Zum Gespräch darüber treffen sich BDA-Präsidentin Susanne Wartzeck und Die Architekt-Redakteur Maximilian Liesner in Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie (1962–1968), die in den vergangenen Jahren mit höchster handwerklicher Präzision von David Chipperfield Architects saniert wurde.

Maximilian Liesner: Wie erleben Sie den Fachkräftemangel im Handwerk?

BDA-Präsidentin Susanne Wartzeck, Foto: Klaus Hartmann

Susanne Wartzeck: Das ist selbstverständlich ein Thema, und zwar zuerst einmal ein mathematisch-demografisches. Denn grundsätzlich stehen in Deutschland immer weniger junge Leute für den Berufseinstieg zur Verfügung. Dazu beobachten wir eine Verschiebung von den Ausbildungsberufen hin zu einer stetigen Akademisierung. Deutlich mehr Menschen machen Abitur und beginnen anschließend ein Studium an einer Hochschule. Diese Erkenntnis ist nicht neu und ich finde es verwunderlich, dass es so lange gedauert hat, bis sie in der Politik ernsthaft diskutiert wird. Auf den Baustellen beobachten wir das Problem ja schon seit Jahren.

Was ist der Anspruch an das Handwerk vor dem Hintergrund der Klimakrise und Wohnraumoffensive? Es geht ja längst nicht mehr nur um „Maloche“…
Der Handwerksberuf befindet sich in einem grundlegenden Wandel. Neben dem handwerklichen Geschick hat die Digitalisierung einen großen Platz eingenommen. Als ich selbst Mitte der 1980er-Jahre eine Tischlerlehre gemacht habe, gab es nur eine große Formatkreissäge und irgendwann auch eine Plattensäge, daneben aber noch klassisch Hobel, Dickte und Fräse. Das meiste wurde mit der Hand gemacht. Heutzutage ist das anders. Handwerkerinnen und Handwerker brauchen fundierte IT-Kenntnisse, weil sie komplexe Maschinen programmieren. Zwar müssen das nicht alle in einem Betrieb können, aber die gut ausgebildeten Gesellinnen und Gesellen durchaus. Anscheinend ist es bisher nicht gelungen, genug dafür zu werben und diesen Tätigkeiten auch den gesellschaftlichen Stellenwert zu geben, den sie verdienen.

Bei der Zukunftsaufgabe der Arbeit mit dem Bestand rücken das Materielle und das Gemacht-Sein des Vorhandenen ganz besonders in den Fokus. Kommt dadurch dem Handwerk innerhalb der Architektur wieder eine gewichtigere Rolle zu?
Ja, wenn wir uns wieder zu einer Reparaturgesellschaft entwickeln, in der wir Dinge bewahren und weiterentwickeln, brauchen wir Menschen, die das umsetzen können, die Oberflächen von Parkett und Naturstein aufarbeiten oder neue Fensterprofile einsetzen können. Insbesondere im Bestand sind die Lösungen ja oftmals anspruchsvoll. Aber auch wir Architektinnen und Architekten brauchen ein vertieftes handwerkliches Verständnis, weil wir künftig viel genauer schauen müssen, welche Materialien uns überhaupt zur Verfügung stehen. Wenn wir auf Material-Kataster zugreifen, werden unsere Entwurfsprozesse viel stärker vom vorhandenen Material beeinflusst. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass die Entwürfe nicht künstlerisch sein können.

In Walter Gropius’ Bauhaus-Manifest von 1919 heißt es: „Architekten, Bildhauer, Maler, wir müssen zum Handwerk zurück!“ Vier Jahre später hat er sich unter dem Motto „Kunst und Technik – eine neue Einheit“ wieder davon gelöst und der Industrie zugewandt…
In der Architekturlehre ein Verständnis für handwerkliche Tätigkeiten zu vermitteln, ist in meinen Augen weiterhin richtig. Andererseits – und das war ja auch der Ansatz des Bauhauses – müssen Architekturstudierende im Entwurf ganz frei ausgebildet werden, weil sie sonst nur bedingt zu neuen Lösungen finden. Das Handwerk ist eben eine ganz zielgerichtete Frage der Umsetzung mitsamt deren Hemmnissen – und das ist ja auch vernünftig. Nur ist Architektur natürlich mehr als das. Wenn wir uns hier in der Nationalgalerie umsehen, erkennen wir, wie Mies sich mit der Raumwirkung, dem städtebaulichen Kontext und der Zeichenhaftigkeit des Gebäudes auseinandergesetzt hat. Anschließend brauchte es Menschen, die so etwas wie dieses Deckentragwerk herstellen konnten und dabei vor ganz anderen Fragestellungen standen. Deswegen halte ich eine zeitweise Kombination von Handwerk und Entwurf in der Lehre zwar für sinnvoll, glaube aber, dass sie später auch wieder voneinander zu trennen sind.

Oft spitzt sich die öffentliche Debatte darauf zu, dass Handwerk und Hochschulen um die jungen Leute konkurrieren. Wie zielführend ist das?
Eine Einteilung in Gut oder Böse, Falsch oder Richtig bringt uns natürlich nicht weiter, wobei ich insbesondere den Eindruck des Handwerks gut nachvollziehen kann, dass viele gute Leute von den Hochschulen „abgefischt“ werden. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, rechtzeitig gegenzusteuern. In Schulen sind bislang hauptsächlich geistige Fähigkeiten gefragt, während andere Talente und Interessen weniger gefördert werden, die jedoch genauso wichtig sind für unsere Gesellschaft. Ich denke dabei neben dem Handwerk beispielsweise auch an die Landwirtschaft oder soziale Kompetenzen.

Ludwig Mies van der Rohe, Neue Nationalgalerie, Berlin 1962 – 1968, saniert von David Chipperfield Architects, 2012 – 2021, Foto: Simon Menges

Das Handwerk ist nach wie vor männlich dominiert. Auf dem Bau beträgt der Anteil von Frauen gerade einmal zehn Prozent. Welche Bedingungen braucht es, damit die Zahl steigt?
Ich glaube, dass sich durch den Wandel der Handwerksberufe auch die Möglichkeiten für Frauen deutlich verbessern, weil es nicht mehr nur auf die männlich konnotierte Körperkraft ankommt. Zum Beispiel gehe ich davon aus, dass bald viele Bauprozesse auf Vorfertigung setzen werden, die dann wettergeschützt in Hallen stattfindet – und nicht in der Kälte oder Hitze der Baustelle. Aber auch dort können künftig Roboter schwere Arbeiten wie das Mauern übernehmen. Natürlich lassen sich so nicht alle körperlichen Anstrengungen im Bauberuf kompensieren, doch sie können immerhin deutlich reduziert werden. Offenbar ist es dahin aber noch ein weiter Weg, weil die Arbeit bisher noch oft vom „Handwerkerstolz“ geprägt ist, verbunden mit der Einigkeit darüber, wer auf einer Baustelle zu sein hat und wer nicht. Auch dieses Selbstverständnis muss sich ändern – was allerdings nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass unsere Gesellschaft den Frauen und Männern in Handwerksberufen grundsätzlich mehr Anerkennung schuldet.

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