Die Robotron-Gebäude in Dresden werden abgerissen

Von Betonformsteinen und Bleiglasfenstern

Man kommt gar nicht mehr hinterher“, Matthias Hahndorf seufzt. Es gibt so vieles, was zu retten wäre. Derzeit wird das erste Robotron-Gebäude in Dresden, einst Stammbetrieb des größten Computer-Herstellers der DDR, abgerissen. Seit einigen Monaten stehen zwischen Lingnerallee und Bürgerwiese, in zentraler Dresdner Lage, die Bagger und reißen mit dem sogenannten Atrium I einen eher nüchternen Zweckbau ab. Was damit allerdings noch vernichtet wird, ist alles andere als nüchtern, es sind diverse hochwertige Objekte der Kunst am Bau: Fassadenteile mit Wellenverblendern aus Meißner Keramik, Giebelwände mit Glasstücken und Formsteinreihen, eine Schmuckwand auf Betonformsteinen – und die beiden farbigen Bleiglasfenster (Entwurf: Axel Magdeburg, Ausführung: Günter Gera und Gerhard Papstein), die sich zu beiden Seiten eines Treppenhauses im mittleren Verbindungsflügel über die gesamte Gebäudehöhe ziehen. Aktuelle Fotos zeigen, dass der Zustand zumindest von einem der beiden Fenster kein guter ist: Die Glaselemente sind herausgebrochen, die Bleifassungen verbogen.

Bleiglasfenster, nördlicher Hof des Atriumgebäudes I

Bleiglasfenster, nördlicher Hof des Atriumgebäudes I

Das knapp 98.000 Quadratmeter große Areal wurde 2015 an den Investor Immovation aus Kassel verkauft. Er plant an Stelle der Robotron-Gebäude ein neues Viertel: Unter dem Namen „Lingner Altstadtgarten Dresden“ soll ein gemischtes Quartier entstehen, mit Eigentums- und Mietwohnungen, dazu Gewerbeeinrichtungen. Eine „Immobilien-Perle mit Potenzial“, schwärmt die Redaktion des hauseigenen Blogs. Statt großmaßstäblicher Bürokomplexe entsteht kleinteiliger Wohnungsbau, statt der Weite der Moderne sind nun Blockrandstrukturen und Traufhöhen der Vorkriegszeit maßgeblich.

Das Robotron-Gelände wurde 1969 bis 1972 von einem Kollektiv unter Axel Magdeburg und Werner Schmidt im VEB Wohnungs- und Gesellschaftsbau errichtet. Es besteht aus den zwei Atriumgebäuden, einem L-förmigen Bau und zwei kleineren Solitärgebäuden: Die Betriebskantine war in einem freistehenden, leichten Pavillon mit türkisfarbenen Mosaikfliesen untergebracht und das vormalige Rechenzentrum in einem Bau mit geschlossener Fassade, die mit farbig bedruckten Metallelementen belegt ist. Entgegen der damaligen Planungen mit weitaus spektakuläreren Gebäuden (etwa einer Sport- und Kongresshalle mit beinahe dekonstruktivistischer Dachkonstruktion), wurde ein zurückhaltendes Ensemble errichtet. Im Detail jedoch hat es hohe Qualitäten aufzuweisen. Die Dresdner Künstler Friedrich Kracht und Karl-Heinz Adler verwirklichten sich im „Ornament des Sozialismus“: den abwechslungsreich und fantasievoll gestalteten Betonformsteinen. Einige davon sind in den letzten Jahren bereits abgerissen worden. Das Netzwerk Ostmodern, dessen aktivste Mitarbeiter Matthias Hahndorf und Marco Dziallas sind, setzt sich für die Erhaltung der noch verbliebenen Kunstwerke ein. Mittlerweile scheint auch der Investor Immovation dieser Idee gegenüber zumindest aufgeschlossen zu sein. Angeblich möchte er zwei der 14 Segmente der farbigen Bleiglasfenster erhalten. Entgegen der übel zugerichteten Verglasung der Nordseite des Treppenaufgangs sei jene der Südseite nicht zerstört, berichtet der Pressesprecher des Unternehmens, Michael Sobeck – überprüfen kann man das freilich nicht, denn die Baustelle ist abgesperrt. Darüber hinaus will man den Ausbau einer Abbruchfirma überlassen. Matthias Hahndorf hält das für keine gute Idee: „Die Jungs fürs Grobe sollen also die zarten Gläser ausbauen…“

Wenn dies dennoch gelingt, sollen die Segmente im Lapidariaum, einem städtischen Depot für Architekturfragmente, eingelagert werden. Statt einer Sichtbarkeit für die Öffentlichkeit, werden sie quasi als Muster für die Erinnerungsarbeit zukünftiger Generationen aufbewahrt. Es ist auch vorgesehen, zwei Lamellen der wunderbar frisch aussehenden Metallelemente des Rechenzentrums aufzubewahren, das ebenso dem Bagger geweiht ist wie das zweite Atriumgebäude und die Betriebskantine. Jedoch ist hier das letzte Wort noch nicht gesprochen: Im Atriumgebäude, wo sich derzeit ein Hostel befindet, haben Mieter langfristige Verträge. Und das Stadtplanungsamt ist aufgeschlossen gegenüber der Idee, neue Mieter für die ehemalige Kantine zu finden und diese zu erhalten. Steht man heute vor diesem Pavillonbau, kann man sich trotz des sichtbaren Sanierungsbedarfs ein Café oder einen Kulturraum nur allzu gut vorstellen. Ostmodern schlägt außerdem vor, nicht nur einzelne Segmente zu bergen und einzulagern, sondern sie im öffentlichen Raum zu belassen oder gar in den Neubau zu integrieren.

Ehemalige Betriebskantine

Ehemalige Betriebskantine

Die Robotron-Gebäude sind nicht denkmalgeschützt. Matthias Hahndorf sieht die Ursachen auch im mangelnden Willen des Landesdenkmalamtes, den Schutz durchzusetzen. Auf eine öffentliche Anfrage des Netzwerks bezüglich der Erhaltung des Robotron-Gebäudes kam die lapidare Antwort: „Wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei der Rettung wirklich erhaltenswerter Objekte.“

Die Kämpfe des Netzwerks für die Erhaltung der Robotron-Kunst sind noch nicht ausgefochten, da haben sie bereits ein neues Objekt ausgemacht, das durch eine neue gastronomische Einrichtung ersetzt werden soll. Das 1973 eröffnete Pinguin-Café im Dresdner Zoo mit dem markant gezackten Dach und großflächigen Verglasungen nach außen.

aussen_Pinguin-Cafe-36__2015-11-08-web Kopie_WZ

Pinguin-Café, errichtet 1969 für die 20-Jahr-Feier der DDR, 1973 nach Dresden versetzt

Die Geschichte des Gebäudes (Erich Lippmann, VEB Stahlhochbau Eberswalde) ist ungewöhnlich, hatte man es doch 1969 zuerst in der Berliner Karl-Marx-Allee aufgestellt, wo es für die 20-Jahr-Feier der DDR errichtet wurde. 1973 wurde der Pavillon nach Dresden versetzt, es kamen ein zwanzig Meter langes Pinguin-Wandfries von Gerhard Papstein und eine Aluminiumarbeit von Helmut Schmitt hinzu. Pavillon-Bauten wie diese gibt es kaum noch, als Vergleichsbeispiel kann man den Wartburg-Pavillon in Eisenach heranführen, der 2013 unter Schutz gestellt wurde. Auch hierfür haben sich die Ostmodern-Gründer mit dem Denkmalamt in Verbindung gesetzt, und, es gleicht einer Provinzposse: „Das Gebäude war innerhalb weniger Wochen auf der Denkmalliste und dann wieder herunter“, erzählt Matthias Hahndorf. Angeblich, weil die Pläne für einen Neubau eines Cafés auf dem Gelände des jetzigen Pinguin-Cafés zu weit fortgeschritten seien. Offizielle Statements gibt es dazu nicht – auch hier ist ein letztes Wort noch nicht gesprochen.

Juliane Richter

Fotos: Juliane Richter; Ostmodern.org

Artikel teilen:

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*