Texte zur Stadtentwicklung in der Türkei

Von Tarlabaşı zu Taksim

Die aktuellen Proteste in der Türkei entzündeten sich an städtebaulichen Planungen: Der Istanbuler Gezi-Park, der als eine der letzten Grünflächen der Stadt gilt, soll nach Plänen der türkischen Regierung mit einem Einkaufszentrum im Stil der Topçu-Kaserne, einer ottomanischen Militäreinrichtung aus dem 19. Jahrhundert, bebaut werden. Die Demonstrationen wie auch die gewaltsame Räumung des Parks und des angrenzenden Taksim-Platzes machen durchaus mehrere Probleme der zeitgenössischen türkischen Politik offenkundig, wie etwa Fragen der Säkularisierung und der Teilhabe an der Gestaltung des öffentlichen Raums sowie dessen neo-liberale Vereinnahmung. Es ließen sich weitere konfliktträchtige Beispiele aufzählen, wie etwa Gentrifizierungsprozesse im Istanbuler Stadtteil Tarlabaşı.

Politiker, Journalisten und Vertreter von Nicht-Regierungs-Organisationen haben Parallelen zu anderen globalen sozialen Kämpfen gezogen, wie dem „Arabischen Frühling“ und der Occupy-Bewegung. Gibt es auch Gemeinsamkeiten (die intensive Nutzung von Social Media und die gewaltsame Räumung durch die Polizei, die wiederum zur weiteren Ausbreitung der Proteste führte), so wäre es kurzsichtig, voreilige Schlüsse zu ziehen und die heterogenen Prozesse und Motivationen der Protestteilnehmer zu vereinheitlichen.

Der Blog „Society and Space” stellte kürzlich ein Dossier online, das den weiterführende Berichte zu den aktuellen Begebenheiten in Istanbul und in der Türkei im Allgemeinen zusammenfasst. Vor dem Hintergrund der historischen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung des Staates ermöglichen die Texte auch eine tiefgründigere Analyse der veränderten städtebaulichenBedingungen in der modernenTürkei. Der Blog verlinkt auf fünf Papers, die ursprünglich im interdisziplinären Fachmagazin „Environment and Planning“ publiziert wurden, das sich mit Raumtheorie und -bildung im Kontext von Stadtplanung, Design und Humangeographie beschäftigt.

Das erste Paper von Feyzan Erkip untersucht auf der Basis von Feldforschungen die steigende Zahl von Einkaufszentren im traditionellen öffentlichen Raum von Ankara. Der zweite Text von Isa Sagbas et al. bietet einen Überblick über die fiskalische Dezentralisierung in der Türkei in den letzten Jahrzehnten und ihre Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum. Die letzten drei Essays von Güven Arif Sargin, Zeynep Kezer und Anna J. Secor beschäftigen sich mit der Gründung der Türkei und dem Verhältnis zwischen Staat und Individuum in der heutigen Zeit.

Die Artikel vonEnvironment and Planning“ sind normalerweise für einen eingeschränkt Nutzerkreis nach vorheriger Registrierung verfügbar, stehen nun jedoch bis Ende August auf der Website von „Society and Space“ kostenlos und ohne Registrierung zum Download bereit.
Red.

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