Andreas Denk

Kalkül und Desinteresse

„Bauen ist so schwer, und ich werde es nie schaffen. Ich war so traurig gestern Abend, dass ich wünschte, blind zu sein, um diese so anspruchsvolle Wirklichkeit nicht mehr zu sehen. Nur noch denken und nicht mit diesen für mich fürchterlichen Umständen rechnen zu müssen, die mir richtige Erschütterungen jedesmal einbringen. Und das geht mir doch jedesmal so und immer wieder und ewig, so lange ich lebe. – Ich leide einfach – und keiner weiß es, weil ich mehr sehe und anders sehe als die anderen.“

Auch wenn wir vielleicht nicht so sehen wie Egon Eiermann, der dies in seinem leicht larmoyanten Brief an Brigitte Eiermann – geplagt von den Problemen mit der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche – im August 1961 andeutet, sehen wir eins deutlich: Obwohl die Bauten des deutschen Nachkriegs-Großmeisters in unseren Kreisen über viele Zweifel erhaben sind, geraten immer mehr von ihnen in Gefahr, die nächsten paar Jahre nicht zu überleben.

Aktuell ist die IBM-Hauptverwaltung in Stuttgart-Vaihingen dran. Eiermanns Spätwerk, das erst nach seinem Tod 1968 zu Ende gebaut wurde, gehört zu den besten Beispielen der neuen Büroarchitektur jener Jahre. Eiermann, Kraemer und Henn entwarfen in dieser Zeit Strukturmodelle für Großraumbüros, die weltweit mithalten konnten – auch wenn sie nie das globale Auftragsvolumen von Skidmore Owings and Merrill oder anderen amerikanischen Großbüros erreichten.

Doch die architektonische Eleganz und Raffinesse, die gerade Eiermann in seinem ständigen Bemühen schuf, Konstruktion strukturell, tektonisch und formgebend einzusetzen, sprechen heute noch für seine Gebäude. Das gilt auch für die Verwaltung des Computerkonzerns, für die Eiermann in einem längeren Planungsprozess ab 1972 drei unterschiedlich hohe, durch Brücken miteinander verbundene Pavillonbauten auf quadratischem Grundriss in Stahlskelettbauweise entwarf. Eine Caféteria ergänzte das Ensemble. Bei den Atriumhäusern bringt Eiermann sein seit den späten fünfziger Jahren entwickeltes Prinzip einer vorgehängten technischen Fassadenebene zur Vollendung: Sie bewerkstelligt neben funktionalen Aspekten eine optische Auflösung der nicht eben unscheinbaren Baumasse. Die Qualität der Anlage erkannten  auch Kammerer & Belz, die 1983 / 1984 einen Erweiterungsbau für die IBM an der von Eiermann vorgesehenen Stelle und mit fast gleichem architektonischen Repertoire errichteten.

Noch 2000 konstatierte die Eiermann-Gesellschaft in einer Enquete zu Eiermann-Bauten in Baden-Württemberg, dass sich das Ensemble dank guter Pflege durch die IBM „in ausgezeichnet gutem Zustand“ befinde. 2013 sieht dies anders aus. Vor sechs Jahren hat die IBM für 83 Millionen Euro das Gelände an den Immobilieninvestor CB Richard Ellis verkauft – wohl, weil sie in Europa kürzer treten musste. Seitdem liegt das Gelände brach. Der Immobilienfonds, der von sechs Objektgesellschaften getragen wurde, scheiterte beim Versuch, die Gebäude zu vermieten oder zu verkaufen – und die Trägergesellschaften sind inzwischen pleite. Die Frankfurter Insolvenzverwalter, die im Auftrag des Hauptgläubigers, der Hamburger DG Hyp, einem Segment der Volks- und Raiffeisenbank, agieren,  haben bei der Stadt Stuttgart ohne Ansehen der architektonischen Güte einen Abrissantrag für die denkmalgeschützten Gebäude gestellt. Gerade der Denkmalschutz verhindere, dass sich ein Investor fände. Abriss oder Verfall  –  alles andere sei wirtschaftlich unzumutbar, verlautbaren die Insolvenzvollstrecker.  Wenn die Stadt dem Antrag nicht entspricht, was Baubürgermeister Matthias Hahn andeutet, wollen sie das Ensemble sich selbst überlassen. Dann wäre die Stadt für die Sicherung des Geländes zuständig.

Die verzweifelte Suche nach Alternativen hat bereits merkwürdige Früchte getragen: Inzwischen sind ein Teilabriss des Ensembles, eine Ergänzung der Bauten, die Enteignung oder die Zwangsversteigerung diskutiert worden. Für Peter Schürmann, den BDA-Vorsitzenden Baden-Württembergs, ist die Sache klar: In einem Offenen Brief hat er Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn aufgefordert, sich für den Erhalt der Eiermann-Bauten einzusetzen und dabei die Hilfe des BDA angeboten. Baubürgermeister Hahn kann sich einen Campus für Universität und Unternehmen vorstellen – der Uni hingegen sind die Kosten für einen Umbau zu hoch.

Noch gruseliger als bei den verwahrlosenden „Eiermännern“ in Stuttgart sieht es in Krefeld aus. Hier hat die Stadtverwaltung 1978 die ehemalige Hauptverwaltung der VerSeiDAG, des ehemaligen großen Krefelder Seidenkonsortiums, bezogen, aber seitdem kaum etwas zur Bauunterhaltung getan. Inzwischen fallen die schwarzen Kacheln bündelweise aus der Fassade, und die Rolläden hängen pittoresk in den Seilen. Hier war es sogar ein Teil des Stadtrates selbst, der den Abriss des Gebäudes und die Veräußerung des Grundstücks ins Gespräch brachte. Das Denkmal sei eher „ein Mahnmal“, konstatierte ein Stadtpolitiker.  Inzwischen scheint sich die Stadt immerhin anders besonnen zu haben – und einer Sanierung den Vorrang vor dem Kahlschlag zu geben. In welchem Zeitraum und zu welchen Bedingungen die sensible Architektur des 1953 fertig gestellten vierstöckigen Verwaltungsgebäudes und des über eine spektakuläre Glasbrücke angebundenen, durch eine plumpe Vorhangfassade bereits wesentlich verunstalteten achtstöckigen Turms saniert werden soll, ist bislang unbekannt. Insider konstatieren den Räten ein „gnadenloses Desinteresse“.

Inzwischen verfällt der schöne Bau weiter. Die Dachterrasse, die die Caféteria im obersten Geschoss des Turms umläuft, darf schon nicht mehr betreten werden – und das Entrée mit einem Restbestand von Eiermann-Möbeln und einem tumben neuen Tresen wirkt so, als sei es der Eingang zu einem Billig-Hostel. „Das Haus sieht jetzt schon innen so aus, dass es nicht behandelt, sondern misshandelt wird. Und wenn es so weiter geht, werden in zwei Jahren Reparaturen fällig sein, die viel teurer sind als die Pflege, die man diesem Neubau außen und innen, einschließlich des Gartens, angedeihen lassen muss“, schrieb Egon Eiermann zu Lebzeiten an die Vorstandssekretärin der Essener Steinkohle-Bergwerke AG, für die er 1960 ein Verwaltungsgebäude errichtet hatte. „Es bedarf also hier einer Erziehungsarbeit, die zu leisten ist, um die Leute darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich nicht in einer Kaserne befinden, sondern in einem kostbaren Gebilde, das ihnen nicht gehört.“ Eiermann schwebte damals eine „ganz klare Organisation“ vor, „die für die Sauberhaltung und Pflege des Gebäudes verantwortlich ist. Das wird Geld kosten; aber ich erkläre, dass ein verdorbenes und ungepflegtes Haus später in Ordnung zu bringen auch später das Doppelte kosten wird.“ Hätte doch jemand auf ihn gehört!

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Ein Gedanke zu „Kalkül und Desinteresse

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