Buch der Woche: Architekturführer Frankfurt 1970–1979 und 1980–1989

Architektur als kulturelle Praxis

Wilhelm Opatz, 1962 geboren und studierter Innenarchitekt, führt mit Natalie Opatz in Frankfurt eine Kommunikationsagentur. Er ist ein guter Kenner der Architekturszene am Main und gibt seit 2014 im Zweijahrestakt gemeinsam mit dem Verein „Freunde Frankfurts“ eine bemerkenswerte Reihe von Architekturführern heraus. Die Bände „Frankfurt 1950–1959“ (vergriffen) und „Frankfurt 1960–1969“ erschienen noch im schweizerischen Niggli-Verlag, „Frankfurt 1970-1979“ und das nun vorgelegte „Frankfurt 1980–1989“ wurden im Hamburgischen Junius Verlag verlegt.

Richard Heil, Frankfurter Büro Center, Frankfurt am Main 1979, Foto: Georg Dörr

Richard Heil, Frankfurter Büro Center, Frankfurt am Main 1979, Foto: Georg Dörr

Alle vier Bücher gleichen sich. Das macht sie aus, darüber definieren sich Architekturführer. Alle sind in edles Leinen eingeschlagen, tragen mit dem Softcover dennoch nicht zu dick auf. Zehn Bauten werden pro Band im Detail vorgestellt, hinzu kommen begleitende und über den Tellerrand der Architektur blickende Essays und Interviews. Dabei ist die Auswahl der Bauten erfrischend und wenig erwartbar. Nicht die zig-fach publizierten, vermeintlichen Klassiker bestimmter Jahre werden gezeigt, sondern die etwas abseitigen Beispiele. Auch grafisch folgt die Reihe stets dem selben Prinzip. Abgerundet wird all das durch kurze Vitae der Architektinnen und Architekten, die im Buch vertreten sind, wie jene der Köpfe hinter der Reihe.

KSP Kraemer Sieverts & Partner , Bürohaus Atricom, Frankfurt 1990, Foto: Georg Dörr

KSP Kraemer Sieverts & Partner, Bürohaus Atricom, Frankfurt 1990, Foto: Georg Dörr

„1970–1979“ etwa hält ein Interview mit Edgar Reitz und eine kurze Kritik des von Giorgio Moroder komponierten Songs „Smog über Frankfurt“ von Michael Holm bereit, sowie ein Essay von Jörg Stürzebecher zur Wortbildmarke der Deutschen Bank. Ab und an muss man schmunzeln: Etwa, wenn die Frage, wie viele selbst entworfene Freischwinger man wohl in einem Haus unterbringen kann, ungewollt geklärt wird. Ein Foto des schönen und gut in die Jahre gekommenen Haus Behrens am Treutengraben, aufgenommen in der Abenddämmerung, vermittelt eine Ahnung davon.

 

Günther Balser , Wohnanlage Sonnenring, Frankfurt 1977, Foto: Georg Dörr

Günther Balser, Wohnanlage Sonnenring, Frankfurt 1977, Foto: Georg Dörr

 

Der aktuelle Band macht genauso weiter. „Schwer zu vermittelnde“ oder unbequeme Bauten wie das Stadtschulamt und heutige Amt für Bau und Immobilien (ehem. Hochbauamt) oder das Feuerwehrgerätehaus in der Assenheimer Straße stehen hier nebeneinander, genauso wie Klassiker der lokalen Postmoderne. Dass dabei erstgenannter Amtsbau von JSK Architekten und das Gerätehaus der Feuerwehr aus der Feder des städtischen Hochbauamts stammt, zeigt: Hier geht es um die Architektur selbst. Losgelöst von vermeintlichem Rang durch Namen und eingebettet in den Kosmos kultureller Güter. Architektur ist hier nicht die Mutter der Künste, sondern Teil einer das Leben bereichernden kulturellen Praxis.

HPP Hentrich-Petschnigg & Partner, Zweit-Auslandsvermittlung, Frankfurt 1987, Foto: Georg Dörr

HPP Hentrich-Petschnigg & Partner, Zweit-Auslandsvermittlung, Frankfurt 1987, Foto: Georg Dörr

 

Heike Edelmann etwa schreibt über das „Wolkenkratzer Art Journal“, Michael Brumlik ordnet den Antisemitismus des Fassbinder-Stücks „Der Müll, die Stadt und der Tod“ und die Verhinderung seiner Aufführung durch die Besetzung der Bühne der Frankfurter Kammerspiele durch eine Gruppe engagierter Frankfurter jüdischen Glaubens ein. Oda Pälmke widmet dem vielleicht formalistischsten Entwurf in Oswald Mathias Ungers Werk, dem für das Deutsche Architekturmuseum entworfenen Stuhl mit nur einer Armlehne, einen gleichermaßen augenzwinkernden wie auch ernst gemeinten Text, Luise King und Peter Cook berichten über Lehre und Studium in der Architekturklasse der Städelschule.

Die Auswahl der Bauten, die kaum erwartbar erscheint und mit den Bildern von Georg Dörr und Adrian Seib einer Bewährungsprobe der jeweiligen Häuser gleichkommt, zeichnet die Bände aus. Allein schon deshalb darf man gespannt auf die Auswahl der Projekte der Jahre 1990 bis 1999 hoffen. Denn wo nach dem eleganten Funktionalismus der 1950er bis 1960er Jahre zunächst die Postmoderne und vor kurzem erst der Brutalismus rehabilitiert wurden, fristen die Glas-Stahl-Konstruktionen der Nachwendezeit ein noch weitgehend schlecht beleumundetes Dasein. Dieser Reihe ist es zuzutrauen, dem nächsten Trend gerade rechtzeitig das Wort zu reden und die textliche wie optische Argumentationshilfe zu liefern. Deutsches Architekturmuseum, bitte übernehmen.
David KasparekArchitekturführer Frankfurt 1970–1979, hrsgg. von Freunde Frankfurts und Wilhelm E. Opatz, Fotografien von Georg Dörr, 224 S., 76 farb. Abb., Junius, Hamburg 2018, 44,– Euro, ISBN 978-3-88506-814-3

Architekturführer Frankfurt 1980–1989, hrsgg. von Freunde Frankfurts und Wilhelm E. Opatz, Fotografien von Georg Dörr und Adrian Seib, 208 S., 80 farb. Abb., Junius, Hamburg 2020, 44,– Euro, ISBN 978-3-96060-525-6

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Ein Gedanke zu „Architektur als kulturelle Praxis

  1. super ! keine abfotografierte Architektur sondern fotografische Verdichtung als ein Mittel um das Exemplarische der Architektur zu veranschaulichen.
    Dem Herausgeber sei Dank.
    Volker Liesfeld

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