Buch der Woche: Kunst am Bau in der DDR

Die Wandbild-Entmüdung

Ob am Berliner Alexanderplatz oder im Stadthallenpark in Chemnitz: noch heute ist das künstlerische Erbe der DDR vielerorts nicht zu übersehen. Die öffentliche Wahrnehmung war jedoch jahrelang von einer „Wandbild-Ermüdung“ oder tiefsitzenden Vorurteilen geprägt. Spätestens der Erfolg des im Januar 2020 in der Akademie der Künste abgehaltenen Symposiums „Kunst am Bau in der DDR – gesellschaftlicher Auftrag, politische Funktion, stadtgestalterische Aufgabe“ zeigte einen Imagewandel. Die Befunde des Symposiums zum Jubiläum „70 Jahre Kunst am Bau in Deutschland“ sind in der gleichnamigen Publikation des Deutschen Kunstverlags dokumentiert.

Gerhard Bondzin, „Der Weg der roten Fahne“, 1969, Kulturpalast Dresden, Foto: Martin Maleschka

Gerhard Bondzin, „Der Weg der roten Fahne“, 1969, Kulturpalast Dresden, Foto: Martin Maleschka

Seit den 1950er Jahren waren sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR die Beteiligten bei staatlichen Bauvorhaben verpflichtet, Kunst in die Planung zu integrieren. Die Staatsideologie der DDR fand Ausdruck in großformatigen Wandbildern sowie Denkmälern und fügte sich mit den großteils seriell angelegten Baukörpern zu einem Gesamtensemble zusammen. Mit ihrer enormen Präsenz wurde die Kunst am Bau jedoch über ihre politischen Botschaften hinaus auch selbstverständlicher und prägender Teil des öffentlichen Raums.

Walter Womacka, „Unser Leben“, 1962–1964, Haus des Lehrers, Berlin, Foto: BBR/Cordia Schlegelmilch

Walter Womacka, „Unser Leben“, 1962–1964, Haus des Lehrers, Berlin, Foto: BBR/Cordia Schlegelmilch

Nach einleitenden Worten von Anne Katrin Bohle, Wulf Herzogenrath und Petra Wesseler wird das Thema „Kunst am Bau in der DDR“ in ausführlichen Beiträgen von Thomas Flierl, Roman Hillmann, Paul Kaiser, Silke Wagler, Ulrike Wendland und Ute Chibidziura aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Über die Einordnung in den kunst- und architekturhistorischen Kontext bis hin zur Bedeutung von serieller Vorfertigung klärt das Buch in den Themenbeiträgen auf. Neben der geschichtlichen Einordnung und der formalen Entwicklung wird auch immer wieder die Frage nach dem Umgang mit baugebundener Kunst der DDR im 21. Jahrhundert aufgeworfen: „Kunst am Bau ist als Auftragskunst seit jeher Schnittstelle und Bindeglied zwischen Architektur, Politik und Stadtgestaltung“. Dem widmet sich auch das Podiumsgespräch des Symposiums, welches den dritten und letzten Teil des Buchs ausmacht.

Emilia Bayer, „Theater Schumann, Zirkus Renz, Varieté“, 1982–1984, Friedrichstadt-Palast, Berlin, Foto: BBR/Cordia Schlegelmilch

Emilia Bayer, „Theater Schumann, Zirkus Renz, Varieté“, 1982–1984, Friedrichstadt-Palast, Berlin, Foto: BBR/Cordia Schlegelmilch

Nach dem Ende der deutschen Teilung ging viel an ostdeutscher Bausubstanz und Kunstschaffen verloren oder versank in der Bedeutungslosigkeit. Umso schöner, dass sich die vorliegende Publikation einreiht in eine neu auflebende Begeisterung für die „Ostmoderne“ und Aufmerksamkeit auf die Forschung zur Kunst am Bau in der DDR lenkt. Obschon den wohlgewählten Bildern an mancher Stelle ein wenig mehr Raum zum Wirken gutgetan hätte, bleibt der Text durch die vielen Beispiele abwechslungsreich illustriert. Mit „Kunst am Bau in der DDR“ wird die Grundlage Kunst- und Baukultur der DDR einer breiten Bevölkerungsschicht zugänglich gemacht.
Lisa-Marie Wesseler

Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI), Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Ute Chibidziura und Constanze von Marlin (Hrsg.): Kunst am Bau in der DDR. Gesellschaftlicher Auftrag – Politische Funktion – Stadtgestalterische Aufgabe, 132 S., zahlr. farb. Abb., 32,– Euro, Deutscher Kunstverlag, ISBN 978-3-422-98606-0

 

 

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