Buch der Woche: Moholy-Nagys „Von Material zu Architektur“

Bauhausbücher revisited

Der Berliner Gebrüder Mann Verlag hat im Bauhausjahr drei der bekanntesten Bauhausbücher neu gedruckt. Wir werfen einen Blick auf László Moholy-Nagys Buch „Von Material zu Architektur“ aus dem Jahr 1929 – eine Art Lehrbuch, in dem der berühmte Bauhauslehrer seine Methodik und Denkweise erläutert. Als Leiter des Vorkurses, einer breit aufgestellten Grundausbildung, die alle Schüler durchlaufen mussten, entwickelte er einen Ansatz, in dem der „totale Mensch“ mit all seinen Sinnen sowie seinem Intellekt berücksichtigt wird. 

Bauhausbücher. László Moholy-Nagy, von material zu architektur, 1929, Umschlag

László Moholy-Nagy muss als ein Universalkünstler gesehen werden, der sich aller Techniken und Methoden, die seine Zeit bereithielt, bediente – von Malerei, Film und Fotografie über Skulptur und Lichtinstallation bis hin zu Theater. Ebenso allumfassend war auch sein Menschenbild – für ihn sollte der Mensch raus aus der Spezialisierung, die ihm die Wahl eines Berufs auferlegt und wieder zurück zum Zustand des auf allen Gebieten befähigten „primitiven Menschen“. Dies ist der Ausgangspunkt von Moholy-Nagys Publikation, auf die sich Generationen von Gestaltern seit den 1920ern bezogen haben. Aber nicht nur die ganzheitliche Betrachtung des Menschen mag Leser bis heute ansprechen, es ist zudem die zukunftsorientierte und technikaffine Haltung, die er hiermit verband. Denn: Er forderte keine Rückkehr zu urzeitlichen Lebensweisen, sondern dezidiert die Integration der neuesten technischen Errungenschaften. Die Massenproduktion sah er nicht als Bedrohung, sondern als Befriedigung von Massenbedürfnissen – „nicht gegen die technik, sondern mit ihr“. Zugleich soll Technik aber niemals Zielsetzung sein, sondern „stets nur mittel“. 

Làszlò Moholy-Nagy, 1922, kinetisches konstruktives system, bau mit bewegungs für spiel und beförderung

Für die Ausbildung des Bauhäuslers sah Moholy-Nagy, wie bereits der Titel verrät, eine schrittweise Erarbeitung von „Material zu Architektur“ vor. Am Anfang seiner allumfassenden Schulung soll der Bauhäusler dabei über das Ertasten von Materialien seinen vernachlässigten Sinnesapparat aktivieren und schärfen. Im nächsten Schritt soll er Bearbeitungstechniken erproben und in einer Übung unterschiedliche, haptisch erfassbare Oberflächen entwickeln – aus heutiger Sicht keine ungewöhnliche Herangehensweise an eine gestalterische Ausbildung. Interessant ist dagegen aber, wie Moholy-Nagy sich von dieser sinnlichen Herangehensweise im nächsten Schritt wieder zu lösen scheint und sich dem rein funktional entwickelten Gebrauchsgegenstand zuwendet: „auf allen gebieten des schaffens bemüht man sich heute, reine funktionelle lösungen technisch-biologischer art zu finden“. Wo die perfekte Zweckform noch nicht gefunden sei, legte Moholy-Nagy große Hoffnung in zukünftige Erkenntnisse der „funktionsforschung“. So meinte er etwa, dass diese irgendwann die optimale Wandfarbe für die jeweiligen Erfordernisse des Raums ermitteln könne. Es ist mitunter ebenjene Ausprägung des Bauhausgedankens, dem man später mit erheblichem Widerstand begegnete, etwa in der Postmoderne.

László Moholy-Nagy: von material zu architektur. Reprint der ersten Auflage von 1929 mit einem Vorwort von Jeannine Fiedler

Wie aber steht der Medienkünstler Moholy-Nagy, der selbst keine Bauten entwarf, zur Architektur? Diese steht am Ende des Buches im Fokus, nachdem sich Moholy-Nagy vom Material über Malerei zu dreidimensionalen Objekten und kinetischen Skulpturen hingearbeitet hat, und scheint ebenfalls zunächst durch die Frage nach Berechenbarkeit funktionaler Bedürfnisse geprägt. Es ist aber überdies das Raumerleben, das Moholy-Nagy in den Mittelpunkt rückt: „architektur nicht als komplex von innenräumen, nicht nur als schutz vor wetter und gefahren, nicht als starre umhüllung, als unveränderbare raumsituation (…), sondern als bewegliches gebilde zur meisterung des lebens, als organischen bestandteil des lebens selbst“. Moholy-Nagy sprach der Architektur dabei die Fähigkeit zu, den einzelnen Menschen sowie die Gesellschaft zu prägen, sie „zur steigerung und zur harmonischen auswirkung der kräfte“ zu führen. Wenngleich seine Worte hier unkonkret und beinahe esoterisch anmuten, so wird doch im Folgenden deutlich, wie sein Herantasten über die Skulptur, Plastik und Kinetik seinen Blick auf die Architektur schärft und wegführt von Oberflächlichkeiten. Sowohl die wahllose Applikation historischer Architekturelemente, als auch die missverstandene „moderne“ Form des Kubus, die bloße „zusammenstückelung von hohlkörpern“, verurteilt er. Sein Ansatz ist: den Raum vom Menschen und seinen Sinnen und seinem Erleben aus zu denken und nicht als Addition von „funktionsteilen“. Bis heute bleibt Moholy-Nagys Buch ein lesenswertes Puzzleteil zum Verständnis des komplexen Kulturphänomens des Bauhauses und der damit einhergehenden Entwicklung in der Architektur.
Elina Potratz

László Moholy-Nagy: von material zu architektur. Reprint der ersten Auflage von 1929 mit einem Vorwort von Jeannine Fiedler, Hardcover, 252 S., 211 sw-Abb., Gebr. Mann Verlag, Berlin 2019, 59 Euro, ISBN 978-3-7861-2817-5

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