Buch der Woche

Alte Fragen – Neue Heimat

Das gemeinnützige Wohnbauunternehmen „Neue Heimat“ hat wie kein anderes den Wohn- und Städtebau der Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre hinein beeinflusst. Wenngleich man die städtebaulichen und architektonischen Ideale, die der wegweisende Immobilienkonzern verfolgte, heute mitunter kritisch betrachtet und auch der Untergang der Neuen Heimat 1987 ein Scheitern auf vielen Ebenen darstellte, möchte Michael Mönninger in seiner Publikation „Neue Heime als Grundzellen eines gesunden Staates“ dennoch die Erinnerung an den Gewerkschaftskonzern wachhalten. Denn: Eine völlig von privaten Unternehmen dominierte Wohnungswirtschaft war nicht immer so selbstverständlich wie es uns heute erscheinen mag.

Michael Mönninger: Neue Heime als Grundzellen eines gesunden Staates | Städte- und Wohnungsbau der Nachkriegsmoderne

Es war der ehemalige Siedlungsdezernent von Frankfurt am Main, Ernst May, den man 1954 als Leiter des Planungsamtes der 1929 in Hamburg gegründeten „Neuen Heimat“ einstellte. May hatte in den 1920ern das Stadterneuerungsprogramm „Neues Frankfurt“ geleitet und war nach einigen Jahren im Siedlungsbau der Sowjetunion, wo er unter anderem die Arbeiterstadt Magnitogorsk baute, zwei Jahrzehnte als Farmer in Afrika gewesen. Kurz nachdem May nun seinen Posten als Chefplaner antrat und so bekannte Projekte wie etwa Bremens Großwohnsiedlung Neue Vahr verwirklichte, gründete er die Zeitschrift „Neue Heimat Monatshefte“ – nicht als firmeninternes Mitteilungsblatt, sondern dezidiert als Fachzeitschrift, mit der man inhaltliche Maßstäbe im Wohnbau setzen wollte. Ebenjenes Fachblatt ist es nun, das Mönninger in den Fokus seiner Betrachtung der Neuen Heimat gestellt hat und anhand dessen er die „politischen, soziologischen und vor allem kulturellen“ Umstände und Auswirkungen des Unternehmens analysieren will.

Bereits der erste Text „Unser Ziel“ von Ernst May, den Mönninger aus der gewaltigen Anzahl an Beiträgen des von 1954-1981 erschienenen Hefts ausgewählt hat, mag bei den meisten heutigen Lesern deutliches Befremden auslösen. Der Pathos eines kulturellen Umbruchs durch das Bauen wird von May mit nationalistischen Tönen und Ressentiments gegenüber den Siegermächten untermalt, denen er, anstatt Dankbarkeit zu zollen, Zerstörungs- und Unterjochungswillen unterstellt und die deutsche Nation somit als Opfer stilisiert: „Aus allen Wunden blutend raffte sich der Deutsche in einer alle Schichten des Volkes umfassenden Gemeinschaft auf zu unerhörter Tat, indem er aus rauchenden Trümmern innerhalb eines kurzen Decenniums eine Neuschöpfung erstehen ließ, die die Welt in Staunen versetzte, die bewies, dass selbst die Schrecken der hinter unserem Volke liegenden Götterdämmerung es nicht vermochten, die Kraft unserer Nation an der Wurzel zu treffen.“ Diese aus heutiger Sicht fragwürdige Perspektive ist dabei kennzeichnend für die Bewältigungs- und Motivationsstrategien der Nachkriegsgesellschaft.

Wohnanlage Mannheim-Vogelstang mit 5 443 WE. Maßnahmeträger ist die Neue Heimat Baden-Württemberg.
Abbildung aus: NH Monatshefte 4 / 1974, o. S.

Wie Mönninger treffend hervorhebt, liest sich die Zeitschrift aber nicht nur als Zeugnis seiner Zeit, sondern darüber hinaus „wie ein Geschichtsatlas des deutschen Wohnungs- und Städtebaus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“. So wird in Mays Erörterungen die Abwendung von jeglichen Traditionen der Baukunst propagiert: „Nur schwache Völker, die an der eigenen Gestaltungskraft verzweifeln, greifen zu schwächlichem Kopieren der Ausdrucksformen vergangener Zeiten“. So wie zunächst Abstand von bestehenden baukünstlerischen Tendenzen genommen wurde, wandte man sich Ende der 1960er Jahre schließlich vermehrt utopischen Ideen zu. Über die Jahrzehnte hinweg wurde in den Beiträgen immer wieder diskutiert, was die Stadt, Siedlung und Wohnung eigentlich lebenswert macht, in welcher Weise Urbanität, Natur, Intimität und Gemeinschaft, Dichte und Großzügigkeit zueinander im Verhältnis stehen sollten. Ablesbar sind diese Entwicklungen in gewissem Maße in den Projekten der Neuen Heimat, die über Bremens Neue Vahr bis zu Münchens „Entlastungsstadt“ Neuperlach reichen und sich erst relativ spät von den Trabantenstädten auch den Innenstädten zuwandten. Interessant scheinen diese Diskurse gerade deswegen, weil wir die Verwirklichung der formulierten Vorstellung heute im Rückblick besser bewerten können.

Mönninger gliedert seine Publikation in übergeordnete Themenkomplexe, die von den „Leitbildern“ über „Utopien“ bis hin zu den „Großsiedlungen“ und der „Innenstadt“ reichen. Jedes Thema wird hierbei mit einer zusammenfassenden Analyse im ersten Buchteil und in Original-Texten im zweiten Buchteil dargelegt. Das leicht unterschiedlich farbige Papier der beiden Teile erleichtert den Überblick. Etwas bedauerlich erscheint jedoch einmal mehr, dass die interessante Publikation in dem etwas drögen Einheitslook der Grundlagenwerke von DOM Publishers daherkommt. Die Gestaltung der Zeitschrift der Neuen Heimat hätte sicher auch für dieses Buch inspirierende ästhetische Anknüpfungspunkte geboten und den Band etwas attraktiver erscheinen lassen. Abgesehen davon, ist aber vor allem Positives hervorzuheben: Mönningers Einführungstexte sind gut lesbar, bringen Struktur in die Entwicklungen und Debatten der Nachkriegsarchitektur und bieten eine hilfreiche Einführung für die Lektüre der Originaltexte, die als Zeitzeugnisse gerade in Hinblick auf heute wieder relevante Fragen des günstigen Wohnbaus sehr lesenswert sind.

Michael Mönninger: „Neue Heime als Grundzellen eines gesunden Staates“. Städte- und Wohnungsbau der Nachkriegsmoderne. Die Konzernzeitschrift Neue Heimat Monatshefte 1954-1981. 480 S., 300 Abb., 48 Euro, Dom Publishers, Berlin 2018, ISBN 978-3-86922-504-3

Elina Potratz

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