Buch der Woche: Fotobuch von Matthias Hoch

Zeichen einer Zeit

Als 2009 eines der symbolträchtigsten Hochhäuser in Frankfurt am Main saniert wurde, ging eine Ära zu Ende. Die Rede ist vom liebevoll „Silberturm“ genannten, 1978 eröffneten Hochhaus von ABB Scheid und Partner im Finanzdistrikt. „Durch seine silbern schimmernden Aluminiumfassade, durch seine durchgängig abgerundeten Ecken und das System visueller Kommunikation im Inneren“, fasst Harald Kunde seine Bedeutung zusammen, „verhieß dieses Bauwerk eine Kongruenz von ökonomisch und kulturell-architektonischer Macht, wie sie andernorts wohl nur noch in New York zu finden war.“ Die Dresdner Bank hatte hier ihr Domizil. Einst drittgrößte Bank Deutschlands, musste sie sich schließlich den Realitäten der globalen Finanzkrise stellen. Sie hatte in den letzten Jahren einen rasend schnellen Wertverlust erlitten und war von der vormals viel kleineren Commerzbank aufgekauft worden. Die Räume in ihrer einstigen Konzernzentrale brauchte sie nun nicht mehr.

Der Künstler Matthias Hoch hat den Prozess der Entkernung – er nennt es die „Ausweidung eines Riesen“ – begleitet und fotografisch fixiert. Sie sind im Fotobuch „Silver Tower Frankfurt/Main 2009-11“ bei Spector Books (Leipzig) publiziert worden. Das reduzierte, zurückhaltende Grafikdesign, das den Fotografien genügend Raum gewährt, wurde von Marcus Dreßen und Kay Bachmann verantwortet.

Wir sehen Spurenbilder, Details: etwa den Teppichboden, in den sich das jahrelange Schwenken der Tür gegraben und ein Kreissegment auf den Boden gezeichnet hat, oder das Innenleben des Gebäudeorganismus hinter abgenommenen Deckenpaneelen – silberne Rohrgedärme, die funktionslos geworden sind. Die Fotos erscheinen alle im Querformat. Das breite Panorama strahlt Ruhe und Stille aus, die – typisch für Hochs Arbeitsweise – befreit ist von Menschen, Werbung, Schriftzügen und insgesamt allem „Zuviel“. „Ich versuche, das allzu Ortsspezifische sowie bestimmte temporäre Elemente der Stadtmöblierung wie Werbung und Schriften aller Art auszublenden“, beschreibt Matthias Hoch seine Arbeitsweise. „Es geht mir um das Modell der modernen Städte und Geschäftszentren, und dieses Modell löst sich vom konkreten Ort. Dennoch suche ich ganz reale Stadträume und erfinde sie nicht.“ Manchmal spannen sie sich in Triptychen oder Diptychen auf, die ein zusammengesetztes Bild ergeben oder einen Vorher-Nachher-Prozess zeigen. Insgesamt geht es aber weniger um eine Chronologie als vielmehr um ein Zeichen-Zeigen. Die Bilder sind Erinnerungsbilder, sie verweisen auf Vergangenes, was längst nicht mehr da ist und auf Handlungen, die längst nicht mehr ausgeführt werden: „Die Zeichen und Hinterlassenschaften verdichten sich gleichsam zur sichtbaren Biografie einer Ära.“ (Harald Kunde)

Eingeschoben sind kurze Texte, wie jener von Andreas Maier, der den Fotografien eine weitere Lesespur hinzufügt. Seine poetischen Aufzeichnungen sind nicht an Anfang oder Ende der Fotostrecke, sondern mitten hinein gebunden, sodass sie die Serie nicht abschließen oder eröffnen, sondern sich in den Fluss der Bilder einreihen. Sie sind, neben Texten von Harald Kunde und Markus Weisbeck, eine Interpretationsschicht, die sich auf die Bilder legt.

Als weitere Ebene sind Archivbilder von Rudi Angenendt aus den ersten Arbeitsjahren in dem Gebäude abgedruckt. Deutlicher als auf Hochs Fotos vergegenwärtigen sie die von Otl Aicher entwickelte Inneneinrichtung und das Corporate Design. Die Bürolandschaft war in Gestaltung und Organisation damals vollkommene Avantgarde – Büroinseln wurden locker über die Etagen verteilt, um die Angestellten nicht hinter Türen zu verbergen. Statt Repräsentation und Demonstration der Macht der Bank ging es jetzt um die persönliche Begegnung mit dem Kunden. Plexi- ersetzte Panzerglas in der Schalterhalle. Es überwiegen Farbtöne zwischen Senfgelb und Limettengrün auf Braun-Gelb gemusterten Teppichfliesen. Eine Aura der „alten Bundesrepublik“ weht herüber, die technischen Geräte – damals auf der Höhe der Zeit – wirken aus heutiger Sicht klobig und unhandlich. Und natürlich ist auch das legendäre Schwimmbad zu sehen, das sich in luftiger Höhe im 31. Stock des Gebäudes befand.

Die Fotografien erhalten eine quasi universelle Gültigkeit und scheinen mehr auf eine spezifische Zeit als auf spezifische Nutzer zu deuten. Jedoch kann man sich vom Wissen, was sich in genau diesem Gebäude einmal befunden hat, spätestens nach dem Betrachten des letzten Bildes der Serie nicht mehr befreien: Es ist das auf eine Fensterscheibe aufgemalte Logo der Dresdner Bank, das 1972 ebenfalls von Otl Aicher entworfen wurde. Durch das grün eingefasste Dreieck hindurch, diesem Inbegriff der guten Form, blickt man hinunter auf Frankfurt, wo neue Hochhäuser für die Finanzwelt wachsen.

Juliane Richter

Matthias Hoch (Fotos), Harald Kunde, Andreas Maier, Markus Weisbeck (Texte): Silver Tower Frankfurt / Main 2009 – 11, 124 Seiten, 45 Abbildungen sowie 30 Bilder aus dem Archiv der Dresdner Bank, fadengeheftete Klappenbroschur, Gestaltung: Markus Dreßen, Kay Bachmann, Leipzig 2013, ISBN: 978-3-944669-01-4, 34,- Euro

Abb.: Juliane Richter

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