Von den Pyramiden bis heute

Der Glaube an Größe

Die neu erschienene Publikation „Der Glaube an das Große in der Architektur der Moderne“ widmet sich den Megabauten der sechziger und siebziger Jahre und zeigt dabei die unterschiedlichen Denkansätze, nach denen man die gewaltigen Bauwerke konzipierte und gestaltete. Die Autorin Sonja Hnilica macht damit deutlich: Die schiere Größe in der Nachkriegsarchitektur wurde bislang zu Unrecht vernachlässigt.

Für Verächter der großmaßstäblich gedachten Architektur der Nachkriegsmoderne kann die Großsiedlung Pruitt-Igoe in St. Louis im Bundesstaat Missouri als bestätigendes Beispiel dienen: Die 1954 gebaute Siedlung aus 33 baugleichen Hochhausscheiben mit 15.000 Sozialwohnungen wurde schon nach weniger als 20 Jahren 1972 abgerissen, da sie sich schnell zu einem berüchtigten Brennpunkt für Kriminalität und Vandalismus entwickelt hatte. Das Scheitern dieser Hochhaussiedlung verhieß für einige das Ende der Moderne samt ihren funktionalistischen Ausläufern im Wohnungsbau. Auch um viele noch bestehende Großstrukturen der Zeit ist es heute nicht gut bestellt. Gerade die Großmaßstäblichkeit könnte dabei als eine der Schwächen der Projekte ausgelegt werden, denn sie erschwert oftmals eine nachträgliche Anpassung an veränderte Bedürfnisse.

Wolfgang Weber, Peter Brand und Partner, Klinikum Aachen, 1969–1985, Ansicht 2007, Foto: Thomas Robbin

In jedem Fall ist der Glaube an große Architektur nicht mehr so selbstverständlich, wie es in den 1960er und 1970er Jahren der Fall war. Das utopische Moment spielte damals in der Architektur eine bedeutsame Rolle, denn „Wer groß bauen will, muss auch groß denken“, wie die Autorin konstatiert. Durchdrungen vom technischen Fortschrittsglauben und von Idealen für eine egalitäre Gesellschaft sahen die Architekten sich imstande, beziehungsreiche Funktionen in einem Bauwerk oder Baukomplex zu vereinen. Das Buch nimmt dabei auch zahlreiche deutsche Beispiele in den Fokus wie etwa die Ruhr-Universität Bochum, das Klinikum Aachen oder das Märkische Viertel in Berlin. Zwar sei „das bundesdeutsche Baugeschehen mit großdimensionierten Projekten in den 1960ern kein nationales Phänomen, sondern ganz im Gegenteil, Teil eines international geführten Diskurses“, so Hnilica, jedoch habe die junge BRD in den Jahren nach dem Wiederaufbau besonders viele Bauten hervorgebracht, die auch international wahrgenommen wurden.

Helmut Kloss, Peter Kolb & Partner, Ihme-Zentrum, Hannover 1972–1975, Ansicht 2016, Foto: Sonja Hnilica

Der umfangreiche Textteil der Publikation hangelt sich dabei an den Kategorisierungen entlang, mit denen die Autorin die Großstrukturen nach formalen und ideellen Gesichtspunkten zu ordnen versucht. Eine konzeptionelle Unterscheidung sieht Hnilica zwischen der Stadt in einem Haus – also der Vereinigung sämtlicher städtischer Funktionen unter einem Dach – und Riesenmaschinen, in denen eine Funktion in einem Großbau gebündelt und optimiert wird, wie etwa bei Krankenhäusern und Universitäten. Eine gestalterisch-kompositorische Untergliederung nimmt Hnilica mittels der Kategorien Großform, Bausysteme und Megastruktur vor. Die begrifflichen Unterscheidungen sind zwar nicht von Anfang an völlig eingängig, werden jedoch anhand von zahlreichen Beispielen und in angenehm sprachlichem Duktus im Laufe der Texte deutlicher.

Otto Apel, Hannsgeorg Beckert und Gilbert Becker (ABB), Nordwestzentrum, Frankfurt am Main 1962–1968, Ansicht des zentralen Freibereichs 1968, Foto: Walter Schröder, Bildarchiv Foto Marburg

Die Einführung „Zur Tradition des Großen in der Architektur“ und das Kapitel „Bilanz und Ausblick“ spannen einen breiten Bogen von den Pyramiden in Gizeh bis hin zu aktuellen Trends im asiatischen Raum und zu Maßnahmen, mit denen man dem Scheitern vieler Großbauten heute begegnet. Die übersichtliche graphische Aufmachung des Buches mit vielen guten Abbildungen sowie der Anhang mit tabellarischer Übersicht über Großprojekte von vorchristlichen Zeiten bis heute machen das Buch zu einer sehr unterhaltsamen Lektüre.

Elina Potratz

Sonja Hnilica: Der Glaube an das Große in der Architektur der Moderne. Großstrukturen der 1960er und 1970er Jahre, 264 S., 96 farb. und 178 s/w. Abbildungen, 48,–  Euro, Park Books, Zürich 2018, ISBN 978-3-03860-093-0

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