Andreas Denk

Die informierte Stadt

Urbane Kommunikation und Information im 21. Jahrhundert
Das 25. Berliner Gespräch des BDA

Der Begriff „Smart City“ hat sich in der letzten Dekade als politisches Schlagwort etabliert.(1) Eine verbindliche Definition des Begriffs gibt es indes nicht. „Smart City“ beschreibt vor allem einen technologischen Wandel. Inzwischen klärt sich die Situation: „Smart City“ stellt sich vor allem als gewinnverheißende Option für Großunternehmen der IT-Branche heraus. Da die globalen Verstädterungsprozesse aber hochkomplex sind und die Maßnahmen, die die Städte zu ihrer Bewältigung anbahnen können, sehr unterschiedlich sein müssen, ist die Einengung des Begriffs auf eine ökonomisch-technologische Lesart nicht hilfreich.

Wenn man sich dem, was mit „Smart City“ gemeint ist, durch den Berg von unterschiedlich hilfreichen Büchern und Aufsätzen nähert, lässt sich das Konzept ganz allgemein als ein Prozess beschreiben, durch den Städte und urbane Regionen durch die Anwendung neuer Erkenntnisse, Methoden und Technologien effizienter, lebenswerter und umweltfreundlicher werden.(2) Nach einer Definition des „Committee of Digital and Knowledge-Based Cities“ ist eine Stadt ‚smart‘, „wenn ihre Investitionen in Human- und Sozialkapital und in die Kommunikationsinfrastruktur aktiv eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und eine hohe Lebensqualität fördern, einschließlich der klugen Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen durch eine partizipatorische Regierung.“(3) Apologeten des Begriffs „Smart City“ haben den Begriff der Kommunikationsinfrastruktur so ausgelegt, dass sie sich auf eine digitale Innovation bezieht, dass „also durch den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien (kurz IKT genannt) eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung und ein hoher Lebensstandard unter der Schonung natürlicher Ressourcen gefördert wird.“(4)

Neuronen im Cortex der Maus, Foto: Luisa Demarchi, Ilaria Bertocchi, Ales­sandra Oberto (via Wiki­media / CC BY-SA 4.0)

Neuronen im Cortex der Maus, Foto: Luisa Demarchi, Ilaria Bertocchi, Ales­sandra Oberto (via Wiki­media / CC BY-SA 4.0)

Wahrscheinlich ist das eine zu technologiegläubige Interpretation, die die anthropologischen Ressourcen der menschlichen Gesellschaft erheblich unterschätzt. Denn trägt man die Maßnahmen zusammen, die eine Smart City nach heutigem Verständnis ausmachen, gehören dazu: der Gebrauch von modernen effizienten und intelligenten Infrastrukturen, wie beispielsweise intelligente Stromnetze und effektive Abfallwirtschaft; zugängliches Urban Design, das den Menschen ins Zentrum stellt und die wichtige Rolle der öffentlichen Partizipation berücksichtigt; anpassungsfähiges Stadtdesign, das neue und existierende Bewohner berücksichtigt und Stadtplanern Inspiration durch Experimente anderer gibt; Transparenz: alle Bürger haben Zugang zu Daten der Stadtverwaltung sowie Anpassungsfähigkeit an proaktive-stadtweite Richtlinien, die der Stadtverwaltung Mittel geben, um Smart City Programme zu implementieren.

Über diese Digitalisierung des Lebens haben wir im Berliner Gespräch 2018 unter dem Motto „Die Welt im Netz“ gesprochen.(5) Zu den Maßnahmen gehört aber auch die „sinnvolle Integration von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), die das Alltagsleben in der Stadt unterstützen und verbessern“.(6) Dieser Aspekt soll das diesjährige 25. Berliner Gespräch unter dem Motto „Die informierte Stadt“ bestimmen, das wir in dieser Ausgabe von der architekt – um drei Beiträge ergänzt – dokumentieren.

Das Thema hat durch die Covid-19-Pandemie des Jahres 2020 und 2021 eine Aktualität bekommen, die wir nicht absehen konnten, als wir uns dafür entschieden haben. Fast jeder hat in den letzten Monaten Erfahrungen mit den Möglichkeiten und Grenzen digitaler Kommunikationstechnologien gemacht. Auch das Berliner Gespräch 2020 hat im Dezember nur als „Ferngespräch“ im Internet stattfinden können.(7)

In gewisser Weise erfüllen sich bei der Präsentation des „Berliner Gesprächs“ als Simulation einer Live-Veranstaltung im Internet einige Voraussagen des Medientheoretikers und Philosophen Marshall McLuhan, der heute verkürzt mit seinem sprichwörtlich gewordenen Satz „The Medium is the Message“ präsent geblieben ist. Für McLuhan hängen technische Medien und menschliche Sinneswahrnehmung unmittelbar zusammen. Die Botschaft eines Kommunikationsvorgangs ist nicht das, was wir sehen, lesen oder erkennen. Die Botschaft ist vielmehr die Art und Weise, in der uns diese Sachverhalte nähergebracht werden. „Wir formen unsere Werkzeuge, und dann formen die Werkzeuge uns.“(8)

McLuhans Idee war, dass die neuen Kommunikationsformen ein „Global Village“ formen, das durch eine hyperschnelle Informationsübertragung – sozusagen durch einen Echtzeit-„Flurfunk“ – zu einer globalen Dorfgemeinschaft mutiert. Die Tragweite seiner Medientheorie konnte er sich in den 1960er Jahren allerdings nur bedingt vorstellen – für ihn war das Leitmedium das Fernsehen, nicht das damals noch nicht entwickelte Internet.

Doch McLuhan waren schon die side-effects dieser Intensivierung von Kommunikationsvorgängen klar: Seine Überlegungen zeigen deutlich die Bipolarität von Utopie und Dystopie, die in solchen Szenarien unauflösbar miteinander verknüpft sind. Auch in unserer heutigen Betrachtung sind die positiven und negativen Wirkungen, die Städte von den neuen Kommunikations- und Informationstechnologien erwarten dürfen, noch keineswegs absehbar. Eine Einführung und einen Überblick zum Thema gibt Thomas Kraubitz. Er ist Architekt und Stadtplaner und Director bei Buro Happold und wird sich mit der Bedeutung von IKT im Kontext von resilienten, also widerstandsfähigen und nachhaltigen Stadtkonzepten beschäftigen.

Großes Neuron im Gehirn der Ratte, Foto: EnCor Biotechnology Inc. / GerryShaw (via Wikimedia / CC BY-SA 3.0)

Großes Neuron im Gehirn der Ratte, Foto: EnCor Biotechnology Inc. / GerryShaw (via Wikimedia / CC BY-SA 3.0)

Ein wichtiges Ergebnis bei der Betrachtung von dem, was kommt, könnten veränderte Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten sein, die ein verändertes Bewusstsein für die Räume der Stadt bewirken. Wie sich das Raumbewusstsein von Bürgern und Planern ändert, hat Gabriela Christmann vom Leipniz-Institut für raumbezogene Sozialforschung untersucht. Das Gelingen der Stadt in der Zukunft stellt sich aber weniger auf einer technologischen Ebene heraus. Wichtiger wird die soziale Innovation sein – und ob unsere Gesellschaft und unsere Städte dazu in der Lage sein werden. Der Darmstädter Philosoph Alfred Nordmann setzt sich insbesondere mit dem Ausgleich des Privaten mit dem Öffentlichen in der digitalisierten Stadt auseinander. Annette Rudolph-Cleff, die auch die Anregung zu dieser Thematik gegeben hat, lehrt genauso wie Alfred Nordmann an der TH Darmstadt. Sie beschäftigt sich, ausgehend von der globalen Sicht auf die Digitalisierung der Städte, mit den daraus erwachsenden Folgen für unsere Gesellschaften.

Wie aber sieht heute die Realität aus: Neben Kopenhagen und Barcelona hat die Stadt Wien ein ausformuliertes Konzept, um ihre Struktur zur Digitalstadt zu verwandeln. Der Volkswirt Klemens Himpele leitet die Magistratsabteilung der Stadt Wien, die sich mit der Umsetzung dieser Strategie beschäftigt. Er beleuchtet den „Wiener Weg der Digitalisierung“, und berichtet über die Erfahrungen, die die Stadt damit bisher gemacht hat. Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin Francesca Bria, eine der Top 50 Women in Tech des Forbes-Magazine, berät die Städte Barcelona und Rom und die Region Latium in den Bereichen Innovationspolitik, offene Technologie und offene Städte.

Jörg Rainer Noennig leitet an der Dresdner TU das Institut für Wissensarchitektur und bereichert diese Ausgabe zusammen mit David Hick und Tobias Kusian um die Darstellung eines gelungenen Fallbeispielspiels. Der Soziologin Martina Löw und dem Stadtforscher Jörg Stollmann, die beide an der TU Berlin eine Professur bekleiden, verdanken wir schließlich eine kritische Analyse der südkoreanischen „Smart City“ Songdo, die die dystopischen Seiten der Anwendung von IKT anschaulich umreißt.

Kultur aus Neuronen und Mikroglia im Gehirn der Ratte, Foto: EnCor Biotechnology Inc. / GerryShaw (via Wikimedia / CC BY-SA 3.0)

Kultur aus Neuronen und Mikroglia im Gehirn der Ratte, Foto: EnCor Biotechnology Inc. / GerryShaw (via Wikimedia / CC BY-SA 3.0)

Auch hier stellt sich die Frage nach der gerechten Teilhabe der Menschen an den neuen Technologien, die letztlich dafür mitverantwortlich sind, dass IKT zu einem Instrument der Demokratie und nicht zu einer Waffe der Desinformation wird, wie sich dies in jüngster Vergangenheit an prominenten Beispielen herausgestellt hat. Architekten und Architektinnen, Städtebauer und Landschaftsarchitekten stehen bei der wachsenden Bedeutung der digitalen Technologien zweifellos vor der Aufgabe, den Bereich des Digitalen im physischen Entwurf mitzubedenken. Deshalb stellt sich auch nach dem Berliner Gespräch 2020 die Frage, welche Bedeutung Entwerfer und Entwerferinnen in diesem Kontext für das Wohl des Menschen und der Gesellschaft haben werden. Welche Kenntnisse und Fähigkeiten brauchen wir, um bei dieser „werdenden“ Stadt mitwirken zu können? Die Antwort hängt von dem Maß an Verantwortung ab, das wir in die Zukunft unserer Gesellschaft investieren, und von unserer Fähigkeit, mit Phänomenen jenseits unserer ureigenen Interessenlage prospektiv und konstruktiv umzugehen.

Prof. Andreas Denk (*1959) ist Professor für Architekturtheorie an der TH Köln und Chefredakteur dieser Zeitschrift. Er studierte Kunstgeschichte, Städtebau, Geschichte, Ur- und Frühgeschichte in Bochum, Freiburg und Bonn. Er ist ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Künste NRW in der Klasse Kunst. Andreas Denk lebt in Bonn und arbeitet in Köln und Berlin.

Anmerkungen
(1) Vgl. bspw.: Siegemund, Jochen / Köring, Dietmar / Schulz, Jan / Hanses, Katrin (Hrsg.): Smart City Concepts. Konzepte für den e­nergetischen Stadtumbau am Beispiel Köln, Ludwigsburg 2013.
(2) Im Reich der Krise. Die Stadt am Ende und am Anfang, in: Siegemund et al. (wie Anm. 1.), S. 12ff.
(3) Vgl.: Mandl, Bettina Theresia: Smart City. Voraussetzungen für die Stadt der Zukunft. Masterarbeit, Geospatial Technologies, Karl-Franzens-Universität, Graz 2013, S. 4.
(4) Siehe: www.cities-localgoverments.org/cdc/, Seitenaufruf: 20. August 2020. Vgl. bspw.: Smart Cities. Nachhaltig leben in einer digitalisierten Stadt, in: www.reset.org, Seitenaufruf: 22. Januar 2021.
(5) Vgl. Dokumentation des 23. Berliner Gesprächs „Die Welt im Netz“ in: der architekt 1 / 19.
(6) Smart Cities. Nachhaltig leben in einer digitalisierten Stadt (wie Anm. 4).
(7) Die erste Hälfte des „Berliner Gesprächs wurde im Deutschen Architektur Zentrum aufgenommen. Mit der Aufnahme des zweiten Teils sind wir an den Ort zurückgekehrt, der der Ursprung des Berliner Gesprächs gewesen ist: In der Kunsthalle Darmstadt fanden die Aufnahmen zum zweiten Teil von „Die informierte Stadt“ statt. In Darmstadt initiierte der langjährige BDA-Präsident Otto Bartning 1950 das „Darmstädter Gespräch“, darunter auch das legendäre Gespräch zu „Mensch und Raum“ 1951. Aus den Darmstädter Veranstaltungen entwickelte der BDA später das Godesburger Gespräch, das wiederum der Vorläufer des heutigen „Berliner Gesprächs“ war, das seit dem Umzug der BDA-Bundesgeschäftsstelle in der Hauptstadt stattfindet.
(8) McLuhan, Marshall / Fiore, Quentin: The Medium is the Massage. An Inventory of Effects, New York 1967.

Artikel teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*