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Die rote Banane

Entwurf einer Landschaft

Als der französische Geograph Roger Brunet in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Position der französischen Metropolen im westeuropäischen Kontext untersuchte, erkannte er, dass sich das Kraftzentrum des Nachkriegseuropas zwischen den Städten London und Turin erstreckte: in Form einer gebogenen Linie, die über die Beneluxländer, den Rhein und die Westschweiz verlief. Die Blaue Banane war geboren.

Sie war transnational, hochverdichtet, geprägt von Industrialisierung und funktionalistischem Denken der Nachkriegszeit, voll von Metropolen und Agglomerationen: London, der holländischen Randstad, dem Ruhrgebiet, sowie den Regionen Basel und Turin. Zudem deckte sie sich auch mit der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, jener Länder, deren Versöhnung nach dem Krieg die Grundlage für den westeuropäischen Einigungsprozess bildete.

Das Ausstellungskonzept des tschechischen Künstler HM Földeak dreht sich jedoch um die Rote Banane. Ihr Geburtsdatum ist der Herbst 1989, das Ende der Nachkriegszeit. Auch sie ist transnational, auch sie berührt eine Grenzregion Deutschlands, diesmal im Osten. Im Unterschied zur Blauen Banane ist sie nicht verdichtet, ihre Wirtschaftskraft ist gering. Die Namen ihrer Städte – Breclav, Gmünd, Budejovice, Freiberg, Chomutov zum Beispiel – liest man eher in Geschichtsbüchern als auf aktuellen Landkarten. Ohnehin sind kaum Städte vorhanden. Ihr Zentrum ist kein Punkt, sondern eine Linie, die des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Entlang dieser Linie ist die Rote Banane noch leerer als in ihrem restlichen Gebiet. Durch die Erweiterung der EU nach Osten ist die Rote Banane ins Zentrum gerückt, ohne dass sie oder andere es gemerkt hätten.

Die Schau „Rote Banane. Entwurf einer Landschaft“ soll der Vorschlag einer Veränderung der Perspektive sein: einer Perspektive, die nicht an der Grenze haltmacht, die gleichzeitig von außen wie von innen schauen kann – einer Perspektive, bei der Betrachter gleichzeitig Objekt ist. Ein Dokumentarfilm in der Schau stellt den historischen Kontext her, im Hauptraum des Museums werden im Maßstab 1:150000 sogenannte „mental maps“ der Region präsentiert – und zwar in Form eines bedruckten Tisches. Diese evolutionäre Landkarte ist der Übergang zwischen dem dokumentarischen und phänomenologischen Teil der Ausstellung. Hier findet ein Maßstabs- und Darstellungssprung statt, der Blick geht von der gesamten Region auf einzelne Objekt, und geht von den Typen zum Spezifischen.

Der BDA Bayern unterstützt die Ausstellung im Regionalmuseum (Altes Rathaus) in Chomutov/Tschechien. Zu sehen ist sie noch bis zum 20. Oktober.
Red.

HM Földeak „Die Rote Banane – Entwurf einer Landschaft“
Regionalmuseum Chomutov, Im alten Rathaus
nám. 1. Máje, 430 01
Chomutov/Tschechien
www.rotebanane.eu

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