Ines Weizman

Dokumentarische Architektur

Pädagogik und digitale Räume

1931 traf Adolf Loos den Filmstar Charlie Chaplin. Im vornehmen Hotel Cap d’Antibes an der französischen Riviera wurde eine Galavorstellung des Films City Lights gegeben. Der Film handelt von einer blinden Bettlerin, der Chaplin über eine komplizierte, perfektioniert gestikulierte Geschichte eine Operation ermöglicht, die ihr das Augenlicht schenkt. Nun sehend, sucht sie nach ihrem Gönner, doch erkennt sie ihn letztlich erst beim Berühren seiner Hände. Loos war begeistert von diesem Film, den Chaplin unbedingt noch als Stummfilm produzieren wollte, auch als in Hollywood schon Tonfilme gedreht wurden. Loos wollte Chaplin sogar eine Filmszene vorschlagen, doch obwohl sie nur einige Tische voneinander entfernt saßen, blieb es bei den stummen Gesten, mit denen sie einander zulächelten. Es gelang Loos nicht, Chaplin zu treffen und ihm von einer komischen Szene zu berichten, die ihm während seiner Zeit als armer, arbeitssuchender junger Mann in Philadelphia geschehen war. Wie Claire Loos später in ihren Erinnerungen an ihren Mann schrieb, kam ein Empfehlungsbrief aus Wien erst an, als Chaplin bereits abgereist war.(1)

Die Geschichte von den zehn Cents, die Loos in einem Restaurant in einen großen Kompottbehälter gefallen waren, und den er zum Ärger des Wirts auslöffeln musste, um seine Rechnung zu bezahlen, hätte gut in einen Slapstick des großen Komikers gepasst. Aber die Vorstellung der Szene, wie sich die beiden Herren einander bedeutungsvoll zunickten, könnte uns ebenso in Zeiten des social distancing etwas erheitern.

Ines Weizman und Andreas Thiele, Projekt für ein re-enactment der Villa für Josephine Baker von Adolf Loos in Paris (1928) für Ordos 100, China, 2008, Abb.: Ines Weizman

Ines Weizman und Andreas Thiele, Projekt für ein re-enactment der Villa für Josephine Baker von Adolf Loos in Paris (1928) für Ordos 100, China, 2008, Abb.: Ines Weizman

Claire hatte Adolf Loos während eines ähnlichen Galaabends bei einer Revue der exzentrischen afroamerikanischen Tänzerin und Entertainerin Josephine Baker in Wien kennengelernt. Nach einem Abend, zu dem sie ihren Vater begleitet hatte, bat Loos sie zum Abschied, ihn doch einmal anzurufen. Zum Glück fand sie den älteren Herrn sympathisch, aber dieser Vorschlag verblüffte sie trotzdem, denn es schien ihr unvorstellbar, dass Loos telefonisch zu erreichen sei „so wie jeder andere Sterbliche“. Sie meinte das nicht aus Bewunderung des in Wien berühmten Architekten, vielmehr wunderte sie sich darüber, mit ihm telefonieren zu können, denn Loos war 1928 fast vollständig taub. Er kommunizierte nur mit einem Hörrohr (die fortschrittlichste Variante, die Loos gern auf seinen Fotoportraits in Szene setzte) und musste – was für Historiker besonders aufschlussreich ist – Gespräche schriftlich führen, weshalb Loos immer ein Notizbuch mit sich trug.(2)

QR-Codes, Foto: CDA, Heidi Gumpert

Centre for Documentary Architecture, Ausstellung „The Matter of Data“, Bauhaus-Museum, Weimar, White City Center, Tel Aviv (2019), Architektur Galerie Berlin (2020), QR-Codes, Foto: CDA, Heidi Gumpert

Obwohl das Werk des so selbstsicher die Moderne ausrufenden Architekten, der das Ornament rigoros ablehnte (wie wohl auch allzu lang formulierte Theorien), sicher zu dem meistzitierten und recherchierten gehört, wirft diese bisher nur als Fußnote erwähnte Tatsache ein neues Licht auf die oft drastische und abrupte Polemik des Architekten sowie auf die von ihm überlieferten Dokumente, Korrespondenzen, Schriften und Bauten. Eine neue Sensibilität für sein Gespür und die Sinnlichkeit, mit der er Materialien „begriff“, sich an sie erinnerte (seine Hörkrankheit hatte sich über sein ganzes Leben lang verschlimmert) und für seine Werke auswählte, obwohl er einen wichtigen Aspekt ihrer Wahrnehmung verloren hatte, erschließt uns neue Beweggründe, sein Werk zu erkunden – und gibt zugleich Anlass, die historiographischen Medien, Dokumente und Methoden zur Erfassung und Darstellung der Architektur der Moderne zu reflektieren. So wie Loos Ersatz-Medien und gestalterische Prothesen entwickeln musste, um mit seinen Zeitgenossen zu kommunizieren, so stellt uns heute die kürzlich im Zuge der weltweit ausgebrochenen Covid-19 Pandemie so kurzfristig notwendig gemachte digitale Kommunikation vor neue Herausforderungen in Praxis und Lehre der Architektur. Die soziale Distanzierung und der Rückzug in die Privatwelt zwingt uns, fundamentale Fragen an Architektinnen und Architekten, ihre Architektur, die Erfahrung von Räumlichkeit und Materialität aus der Distanz und die Medialität ihrer Vermittlung zu richten.

Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich der Berliner Kunstgeschichtsprofessor Heinrich Wölfflin mit der ihm überlieferten umfangreichen Dia-Sammlung und der gerade erst entwickelten Möglichkeit der Lichtbildprojektion auseinander und entwickelte mit der Doppelbildprojektion seine bipolaren kunstgeschichtlichen Grundbegriffe.(3) Es ließe sich eine Geschichte schreiben, wie vom Anbeginn der Fotografie als Medium und Instrument der Kunst- und Architekturgeschichte bis zum digitalen Zeitalter Architektinnen, Historikerinnen und Pädagoginnen in der Konfrontation mit den Massenmedien und im Experiment mit neuen Hilfsmitteln der Beobachtung und Betrachtung von Dokumenten, Architekturen und Stadtveränderungen kreativ wurden und neue historische und theoretische Zusammenhänge erkannten.

Centre for Documentary Architecture, Ausstellung „The Matter of Data“, Bauhaus-Museum, Weimar, White City Center, Tel Aviv (2019), Architektur Galerie Berlin (2020), 8-Screen-Video-Installation, Detail, Foto: CDA, Ortrun Bargholz

Centre for Documentary Architecture, Ausstellung „The Matter of Data“, Bauhaus-Museum, Weimar, White City Center, Tel Aviv (2019), Architektur Galerie Berlin (2020), 8-Screen-Video-Installation, Detail, Foto: CDA, Ortrun Bargholz

Stummfilme wie Bakers La Sirène des Tropiques von 1927, den Loos in Paris gesehen hatte, oder Chaplins City Lights, zählten zu den letzten ihres Genres und fielen in die letzten Jahre des Wiener Architekten, in denen er den Gesten der Schauspieler, den eingeblendeten Texten und der sinnlichen Erfahrung seiner Umwelt höchste Konzentration entgegenbringen musste. Auf einer Party soll Baker Loos den Charleston beigebracht haben. Er berichtete Claire auch von einem Gespräch mit Baker, die wohl einmal zu ihm gekommen war, um sich über ihren Architekten zu beklagen. Loos war verstimmt, weil sie ihm nicht den Auftrag erteilt hatte, woraufhin er wohl ungefragt für sie ein „Wohnhaus mit einem Varieté“ auf einem Grundstück im Pariser 16. Arrondissement entwarf. Das Bauprojekt mit der charakteristischen schwarz-weiß gestreiften Marmorfassade, das einen riesigen bühnenartigen Treppenaufgang, und im ersten Geschoss ein durch eine Art Wandelgang einsehbares Schwimmbad vorsah, wurde nicht nur zu einer Ikone der modernen Architektur, sondern auch ein Dokument dafür, wie sich Musik, Film, Show-Business und Sexualität in die Architektur einschrieben.(4) Durchläuft man die Pläne und Schnitte, erkennt man, wie sehr sich der Architekt in eine wahre Szenographie für die Wege durchs Haus hineingedacht hat.(5) Er betrachtete es als eines seiner besten. Doch es blieb als Plansammlung und sogar Modell, das der Architekt wohl für die Künstlerin zur besseren Vorstellung anfertigen ließ, unrealisiert. Als architektonischer Liebesbrief schien das Projekt ins Leere gesendet, denn es ist nicht bekannt, ob Baker je davon erfuhr.(6)

Centre for Documentary Architecture, Ausstellung „The Matter of Data“, Bauhaus-Museum, Weimar, White City Center, Tel Aviv (2019), Architektur Galerie Berlin (2020), Materialprobe , Foto: CDA, Ortrun Bargholz

Centre for Documentary Architecture, Ausstellung „The Matter of Data“, Bauhaus-Museum, Weimar, White City Center, Tel Aviv (2019), Architektur Galerie Berlin (2020), Materialprobe , Foto: CDA, Ortrun Bargholz

In seinem 1912 verfassten Artikel „Das Mysterium der Akustik“ setzt sich Adolf Loos mit der Frage auseinander, ob er den baufälligen Bösendorfer Saal in Wien, ein Konzertsaal, erhalten oder seinen Abriss gutheißen würde. Loos argumentiert, dass die Besonderheit des Raumes in seiner Akustik liegt – eine Akustik, die nicht allein auf die Raumfigur und die Resonanzflächen, sondern auf seine Materialien zurückzuführen ist. Die Hörfähigkeit des Architekten scheint im Nanobereich zu liegen, wenn er behauptet, dass selbst ein „durch die Wand gespannter Zwirnsfaden die Akustik eines Raumes völlig verändern kann.“ In einem weiteren hinreißenden Gedankengang erläutert er, dass ein originalgetreu nachgebauter Konzertsaal einen völlig „unakustischen“ Saal hervorbringen würde. Er erinnert daran, dass man nach der Eröffnung der Wiener Hofoper so enttäuscht von der Akustik war, dass man bereits das Ende der Wiener Gesangskunst heraufbeschwor. Doch vierzig Jahre später war man begeistert und die Oper galt als Muster für neue Konzerthäuser. Loos fragte sich, wie dieser Wandel der Wahrnehmung zu begründen sei. Sollte es sein, dass sich unsere Ohren so verändern konnten? Dies verneinend, entwickelt er eine wundersame Theorie, durch die wir dem Dokumentarischen in der Architektur begegnen können.

Loos war davon überzeugt, dass die gute Musik in das Material der Wände und die Dinge im Raum eingesogen und gewissermaßen durch die Klänge der Philharmoniker und die Stimmen der Sänger imprägniert worden war. Solche mysteriösen molekularen Verbindungen kennt man von Expertisen über Instrumente, wie etwa Geigen, denen ein unschätzbarer Wert verliehen wird, weil sich in ihr Holz scheinbar die Musik großer Virtuosen eingeschrieben habe, die beim Musizieren mit den Instrumenten wieder erklingt. Das Palimpsest der Klänge verbindet sich mit der Materialität des Raumes: „Im Mörtel des Bösendorfer Saales wohnen die Töne Liszts und Messchaerts und zittern und vibrieren bei jedem Ton eines neuen Pianisten und Sängers mit.“ Er ging sogar soweit, vor den Blechbläsern zu warnen, denn diese würden die Wände gewiss ruinieren.

Trotz seiner fast vollständigen Gehörlosigkeit bat er Claire, ihm Arnold Schönbergs Gurrelieder in sein Hörrohr zu singen (oder eher zu schreien), er organisierte Konzerte für Schönberg, schrieb über Beet­hovens Ohren und tanzte den Charleston mit Josephine Baker. Es mag sein, dass Loos mit anderen Sinnen hörte und fühlte, etwa durch den vibrierenden Widerhall der Klänge in seinem Körper oder durch ein Material. Ein kalter, bronzener Handlauf klingt für den Gehörlosen anders als ein warmes Mahagoniholz. Er mag eine schwierige Tanzpartie und ein schlechter Musikkritiker gewesen sein, aber die Gestik des Lauschens und des tastenden Verweilens in den Räumen und an den Materialien führt uns sowohl zum Sinnlichen als auch zum Dokumentarischen.(7)

Digitale Montage des aktuellen und abstrahierten Treppenhauses des Max-Liebling-Hauses, Tel Aviv-Yaffo, Abb.: CDA, Anna Luise Schubert, Ortrun Bargholz, Eugen Happacher

Digitale Montage des aktuellen und abstrahierten Treppenhauses des Max-Liebling-Hauses, Tel Aviv-Yaffo, Abb.: CDA, Anna Luise Schubert, Ortrun Bargholz, Eugen Happacher

Gemeinsam mit dem Centre for Documentary Architecture (CDA), einem Kollektiv von Architektinnen, Filmemachern, Gestalterinnen und Programmiererinnen, habe ich die von uns unter dem Begriff „Dokumentarische Architektur“ konzipierte Methode entwickelt. Es geht uns dabei um die Erforschung der Baugeschichte von Architekturen, die wir durch Filmdokumentationen, Experteninterviews, Materialrecherchen, Archiv- und Dokumentforschungen und Verknüpfungen von historischen und geopolitischen Bedeutungszusammenhängen rekonstruieren. Entstanden ist dabei eine umfangreiche Datensammlung mit Dokumentationen in unterschiedlichen Informationen zu Gebäuden der internationalen Architekturmoderne. Die Möglichkeiten, durch neue Messinstrumente und Bauaufnahmemethoden Architekturen zu erkunden und sie als sich verändernde Objekte der Geschichte zu beobachten, erlaubt es, Architekturgeschichte und -theorie in zwei unterschiedliche und scheinbar divergierende Richtungen zu erweitern. Einerseits ermöglichen neue Technologien es, dass wir uns materiellen Objekten auf eine nie dagewesene Weise nähern, wie 3D-Scans, Remote-sensing, Immediatanalyse oder Drohnen, die an Stellen gelangen können, die sonst dem menschlichen Auge unzugänglich sind. Die chemische und mikroskopische Analyse von Materialoberflächen, Baustoffen, Farbbeschichtungen offenbart ihre geschichteten Transparenzen und gibt uns einen Einblick unter die Oberfläche. Die digitale Objektanalyse kann die lebendigen Materialitäten von Gebäuden, Umgebungen und Infrastrukturen der Erde – und das, was in ihrer Tiefe liegt – beleuchten.(8)

Andererseits können Historiker Repräsentationsmodelle, Daten und Algorithmen verwenden, um das Repertoire der zeitgenössischen Forschung zu erweitern und den neuen archäologischen Ansatz der Materialanalyse durch eine Form der Analytik zu ergänzen, die nicht nur eine große Datenmenge verwaltet und verlinkt, sondern historische Bedeutungszusammenhänge vernetzt und Geschichte im virtuellen Raum erzählt.

Um sich mehrstündige Reden und juristische Argumentationen merken zu können, bedienten sich antike Redner wie Cicero oder Quintilian bekannterweise der Mnemotechnik. Sie stellten sich ein Gebäude vor, in dem sie sich Räume schufen und Objekte platzierten, die sie mit einem Thema, einem Datum, einer Zahlenreihe oder einer Fragestellung assoziierten. In ihren Vorträgen konnten sie sich an die Themen und Fakten erinnern indem sie diese imaginären Räume durchliefen. Ähnlich einer „Wohnungswanderung“, zu denen Adolf Loos einlud, oder einer „promenade architecturale“, die Le Corbusier zum Prinzip seiner Raumentwürfe machte, lässt sich das Zusammenspiel von Raum, Bewegung und Wissensvermittlung architektonisch im virtuellen Raum inszenieren.

Im Rahmen des Ausstellungsprojekts „The Matter of Data“, das wir 2019/2020 in Weimar, Tel Aviv-Yaffo und Berlin präsentierten, haben wir am Beispiel des Max-Liebling-Hauses in Tel Aviv gezeigt, wie die Materialität der Architektur regelrecht „imprägniert“ war von Informationen zu den Begebenheiten und Geschichten in diesem Haus. Die Transformationsgeschichte, die Geschichte des Architekten (Dov Karmi), die Lebensgeschichte ihrer Bewohner und die Herkunftsgeschichte seiner Baumaterialien offenbarten, wie dieses Gebäude zu einem Dokument seiner eigenen Geschichte wurde. Die materielle Gegebenheit des Gebäudes – weit mehr als dessen Architekt und seine Bewohner – wurde zum Protagonisten.

Centre for Documentary Architecture, Ausstellung „The Matter of Data“, Bauhaus-Museum, Weimar, White City Center, Tel Aviv (2019), Architektur Galerie Berlin (2020), Materialprobe , Foto: CDA, Ortrun Bargholz

Centre for Documentary Architecture, Ausstellung „The Matter of Data“, Bauhaus-Museum, Weimar, White City Center, Tel Aviv (2019), Architektur Galerie Berlin (2020), Materialprobe , Foto: CDA, Ortrun Bargholz

Die 2015 begonnenen Renovierungsarbeiten, die wir mit Kuratoren und Kuratorinnen des White City Centers (Max-Liebling-Haus) und internationalen Denkmalpflegern dokumentieren konnten, gaben Gelegenheit, sich mit der Materialität des Gebäudes fast archäologisch auseinanderzusetzen, um in der Textur der Oberflächen die Erbauer und Nutzer des Gebäudes zu finden, die wir mit Dokumenten, Plänen, Fotografien, Notizen und Korrespondenzen abglichen. In der Tiefe des Gebäudes schlummerten nämlich Spuren eines kontroversen Handelsabkommens, das 1933 zwischen der Jewish Agency in Palästina und dem Reichswirtschaftsministerium nach Verhandlungen zwischen privaten jüdischen Geschäftsleuten und Vertretern der Zionistischen Vereinigung für Deutschland geschlossen wurde. Die Rekonstruktion der Handelsbeziehungen und der Logistik des Warenaustausches, die großteils Baumaterialien umfasste, versuchten wir sowohl durch Recherchen in Firmen- und Bankenarchiven, als auch durch mikroskopische Detailuntersuchungen nachzuweisen. Aus dem Nanobereich, beispielsweise um den Import von in Deutschland gerade erst entwickeltem Weißzement nachzuweisen, erschlossen sich enorme zeitliche und geopolitische Zusammenhänge.(9)

Um diese, aber auch andere Architektur-Dokumentationen, zugänglich zu machen, haben wir eine digitale Datenplattform angelegt, in der die durch das CDA recherchierten Informationen in digitaler Form gesammelt und über eine Website öffentlich zugänglich gemacht werden (www.documentary-­architecture.org).(10) Architekturen und die ihnen zugehörigen Informationen, Dateien sowie Metadaten werden in einem individualisierten Datenbank-System organisiert, strukturiert und verknüpft. Dadurch ergeben sich grenz- und zeitübergreifende Verbindungen, die im Archiv frei erkundet werden können. Um Informationen aber auch gezielt kuratieren zu können, entwickelten wir verschiedene Formen der Darstellung, wie im Falle des Max-Liebling-Hauses eine virtuelle Welt, die in thematischen Wanderungen („Promenades“) durch das Haus führt und Informationen räumlich überlagert.

Centre for Documentary Architecture, Ausstellung „The Matter of Data“, 8-Screen-Video-Installation, Foto: CDA, Ortrun Bargholz

Centre for Documentary Architecture, Ausstellung „The Matter of Data“, 8-Screen-Video-Installation, Foto: CDA, Ortrun Bargholz

Als Walter Benjamin über das Auspacken seiner Sammlung sprach, erwähnte er den Begriff magische Enzyklopädie.(11) In diesem Sinne stellte sich auch für unsere Datensammlung die Frage, wie wir diese „digitale Wunderkammer“ nicht nur zugänglich machen, sondern auch thematisch-räumlich erleben können.

Die Ära der Covid-19 Pandemie, die uns dazu zwingt, öffentliche Räume, Museen, Theater, Konzerte, Schulen und Universitäten digital begehbarer und erfahrbarer zu machen, stellt uns somit nicht nur vor neue planerische, pädagogische und gestalterische Herausforderungen. Der prothetische Blick der digitalen Architekturbetrachtung in seiner Verbreitung muss es auch möglich machen, Räumlichkeit, Materialität, Nachhaltigkeit und Bedeutung von Architektur und ihre geopolitische Vernetzung und Verantwortung neu zu evaluieren und zu dokumentieren.

Prof. Dr. Ines Weizman ist Direktorin des Bauhaus-Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur und Planung an der Bauhaus-Universität Weimar. 2014 verfasste sie mit Eyal Weizman das Buch Before and After. Documenting the Architecture of Disaster. Das von ihr herausgegebene Buch Dust & Data. Traces of the Bauhaus across 100 Years erschien 2019. Mit dem Centre for Documentary Architecture (CDA), das sie 2015 gründete, erarbeitete sie 2019 die Ausstellung The Matter of Data, die 2019 im Bauhaus-Museum Weimar und im Max-Liebling-Haus, The White City Center in Tel Aviv-Yaffo und 2020 in der Architektur Galerie Berlin gezeigt wurde (www.documentary-architecture.org).

Anmerkungen
1 Vgl. Loos, Claire: Adolf Loos privat, Wien 2007, S. 91-92.
2 Vgl. Weizman, Ines: Archives Fever. Adolf Loos in Palestine, in: Stabenow, Jörg / Schüler, Ronny (Hrsg.): The Transfer of Modernity. Architectural Modernism in Palestine 1923–1948, Berlin 2019, S. 33-47.
3 Vgl. Dilly, Heinrich: Lichtbildprojektion. Prothese der Kunstbetrachtung, in: Below, Irene (Hrsg.): Kunstwissenschaft und Kunstvermittlung, Gießen 1975, S. 153-172.
4 Vgl. Colomina, Beatriz: The Split Wall. Domestic Voyerism, in: Dies. (Hrsg.): Sexuality and Space, New York 1992, S. 88.
5 Vgl. Weizman, Ines: Tuning into the Void. The Aurality of Adolf Loos’s Architecture, in: Do you read me?, Harvard Design Magazine 2014, S. 8-16.
6 Gemeinsam mit Andreas Thiele entwickelte ich 2008 für das Projekt Ordos 100 ein Projekt für ein architektonisches re-enactment der Baker Villa. Die von uns bis ins Detail durchgearbeiteten Baupläne und Raumstudien deckten neue Dokumente und Fragen zum Werk von Loos auf. Sie führten zu Fragen über die Begriffe „Original“ und „Kopie“ und über das Wesen des Urheberrechts sowie zu vertiefenden Recherchen zu Loos’ Familien- und Freundeskreis und zur komplexen Nachgeschichte seiner Werke. Siehe: Weizman, Ines: Thing Rights. The second after-life of architecture, in: Miljacki, Ana (Hrsg.): Under the Influence ‘2, Cambridge Mass. 2014 (Neuausgabe bei Actar Publishers & The Massachusetts Institute of Technology, 2019), S.110-121, S.122-132.
7 Vgl. Weizman, Ines: Architecture’s Internal Exile. Experiments in Digital Documentation of Adolf Loos’s Vienna Houses, in: Hopkins, Owen: Architecture and Freedom. Searching for Agency in a Changing World, Chichester 2018, S. 32-39.
8 Vgl. Weizman, Ines: Dokumentarische Architektur. Digitale Historiografien der Moderne, in: Arch+, Heft 234, Datatopia, 2019, S. 198-209.
9 Vgl. Weizman, Ines: Dokumentarische Architektur: Die Bauhaus-Moderne beiderseits der Sykes-Picot-Linie, in: Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung, Heft 2 / 2019, S. 65-90; Weizman, Ines: Bauhaus Modernism across the Sykes-Picot Line, in: Dies. (Hrsg.): Dust & Data. Traces of the Bauhaus across 100 Years, Leipzig 2019, S. 544-572.
10 Team der Website: Moritz Ebeling, Anna Luise Schubert, René Weiser, Vera Heinemann, Amelie Wegner, Robin Weißenborn, Leon Lukas Plum, Olaf Kammler, Ines Weizman
11 Vgl. Benjamin, Walter: Ich packe meine Bibliothek aus, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Suhrkamp, Berlin 1991.

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