Gespräche mit Susanne Wartzeck

im virtuellen raum

Architektonische Räume prägen den Fluss der Gedanken und den Ton der Rede. Wenn die Räumlichkeit stimmt, kann auch das Zuhausebleiben Gedankenfreiheit eröffnen: BDA-Präsidentin Susanne Wartzeck und Chefredakteur Andreas Denk treffen sich wegen der Corona-Pandemie an einem nicht-existenten Ort im Internet. Sie fassen die Gelegenheit beim Schopf und sprechen über die Digitalisierung der Kommunikation, der Stadt, der Häuser und des BDA.

Andreas Denk: Wir treffen uns heute in einer nicht verortbaren Daten-Schnittstelle zwischen dem Raum, in dem Sie sich befinden und der Stelle, an der ich mich aufhalte. Wir unterhalten uns über eine Internet-Plattform, die solche Konferenzen über eine beliebig große Entfernung ermöglicht. Diese Kommunikationsform hat in den letzten Monaten – während des strengen Shutdown in Folge der Corona-Pandemie – den Alltag vieler Menschen bestimmt. Ist das, wie manche glauben, die Zukunft unserer Kommunikation?

Foto: Andreas Denk

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Susanne Wartzeck: Die Art der Unterhaltung, die die Internet-Technik gegenwärtig ermöglicht, ist anstrengend, weil sie zwar das Sehen und das Hören fordert, aber alle Versuche, etwas über das Befinden und Empfinden des Gegenübers durch seine Körpersprache herauszufinden, scheitern lässt. Wir sind es gewohnt, über andere Wahrnehmungs­ebenen etwas über den Gesprächspartner, seine Verfasstheit, über seine Einstellung zu uns herauszufinden. Bei der Online-Konferenz entfällt das Olfaktorische, das Haptische und das Habituelle der menschlichen Begegnung. Die Ortlosigkeit des Chat-Rooms ist also weniger ein phänomenologisches Phänomen als ein kommunikatives.

Andreas Denk: Man versucht zwangsläufig, den Informationsverlust durch eine geschärfte Wahrnehmung des Bilds des Oberkörpers des Gegenübers und der Töne, die es produziert, zu kompensieren. Wir suchen nach anderen Ausdrucksformen des Habitus und nach der kleinsten Nuance von Mimik und Gestik, um mehr über die Verfasstheit des Gegenübers in Erfahrung zu bringen. Diese unterkomplexe Form macht Gespräche anstrengend.

Susanne Wartzeck: Selbst die Wahrnehmung der Stimmmodulation funktioniert durch die technischen Gegebenheiten nur eingeschränkt. In der Online-Konferenz lassen sich Ärger, Verdruss oder Langeweile nicht ablesen. Bei einer realen Begegnung wüssten wir über Stimmung und Verfassung unseres Gesprächspartners viel mehr.

Andreas Denk: Das hat viel mit der notwendigen Disziplin zu tun, die man online aufbringen muss. Die „Netiquette“ verpflichtet dazu, den anderen zu Wort kommen und ausreden zu lassen und seine eigenen Beiträge kurz zu halten. Spontaneität in der Diskussion ist da kaum vorgesehen. Auch Scherz, Satire oder Ironie sind mitunter fehl am Platze. Das verändert den Nuancenreichtum oder sogar den Charakter der Kommunikation erheblich.

Susanne Wartzeck: Ein Dialog wie unserer klappt gut, aber das Hineinreden und -rufen in einem Gespräch mit mehreren, das manchmal eine Diskussion in Gang setzt oder dem Gespräch eine Wendung gibt, funktioniert nicht. Die Gesprächsteilnehmer stellen ihre Meinung nebeneinander, was angenehm ist, wenn man nur gewisse Dinge miteinander „abarbeitet“, was aber nicht viel bringt, wenn man sich eine lebhafte Diskussion über ein strittiges Thema oder das Entstehen von Ideen im Dialog, also zur Wissensvermehrung wünscht.

Foto: Andreas Denk

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Andreas Denk: Diese Erkenntnis müsste Auswirkungen haben auf unser Denken über Häuser und Städte. Digitalaffine Kritiker haben immer wieder beklagt, dass Architektur und Städtebau in der digitalisierten Welt im Sinne des Wortes im Steinzeitmodus entworfen und hergestellt werden. Auch die meisten BDA-Architekten bauen steinerne Häuser und Städte. Die Idee, dass die Menschen mit VR-Brillen in der real existierenden Stadt herumgeistern und dabei eine ganz andere Wirklichkeit sehen, ist immer noch eine viel geliebte Phantasie. Die reale Erfahrung der digitalisierten Kommunikation ist hingegen etwas desillusionierend. Wohin geht die Entwicklung?

Susanne Wartzeck: In der Musikbranche, die bei der Digitalisierung allen anderen Kulturtechniken weit voraus ist, gab es nach der CD kein anderes materiell verkäufliches Item mehr. Alles ist digital verfügbar und als Datei zu erwerben. Um als Musiker Geld zu verdienen, muss man heute Konzerte geben. Musik und Musiker live zu erleben ist das, was das Publikum heute am meisten interessiert, dafür wird am meisten Geld ausgegeben. Dieser Wandel wird sich auch in anderen Bereichen des Lebens in Zukunft stärker vollziehen. Digitaltechniken werden wertvolle Hilfsmittel bleiben, aber das Live-Erlebnis ist unersetzlich. Das gilt auch für die Stadt und ihre Architektur, deren atmosphärischen Werte auch durch die beste Simulation nicht zu ersetzen sind.

Andreas Denk: Das hat sicherlich viel mit der Suche nach Authentizität zu tun, die in unserer spätkapitalistischen Gesellschaft ein immer selteneres und teureres Gut wird. Ein anderes Gut, dessen Wert wir angesichts der Krise erneut erfahren, ist der soziale Gedanke. Die Notwendigkeit, sich um Menschen kümmern zu können und zu müssen, denen es schlecht geht oder die sich nicht zu helfen wissen, trägt zur Erfahrung der Verletzbarkeit des Menschen und seiner Leiblichkeit bei, die in Deutschland wahrscheinlich zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg so präsent war. Die Stadt und ihre Häuser sind das Setting, das den Rahmen für Mitleid und Rücksicht, Pflege und Fürsorge bildet. Bekommt die Diskussion um die Resilienz des urbanen Gefüges, also seine Erneuerungsfähigkeit nach Krisen, dadurch neue Argumente?

Susanne Wartzeck: Die Pandemie wirft sicherlich ein neues Licht auf die Art, wie wir unsere Räume gestalten und wie wir sie nutzen. Die Nutzungsbeschränkungen und Verhaltensvorschriften des „spatial distancing“, das im deutschen Sprachgebrauch versehentlich zu „social distancing“ geworden ist, zeigen die limitierten Möglichkeiten unserer Räume insbesondere in den teuren Innenstädten auf. Auf der anderen Seite werden die Möglichkeiten einer Mobilitätswende erkennbar. Es geht in der Stadt offenbar auch fast ohne Autos! In dieser Hinsicht ließe sich noch viel mehr ausprobieren – man könnte Fahrradwege einrichten, wo es noch keine gab, Straßen sperren und umwidmen und die Prioritäten des öffentlichen Nahverkehrs ausbauen. Auch die Erkenntnis, dass das Corona-Virus durch Aerosole in der Atemluft übertragen wird, der Aufenthalt im Freien relativ ungefährlich ist, spricht für eine intensivere Nutzung des öffentlichen Raums.

Andreas Denk: Deuten die Zeichen tatsächlich auf Wandel oder erleben wir gerade nur eine Atempause und danach geht alles wie früher weiter?

Susanne Wartzeck: Ich bin eher Optimistin und möchte nicht in den Chor derer einstimmen, die – sicherlich mit plausiblen Gründen – befürchten, dass es „nach Corona“ erst richtig schrecklich wird. Ich glaube, dass wir die Chance haben, aus der Erkenntnis, dass nichts mehr „alternativlos“ ist, Gewinn zu ziehen Wir haben uns lange Zeit darauf eingelassen, Dinge so anzunehmen, wie sie sind. Die Pandemie zeigt uns, dass wir immer bereit sein müssen, Gegebenheiten völlig anders und neu zu bedenken und neu zu behandeln. Und die jüngste Entwicklung zeigt auch: Der Mensch vermag das, auch wenn es anstrengend und ungewohnt ist. Diese Erfahrung könnte der Motor sein, auch im Hinblick auf die Beschränkung des Klimawandels etwas zu erreichen. Wenn wir dieses mindestens so große Problem mit ähnlicher Stringenz und ähnlicher Entschlossenheit zu ungewohntem Handeln angehen wie die Maßnahmen gegen Covid-SARS II, bleibt Hoffnung.

Andreas Denk: Der BDA unternimmt gerade in einer Reihe von Workshops den Versuch, eine Strategie zur Digitalisierung seiner Öffentlichkeitsarbeit, seiner Zeitschrift und des Deutschen Architektur Zentrums zu entwickeln. Was bedeuten die Erfahrungen, die wir jetzt auf der Online-Ebene gemacht haben, Ihrer Auffassung nach für die Zukunft?

Foto: Andreas Denk

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Susanne Wartzeck: Mir ist angesichts der jetzigen Situation eindrücklich klargeworden: Die Digitalisierung ist bei der menschlichen Kommunikation nur ein Hilfsmittel, das die körperlich gebundene Kontaktaufnahme mit der damit verbundenen Vielfalt nur ansatzweise ersetzen kann. Das gilt auch für den BDA. Der persönliche Kontakt ist der Kern unseres Bundes. Aber unsere Digitalisierungsstrategie zielt nicht auf eine Verminderung persönlicher Kontakte, sondern auf deren Ergänzung. Es wäre schön, wenn wir diese ganz besonderen Menschen, die im BDA sind, mit digitalen Formaten füreinander und auch für andere sichtbarer machen könnten. Vielleicht schaffen wir es, den Austausch zwischen unseren Mitgliedern über die Grenzen der Bundesländer hinaus einfacher und aktueller zu gestalten. Das wäre mein Wunsch und meine Hoffnung. Trotzdem freue ich mich jetzt schon sehr, wenn ich die Kolleginnen und Kollegen beim nächsten realen Treffen wiedersehen kann.

Andreas Denk: Der BDA hat jetzt schon ein erstes Projekt initiiert: Es ist ein Podcast, der als Video oder Tonbeitrag länderübergreifend alle zwei Wochen im Netz zu finden sein soll. Wie konkret ist das Vorhaben?

Susanne Wartzeck: Die Idee kam von Chris­tian Holl, dem Geschäftsführer des BDA Hessen. Er hat vorgeschlagen, unter dem Motto „Don’t waste the Crisis“ eine Gesprächsreihe zu starten. Wir konnten die Landesvorsitzenden Lydia Haack aus Bayern, Daniel Kinz aus Hamburg und Uwe Brösdorf aus Sachsen, Mitarbeiter der Redaktion dieser Zeitschrift und der Bundesgeschäftsstelle für die Mitwirkung in einem Beirat gewinnen, der sich über Zweck, Format und Struktur einer solchen länderübergreifenden Initiative Gedanken macht. Der Podcast wird am 11. Juli starten, an dem Tag, an dem wir uns eigentlich in Nürnberg zum BDA-Tag treffen wollten. Der Podcast soll experimentell sein und die Möglichkeit zu einem inhaltlichen Austausch zwischen Architekten innerhalb und außerhalb des BDA bieten. Alle zwei Wochen freitags werden wir um 18 Uhr zu einem Audio- oder Video-Beitrag einladen, den man zum Feier­abend mit interessierten Kolleginnen, Kollegen und einem Bierchen im Büro wahrnehmen kann. Wir hoffen, dass der Funke überspringt und wir in den nächsten Monaten deutschlandweit Beiträge bekommen.

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