neu im club

Dolmetscher im Grenzbereich

Andreas Schüring, Andreas Schüring Architekten BDA, Münster

zauberscho(e)n, „Das Pferd an der Decke“, Bibliothek für Architektur, Kunst und Design, Münster 2008 – 2010, Foto: Roland Borgman

„Wie sind Sie zur Architektur gekommen?“, lautet oft eine der ersten Fragen im Interview mit jungen Architekten – so auch im Gespräch mit Andreas Schüring, den ich bei einem Italiener im Münsteraner Stadtteil Martini treffe. Die Frage erweist sich diesmal als besonders ergiebig, denn: Schüring wollte einmal eine ganz andere Laufbahn einschlagen. Aus einer Ziegler-Familie im Münsterland stammend, plante er, irgendwann in den elterlichen Betrieb einzusteigen. So absolvierte er eine Ausbildung zum Baustoffkaufmann und begann daraufhin ein BWL-Studium. Die Berührung mit dem Bauen hatte aber auch früh zu einer intensiven Beschäftigung mit Architektur geführt und schließlich kamen ihm Bedenken, ob dies nicht sein stärkeres Talent sei. Sein bester Freund, der selbst Architektur studierte, regte den begabten Zeichner Schüring dazu an, doch dasselbe zu tun. „Jetzt oder nie“, sagte er sich und schrieb sich an der Münster School of Architecture (MSA) ein – eine Entscheidung, die er nie bereut hat.

zauberscho(e)n, „Das Pferd an der Decke“, Bibliothek für Architektur, Kunst und Design, Münster 2008 – 2010, Foto: Roland Borgman

Auch der Berufseinstieg gestaltete sich bei Andreas Schüring nicht so, wie man es von den meisten Architekten kennt. Noch während seines Masterstudiums spielte ihm dabei der Umstand in die Hände, dass sein Campus in Münster einen Bibliotheksanbau benötigte. Zusammen mit zwei Kommilitonen wies er zunächst nach, dass der bereits existierende Entwurf für den Neubau nach wenigen Jahren schon ausgelastet gewesen wäre – und lieferte einen Gegenentwurf, der plötzlich als ernstzunehmende Alternative erwogen wurde. „Es war natürlich eine Überraschung, dass wir es durch unseren Fleiß und unsere Kenntnisse aus dem Studium geschafft haben, eine bestehende Planung zu kippen“, erzählt Schüring und scheint dabei immer noch erstaunt, welches Zutrauen man den mutigen Studenten damals schenkte.

zauberscho(e)n, „Das Pferd an der Decke“, Bibliothek für Architektur, Kunst und Design, Münster 2008 – 2010, Foto: Roland Borgman

Mit Unterstützung seines Professors Herbert Bühler konnte Schüring das Projekt tatsächlich mit seinem Mitstudenten Stephan Weber umsetzen, eigens dafür gründeten sie das Büro zauberscho(e)n – eine Anspielung auf die teils übertriebenen Erwartungen von Bauherren. Nach zwei Jahren war 2010 der Neubau fertiggestellt: ein langgezogener gläserner Körper, der dem Bestandsbau – einer ehemaligen Reiterkaserne – vorgesetzt wurde und ihn dennoch sichtbar lässt. Schlanke Glasschwerter, die die hohen Glasscheiben aussteifen, lassen den gewünschten Transparenz- und Leichtigkeitseffekt gelingen. Bei unserem Besuch auf dem Leonardo Campus sehen wir Studierende an Schreibtischen direkt hinter der Glasfront sitzen. „Vor allem die extravaganten Studenten kommen hierher, die gerne gesehen werden möchten“, witzelt Schüring, der mittlerweile selbst an der MSA lehrt.

zauberscho(e)n, Studie für „Das Pferd an der Decke“, Bibliothek für Architektur, Kunst und Design, Münster 2008 – 2010, Foto: Roland Borgman

Der dunkle Boden betont die Klarheit des Glaskörpers. Die Deckenplatte, die durch Knickungen den angrenzenden Bestand aufgreift und sich von ihm durch eine Lichtfuge absetzt, wird von sonderbar geformten weißen Stützen gehalten. Mit Referenz auf die frühere Funktion der Reiterkaserne, an der bis heute Ringe in den Mauern von den einst dort angebundenen Reittieren zeugen, sind diese als Abstraktion eines galoppierenden Pferdes konzipiert – das Dach mit seiner eigentümlichen Form wird so im Querschnitt zum Pferdekörper, die Stützen zu Beinen. „Wir brauchten hier eine Bildlichkeit, um die Architektur vermitteln zu können“, erklärt Schüring. Am Ende des Raums befindet sich ein runder Besprechungsbereich, der sich mittels eines Akustikvorhangs abgrenzen lässt und so das Kontinuum erhält. Beim Durchlaufen überzeugt die Einfachheit des Baus, der viele inspirierte und raffinierte Einzelheiten bereithält und sich an keiner Stelle das geringe Budget anmerken lässt.

Andreas Schüring Architekten BDA mit Bühler und Bühler Architekten BDA, Neue Ateliers, Kunstakademie Münster 2018, Fotos: ASA

Nach dem ersten, mehrfach preisgekrönten Projekt winkte schließlich doch eine Möglichkeit, sich in die Ziegelei der Eltern einzubringen: Unter anderem durch Schürings Impuls konnte das Unternehmen, das Ziegel im traditionellen Kohlebrandverfahren herstellt, den Auftrag für die Herstellung der Steine für die Plaza der Hamburger Elbphilharmonie an Land ziehen. Das Wissen über den Baustoff und die Erfahrung im Familienbetrieb ließ sich nun mit den neu erlernten Kenntnissen verbinden: „Ich war ein Dolmetscher zwischen den Parteien, die alle in unterschiedlichen Sprachen kommunizieren. Bauherr, Ingenieur, Handwerker sind verschiedene Charaktere, die unterschiedlich anzusprechen sind. Architektur ist eben auch Kommunikation, es heißt, die Leute zu begeistern und mitzunehmen.“

Andreas Schüring Architekten BDA mit Bühler und Bühler Architekten BDA, Neue Ateliers, Kunstakademie Münster 2018, Fotos: ASA

Nachdem sich Schüring 2010 mit seinem eigenen Büro selbständig gemacht hatte, ergab sich über die Bibliothek schließlich ein Folgeauftrag – der Umbau zweier Atelierräume für die Kunstakademie im Kulturcampus in Münster. Hier sind es denkmalgeschützte Bauten, deren Dachgeschosse zu hellen Ateliers umgebaut wurden. Um Tageslicht in die Räume dringen zu lassen, wurde dabei ein geschickter Eingriff unternommen: Anstatt Fenster in die Dachflächen zu stanzen, wurden die Aufschieblinge des Daches – die „Hutkrempe“, wie Schüring sagt – selbst als sprossenfreie Glasflächen ausgeführt. Da diese eine geringe Neigung aufweisen, fällt die Verglasung tagsüber kaum auf – das Erscheinungsbild des Baus bleibt von außen weitgehend erhalten.

Andreas Schüring Architekten BDA mit Bühler und Bühler Architekten BDA, Neue Ateliers, Kunstakademie Münster 2018, Fotos: ASA

Die vorgeschädigten Dächer wurden für diese Intervention komplett zurückgebaut und in Abstimmung mit der Denkmalpflege als moderner Holzbau in ihrer Geometrie rekonstruiert. Oberhalb eines umlaufenden Fachwerkträgers übernehmen vorfabrizierte freitragende Holzrippenelemente die Last des Dachs und verbinden sich mit der unteren hölzernen Schale zu einem lichten und zugleich geborgenen Gesamtraumeindruck. Eine Empore dient dem Ausblick bei Ausstellungen, als Entspannungsbereich der Kunstklassen oder zum Abstellen von Materialien.

Andreas Schüring Architekten BDA, Hochschulbibliothek FHöV Bielefeld, 2018, Foto: ASA

Mit Blick auf Schürings Werkverzeichnis wird schnell deutlich, dass der Berufseinstieg mit einem Bibliotheksbau im Hochschulkontext den weiteren Weg geprägt hat. Nach der Bibliothek in Münster und parallel zu den „Neuen Ateliers“ folgte der Ausbau der Bibliotheken der FH Minden und FHöV Bielefeld. Eines der jüngsten Projekte, eine Bibliothek in Bielefeld, die in einem Bau aus der NS-Zeit untergebracht wurde, zeigt, wie sich Respekt für den Bestand mit räumlicher Innovation verbinden lässt. Gerundete Regale aus Birkensperrholz dienen als raumbildende Elemente, die sich von der bestehenden, industriell anmutenden Tragstruktur in Form und Höhe deutlich absetzen, sie damit sowohl negieren als auch betonen. Ringförmige Leuchten inszenieren vor dem Hintergrund der freigestellten Decke die Rundungen des Raums sowie die Trennung zwischen Alt und Neu.

Andreas Schüring Architekten BDA, Hochschulbibliothek FHöV Köln, Köln-Deutz 2018, Fotos: ASA

Auch in der Bibliothek der FHöV Köln ist es die Stringenz des Konzepts, die einnehmend wirkt. „Durch die Grundidee einer gewebten räumlichen Struktur der Lernlandschaft und die konsequente Ausweitung des Leitbilds auf alle Materialien und Maßstäbe entsteht eine besonders klare Atmosphäre, für die man hartnäckig kämpfen muss“, beschreibt Schüring seinen Ansatz. Hier ist es der strahlend weiße Einraum, der durch die gerasterte Leuchtdecke zusammengefasst wird. Verglaste Studierräume, die von Bücherregalen umringt sind, schaffen Behaglichkeit und zugleich Transparenz. Sitzmöbel, Bücherregale und Akustikvorhänge bilden eine gestalterische Einheit. „Bei Projekten schauen wir immer, wie weit man gehen kann“, meint Schüring, „gleichzeitig darf der Bogen nicht überspannt werden, sonst bleibt es ein schöner Entwurf, der nicht umgesetzt wird. Man bewegt sich also immer in Grenzbereichen.“ Wie sich in seinen realisierten Bauten und Ausbauten zeigt, fährt er mit dieser Mischung aus Idealismus und Pragmatismus eine erfolgreiche Strategie.

Andreas Schüring Architekten BDA, Hochschulbibliothek FHöV Köln, Köln-Deutz 2018, Fotos: ASA

Zuletzt die Frage, wie es ihm gefalle, zunächst in der „Bibliotheken-Schublade“ zu sitzen. „Wir haben uns erst über die interessanten Aufgaben aus unterschiedlichen Universitätsstädten gefreut und über die vielen Synergien, die damit verbunden sind“, antwortet Schüring, „doch letztlich sind es unsere Erfahrungen für Bauten der Gemeinschaft und das Bauen im Bestand, die uns interessieren und wieder zu anderen Aufgaben führen.“ Derzeit arbeitet das Büro an einem großen Wohnungsbauprojekt mit Coworking-Spaces an der Aa im historischen Kontext. Es ist also zu erwarten, dass man seine Arbeit zukünftig noch in anderen Bauaufgaben bewundern kann.
Elina Potratz

www.schueringarchitekten.de

neu im club im DAZ-Glashaus
Talk mit Andreas Schüring:
25. März 2020, 19.00 Uhr
Werkschauprojektion:
26. März 2020 – 13. Mai 2020

www.daz.de
www.neuimclub.de

Medienpartner: www.marlowes.de

neu im club wird unterstützt von
Heinze sowie den BDA-Partnern.

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