Sozialräumliche Polarisierung in deutschen Städten

Wer wohnt wo?

von Nico Grunze

Welche sozialräumlichen Trends sind in Deutschland zu erkennen und wie wirken sich diese auf verschiedene Quartiere in der Stadt aus? Wie kommt es zu einer Konzentration von armen Haushalten in bestimmten Stadtvierteln und einer Ballung sozialer Problemlagen? Aus städtebaulicher Perspektive ist es von zentraler Bedeutung, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, da Quartierseffekte oft in die Vererbung von Lebensverläufen und Armut münden. Vor dem Hintergrund der Chancengleichheit ist es wichtig, die Herausforderungen zu erkennen und Ansätze zu entwickeln, um gegenzusteuern.

Im Zuge des Wandels von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, wachsender Einflüsse der Globalisierung und neuer Arbeitsverhältnisse hat sich die sozialstrukturelle Entwicklung verändert. Auf der einen Seite führt die solide wirtschaftliche Lage seit der Finanzkrise vor zehn Jahren dazu, dass in Berufen mit hoher Qualifizierung ein Ringen um Fachkräfte eingesetzt hat. Die Unternehmen locken mit attraktiven Arbeitsbedingungen und üppigen Gehältern. Von diesem Trend sind allerdings zahlreiche Menschen abgehängt. Spätestens seit den Sozialreformen ab Mitte der 2000er Jahre leben viele Menschen von prekärer Beschäftigung mit Jobs in Teilzeit, befristeten Anstellungsverhältnissen oder minimalen Löhnen. Unter diesen Bedingungen besteht keine Möglichkeit einer längerfristigen Lebensplanung oder einer Finanzierung von Wohneigentum. Die daraus resultierende soziale Ungleichheit und polarisierte gesellschaftliche Entwicklung bilden sich immer spürbarer räumlich ab.

Paulusviertel, Halle an der Saale, Foto: Felix Abraham (via Wikimedia / CC BY-SA 3.0)

Paulusviertel, Halle an der Saale, Foto: Felix Abraham (via Wikimedia / CC BY-SA 3.0)

Gentrifizierung – soziale Entmischung – Armutsquartier
In zentralen, attraktiven Lagen mehrerer deutscher Großstädte hat die Wohnungsnachfrage in den vergangenen Jahren massiv angezogen. Diese Situation liegt in verschiedenen Faktoren begründet, unter anderem ist es Ergebnis ansteigender Zuwanderung sowie internationaler Finanzspekulation. Die zuziehenden Bewohner sind bereit und in der Lage, hohe Mieten zu zahlen oder Wohneigentum zu erwerben. Die bevorzugten Quartiere zeichnen sich durch eine verlässliche Verkehrsanbindung, gute Schulen und hervorragende Versorgungsstruktur aus. Neben der eigenen Unterkunft ist die Flucht ins Betongold als Konsequenz der Niedrigzinspolitik und fehlender alternativer Anlagemöglichkeiten ein Auslöser für rasant steigende Immobilienpreise. Außerdem gelten diese Stadtviertel für ausländische Investoren als solide Gelegenheit, Fonds jeglicher Art renditeträchtig und in Erwartung maximaler Wertzuwächse abzusichern. Die Gentrifizierung ist in diesen Vierteln in vollem Gang und für Menschen mit geringem Einkommen bleibt kein Platz. Sie werden verdrängt.

Halle-Neustadt, Foto: Nico Grunze

Halle-Neustadt, Foto: Nico Grunze

Ein großer Teil der Bevölkerung hat kaum Wahlmöglichkeiten auf dem Wohnungsmarkt, sie sind von diesen Verdrängungsprozessen betroffen. Mit einem überschaubaren Einkommen bleiben für sie nur die einfachen Wohnlagen in randstädtischen oder wenig begehrten Quartieren.(1) Dabei betreffen die Verdrängungsprozesse nicht allein die Bewohner, sondern ebenso Geschäftstreibende, Einrichtungen der sozialen Infrastruktur oder Kultureinrichtungen. Insbesondere in den größeren ostdeutschen Städten mit Zuwanderung ist das Phänomen zu erkennen, dass Quartiere der Großwohnsiedlungen vom Zuzug armer Haushalte geprägt sind. Vielerorts hängt das eng mit der Eigentümersituation, der Lage oder dem Gebäudezustand zusammen. Oftmals eilt diesen Wohngebieten zudem ein schlechter Ruf voraus und die Versorgungssituation hat sich einer geringen Kaufkraft angepasst. Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen verschiedener Disziplinen kommen zu einheitlichen Ergebnissen, nach denen die sozialräumliche Konzentration mit großer Dynamik zunimmt. Demnach hat die Stadtentwicklung eine Tendenz zur sozialräumlichen Polarisierung.

Quartier auf Zeit, Halle-Silberhöhe, Foto: Nico Grunze

Quartier auf Zeit, Halle-Silberhöhe, Foto: Nico Grunze

Eine Studie zu Halle an der Saale mit einem Betrachtungszeitraum von mehreren Jahren identifiziert kleinräumige soziale Veränderungen überaus deutlich. Die Untersuchungen aus den Jahren 2011, 2014 und 2017 zeigen klar, dass die Sozialstruktur im Vergleich der Stadtteile immer weiter auseinanderrückt. Dabei sind Quartiere der Neustadt oder Silberhöhe, Großwohnsiedlungen in denen bereits eine arme Bevölkerung lebte, von einer Verschärfung der Situation betroffen. Dagegen ist in Gebieten wie dem Paulusviertel, das von Gentrifizierung betroffen ist, eine positive Entwicklung zu beobachten.(2)

Ein Mechanismus sozialer Entmischung

Vereinzelte Dienstleistungsangebote, Suhl, alle Fotos: Nico Grunze

Vereinzelte Dienstleistungsangebote, Suhl, alle Fotos: Nico Grunze

Für die immer klarere sozialräumliche Konzentration in den Städten sind vielfältige Ursachen auf unterschiedlichen Ebenen zu benennen. Dabei lassen sich die Effekte von Fort- und Zuzügen differenzieren. Fortzüge erfolgen freiwillig, sofern Haushalte die finanziellen Möglichkeiten haben, kommt es oft dazu, dass sie die angespannten Quartiere verlassen. Ein wichtiges Argument, um zu bleiben oder wegzuziehen, ist für junge Eltern zum Zeitpunkt der Einschulung ihrer Kinder das Bildungsangebot in ihrem Wohngebiet. Weitere Impulse resultieren aus einer negativ behafteten Adresse oder mangelhafter Versorgungsstruktur. Gleichzeitig gibt es – bis auf wenige Ausnahmen – in stark schrumpfenden Städten auch in diesen Gebieten eine Nachfrage nach günstigen Wohnungen. In vielen Fällen wird jedoch berichtet, dass die zuziehenden Menschen nach den sozialstrukturellen Merkmalen schlechter gestellt sind, als die Mieter, die vor ihnen in der Wohnung lebten. Ein Beleg für die soziale Entmischung.

Wohnungsmarktpolitische Auslöser für Segregation
Weshalb einkommensschwache Haushalte in den randstädtischen Vierteln eine Wohnung finden, hat verschiedene Gründe. In vielen Städten ist es unmittelbar mit den Versorgungsaufträgen kommunaler Wohnungsunternehmen verbunden. Der politische Auftrag dieser städtischen Anbieter lautet, bezahlbaren Wohnraum und Kontingente für benachteiligte Bevölkerungsgruppen bereitzustellen. Des Weiteren führen die Regelungen zu den Kosten der Unterkunft dazu, dass Wohnraum nur in sehr günstigen Quartieren zur Verfügung steht. Es handelt sich um eine Pauschale, die von den Kommunen für die Mietkosten einer Bedarfsgemeinschaft übernommen werden, damit diese ihren Lebensunterhalt bestreiten kann. Die Höhe richtet sich nach dem gesamtstädtischen Mietdurchschnitt und fällt oft so knapp aus, dass nur Wohnungen in unbeliebten Gebieten in Frage kommen. Einige Eigentümer haben ihre Vermietungsstrategien auf die Übernahme der Kosten der Unterkunft durch die Stadt ausgerichtet. Dafür wurden die Wohngebäude preiswert erworben und Instandhaltungsmaßnahmen auf ein Minimum beschränkt. Damit lohnt sich dieses Geschäftsmodell, das allerdings dazu führt, dass sich arme Haushalte in einzelnen Quartieren oder Häusern konzentrieren.(3)

Wohnraum für die schwächsten Gesellschaftsmitglieder, Halle-Neustadt

Wohnraum für die schwächsten Gesellschaftsmitglieder, Halle-Neustadt

Dass Armut zukünftig in bestimmten Quartieren – vor allem in Großwohnsiedlungen – zunimmt, liegt auch in der derzeitigen Einwohnerstruktur begründet. Ein großer Anteil der heutigen Bewohner ist hochbetagt oder im Seniorenalter, sodass sie von ungebrochenen Erwerbsbiographien und auskömmlichen Bezügen profitieren. Durch die natürliche Bevölkerungsentwicklung wird deren Anteil in den nächsten Jahren stetig kleiner, die kommende Seniorengeneration ist dagegen häufiger von Transferleistungsbezug und Brüchen im Berufsleben betroffen. Aus diesem Grund fallen nach dem derzeitigen System deren Renten geringer aus und die Kaufkraft sinkt. Die Anzahl von Menschen, die von Altersarmut betroffen sind, steigt und liegt in der sozialstrukturellen Ausgangssituation der Quartiere und dem Rentensystem begründet.

In stark schrumpfenden Städten wie Suhl hat sich mit „Quartieren auf Zeit“ ein besonders brisantes Phänomen herausgebildet, die soziale Entwicklung ist dort unmittelbar mit der baulichen Situation und mit politischen Entscheidungen verknüpft.(4) Die temporäre Quartiersform beruht auf dem politischen Beschluss, das Wohngebiet mittelfristig abzureißen. Der Zeitraum von der Beschlussfassung bis zur tatsächlichen Umsetzung kann viele Jahre dauern. Das Ziel besteht darin, sich aus dem Gebiet zurückzuziehen, um kommunale Ausgaben einzusparen. Dementsprechend werden Instandhaltungsmaßnahmen an Gebäuden, dem Wohnumfeld oder der technischen Infrastruktur auf ein Minimum reduziert. Für die verbleibenden Bewohner dünnt sich die Versorgungssituation über Jahre sukzessive aus, denn Arztpraxen suchen sich alternative Standorte, Grünflächen verwildern; Geschäfte, Schulen und Kindergärten schließen. Der Umstrukturierungsprozess vollzieht sich über einen langen Zeitraum, sodass sich die baulich und funktional fragmentierte Struktur zu einem Dauerzustand manifestiert. Die Versorgungslage und begrenzte Perspektive führt dazu, dass Bewohner, die es sich leisten können, in andere Stadtteile umziehen. In den Quartieren auf Zeit steigt dadurch der Anteil einkommensschwacher Menschen weiter und die Stigmatisierung dieses Gebiets nimmt zu.(5)

Paulusviertel, Halle an der Saale, Blick durch die Lessingstraße auf den Wasserturm, Foto: ArtMechanic (via Wikimedia / CC BY-SA 3.0)

Paulusviertel, Halle an der Saale, Blick durch die Lessingstraße auf den Wasserturm, Foto: ArtMechanic (via Wikimedia / CC BY-SA 3.0)

In einigen Städten ist die Entwicklung dieser Abrissgebiete allerdings positiver verlaufen als prognostiziert. Der Wohnraumbedarf nahm zu und die Pläne zur Auflösung wurden gestoppt. Hier hat sich aus dem „Quartier auf Zeit“ ein „Abrissquartier mit Bestand“ herausgebildet. Die bauliche Struktur wirkt durchlöchert, denn Gebäude wechseln sich mit Brachflächen oder leerstehenden Häusern ab.6 In manchen Gebieten werden auf den Rückflächen, kaum zehn Jahre nach dem Abriss, wie selbstverständlich neue Mehrfamilienhäuser errichtet.

Ausblick
Die Ausführungen skizzieren, welche Rahmenbedingungen und Entwicklungen dazu führen, dass sich soziale Unterschiede räumlich abbilden. In den boomenden Städten Deutschlands geht die Gentrifizierung mit der Verdrängung einkommensschwacher Menschen einher. Dadurch sind zunehmend Muster segregierter Quartiere von wohlhabenden Bewohnern in der Innenstadt und armer Bevölkerung am Stadtrand festzustellen. In den randstädtischen Quartieren setzt sich die Entmischung weiter fort, denn Bewohner mit ausreichendem Einkommen verlassen die Gebiete.

Dagmar Schmidt, Installation „Grabungsstädte“, 2003 – 2005, Betonguss und wiederverwendetes Abrissgut, Halle-Silberhöhe, Foto: Nico Grunze

Dagmar Schmidt, Installation „Grabungsstädte“, 2003 – 2005, Betonguss und wiederverwendetes Abrissgut, Halle-Silberhöhe, Foto: Nico Grunze

Eine Steuerung der sozialstrukturellen Entwicklung auf Quartiersebene ist im Vergleich zu Bauprozessen äußerst komplex. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich bei baulichen Veränderungen mit ausreichend politischem Willen finanzielle Anreize für Abriss oder Neubau schaffen lassen. Bei der Sozialstruktur ist die Steuerung um ein Vielfaches schwerer, denn die Entscheidung zum Verlassen eines benachteiligenden Quartiers erfolgt freiwillig. In einigen Städten sind einzelne Adressen und Quartiere seit der Errichtung negativ besetzt. Dadurch ist ein Imagewandel nur mühevoll und mit umfassenden Maßnahmen erreichbar. Auf lokaler Ebene in den Quartieren engagieren sich vielerorts ehrenamtliche Initiativen und soziale Einrichtungen für eine gute Nachbarschaft. Für diese Tätigkeit sind ausreichend finanzielle Mittel und eine langfristige Finanzierungsicherheit eine bestimmende Grundlage. Ein Schlüssel liegt in der Ausstattung mit sozialen Infrastruktur- und Versorgungseinrichtungen, denn davon hängt die Attraktivität eines Quartiers ab. Die besten Lehrer sollten an den Schulen tätig sein, an denen Schülern das Lernen am schwersten fällt und Vorbilder fehlen. Bislang sind dort aber überproportional häufig Quereinsteiger eingesetzt, die sich selbst noch in Ausbildung befinden.

Die randstädtischen Quartiere übernehmen eine bedeutsame Aufgabe, denn sie bieten Wohnraum für breite Teile der Bevölkerung und die schwächsten Gesellschaftsmitglieder. Dementsprechend groß muss deren Beachtung in der Politik und Fachöffentlichkeit ausfallen, um dort noch rechtzeitig faire und lebenswerte Wohnbedingungen zu erhalten. Wahrscheinlich bedarf es eines Leitbilds zur sozialen Stadtentwicklung, das an sozialer Gerechtigkeit orientiert ist.

Dr. Nico Grunze studierte Geographie, Stadtsoziologie und Kartographie an der Humboldt-Universität zu Berlin und wurde dort 2016 mit einer Arbeit über Perspektiven ostdeutscher Großwohnsiedlungen promoviert. Er war von 2008 bis 2015 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bereich Stadtentwicklung und Wohnen im Deutschen Bundestag tätig. Seit 2018 ist Nico Grunze Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Referat für Baukultur und Berufspolitik des BDA Bundesverbandes.

Anmerkungen
1   Beran, Fabian / Nuissl, Henning: Die Verdrängten und die Umstände ihrer Verdrängung, in: Wüstenrot Stiftung (Hrsg.): Verdrängung auf angespannten Wohnungsmärkten. Das Beispiel Berlin, Ludwigsburg 2019, S. 126-152, hier S. 142.
2   Bernt, Matthias: An den Rand gedrängt – Polarisierung in Halle an der Saale, in: IRS Aktuell, Nr. 92 / 2019, S. 10.
3   Bernt, Matthias: Sonderfall Südpark?, in: Pasternack, Peer (Hrsg.): Kein Streitfall mehr? Halle-Neustadt fünf Jahre nach dem Jubiläum, Halle (Saale) 2019, S. 79-90, hier S. 87.
4   Brösicke, Frank: Suhl 2030 – eine Stadt sucht ihre Zukunft, in: Altrock, Uwe / Grunze, Nico / Kabisch, Sigrun (Hrsg.): Großwohnsiedlungen im Haltbarkeitscheck. Differenzierte Perspektiven ostdeutscher Großwohnsiedlungen, Wiesbaden 2018, S. 169-183, hier S. 173.
5   Grunze, Nico: Ostdeutsche Großwohnsiedlungen. Entwicklung und Perspektiven, Wiesbaden 2017, S. 197.
6   Ebd., S. 227

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