neu im club: Nataliya Sukhova, transstruktura, Berlin

Flexible Gemeinschaft

transstruktura (Andreas Heim, Nataliya Sukhova, Viktor Hoffmann), Einfamilienhaus, Schulzendorf 2019, Fotos: Klemens Renner

In der Gemeinde Schulzendorf am südöstlichen Stadtrand Berlins, unweit des Flughafens BER, steht zwischen Kiefern ein schwarzes Einfamilienhaus. Mit der Fassade aus karbonisiertem Holz, der klaren Kubatur und den Fensterbändern setzt es sich von den Gebäuden der Nachbarschaft ab – wie in den meisten neueren Einfamilienhaussiedlungen Deutschlands sind hier ansonsten Kataloghäuser vorherrschend. Während letztere als vorstädtische Normalität kaum hinterfragt werden, waren viele Menschen in der Nachbarschaft zunächst irritiert durch die Farbgebung des Baukörpers, der von der Architektengruppe transstruktura entworfen und umgesetzt wurde. Wie die Bauherrin beim Besuch vor Ort berichtet, hätten viele im Dorf die schwarze Fassade schlimm gefunden, Nachbarn sich sogar eine Pergola gebaut, um das Schwarz nicht sehen zu müssen.

Wenngleich es mit den Nachbarn ästhetische Differenzen gab, so war die Zusammenarbeit zwischen der Bauherrschaft und den Entwerfenden äußerst harmonisch. Sicher auch, weil die Bauherrin – eine Professorin für Industriedesign – von vornherein Verständnis für gestalterische Qualität und Materialität mitbrachte. „Wir mussten nicht sehr viel vermitteln, und es kam auch von den Bauherren viel guter Input“, berichtet Nataliya Sukhova, eine der Gründerinnen von transstruktura.

transstruktura (Andreas Heim, Nataliya Sukhova, Viktor Hoffmann), Einfamilienhaus, Schulzendorf 2019, Fotos: Klemens Renner

Beim Durchwandern des Gebäudes wird das Grundkonzept schnell deutlich. Der langgezogene Baukörper ist im Innern durch eine aus der Mitte gerückte Kernmauer aus Sichtbeton in einen Wohnteil und einen Erschließungsteil mit Toiletten und Gästezimmern unterteilt. Die verschobene Mittelachse bildet sich in der asymmetrischen Dachform ab. Zur Beruhigung des Baukörpers sind die Fenster bandförmig ausgeführt, wodurch sich die innere Aufteilung des Baus nicht nach außen vermittelt. Im Erdgeschoss erstreckt sich ein großzügiger Wohn-, Koch und Essbereich über die gesamte Länge des Hauses. Durch die großzügigen Fenster an beiden Enden entsteht eine Beziehung zwischen der südlichen Straßenseite und der Rückseite mit Waldblick. Im Obergeschoss, ausgeführt als Holzkonstruktion, bilden die Holzverkleidungen einen atmosphärischen Kontrast zu den geschliffenen Betonflächen.

Unser zweites Treffen findet im Büro von transstruktura in Berlin Kreuzberg statt. Hier arbeitet Nataliya Sukhova mit ihren Kolleginnen und Kollegen Andreas Heim, Viktor Hoffmann und Eva Dietrich auf einer Etage mit einigen anderen Architekturschaffenden und Kreativen. „Wie der Name transstruktura schon sagt, ist unser Büro eine offene Gruppe von Architektinnen und Architekten, die sich als Struktur je nach Auftrag zusammenschließen“, beschreibt Nataliya Sukhova den Charakter des Büros. „Wir alle haben zunächst allein gearbeitet und uns dann zusammengetan, um gemeinsam auch größere Projekte bearbeiten zu können.“ Jede Person bringt damit eigene Stärken und Schwerpunkte mit in die gemeinsame Arbeit. Eva Dietrich etwa, die erst vor zwei Jahren zu der Gruppe stieß, ist Gründungsmitglied der Architects for Future, Viktor Hoffmann macht insbesondere künstlerische Projekte mit Schnittstellen zur Architektur.

transstruktura (Nataliya Sukhova, Andreas Heim, Viktor Hoffmann) mit Wiebke Lemme, DOM, Mannheim / Berlin 2014, Fotos: transstruktura und Jan Bäse

Den Anfang nahm transstruktura an der Bauhaus-Universität in Weimar, wo die damaligen Studierenden begannen, sich immer wieder projektweise zusammenzuschließen. Diese Verbindung hielt auch dann noch, als es die Mitglieder nach und nach in unterschiedliche Büros verschlug. Das erste gemeinsam realisierte Projekt ging schließlich aus einem Wettbewerbsgewinn für ein Theaterfestival in Mannheim hervor, für das experimentelle Hotelzimmer entworfen werden sollten. Das geringe Budget zwang zu Kreativität und Wiederverwendung von Materialien: Aus sieben ausrangierten und ineinander verschnittenen Glascontainern schuf man einen überkuppelten Schlafraum für zwei Personen, der durch seine Auskleidung mit Blattgold eine fast sakrale Anmutung erhält: „Wir hatten die Hagia Sophia mit den runden Formen im Innern vor Augen“, meint Sukhova lachend. Trotz der Lage des Baus auf einem öffentlichen Platz war die Schlafgelegenheit sofort ausgebucht.

transstruktura (Nataliya Sukhova, Andreas Heim, Viktor Hoffmann) mit Wiebke Lemme, DOM, Mannheim / Berlin 2014, Fotos: transstruktura und Jan Bäse

Eva Dietrich und Nataliya Sukhova lern­ten sich wiederum vor 16 Jahren bei Buromoscow in Moskau kennen, einem damals jungen Architekturbüro, das unter anderem von mehreren ehemaligen Mitarbeitenden von OMA gegründet wurde. „Die Hierarchie war dort sehr flach, das hat einen guten Einblick in die Bürostruktur gegeben“, erzählt Sukhova, „außerdem haben wir an vielen Ausstellungen, unter anderem auch im russischen Pavillon der Biennale in Venedig, teilgenommen. Das hat sehr geprägt“. Ob auch transstruktura heute in Russland bauen würde? Eva Dietrich ist hier zurückhaltend: „Ich sehe es als meine Verantwortung, den Kontext zu verstehen und das ist oft schwierig, wenn ich nicht vor Ort bin. Es kann dann zwar ein schöner Bau entstehen, aber welche Konsequenzen dieser ökologisch, gesellschaftlich oder sogar wirtschaftlich hat, kann ich kaum einordnen.“ Sukhova ist da optimistischer: „Ich sehe die Möglichkeit, etwas positiv zu verändern. Man kann als Büro auch seine Agenda mitbringen und sie dort verbreiten. Ich suche daher sehr aktiv nach Wettbewerben in Russland.“ Doch trotz des Meinungsunterschieds wäre ein Projekt in Russland kein Grund für getrennte Wege, meint Eva Dietrich: „Ich wäre dann vielleicht eher beratend dabei. Auch aufgrund der sprachlichen Barriere.“

Der drängende Wunsch, an größere und insbesondere öffentliche Projekte zu gelangen, kommt im Gespräch immer wieder zum Ausdruck. Nachdem die Gruppe mit anfänglichen Teilnahmen an offenen Wettbewerben parallel zur jeweiligen Bürotätigkeit nicht weitergekommen war, begann man schließlich, sich kleineren Projekten zuzuwenden. Nataliya Sukhova etwa entwarf nach der jahrelangen Mitarbeit bei David Chipperfield Architects für ein Start-up das „Futteralhaus“. Der Prototyp für ein vorgefertigtes Minimalhaus besteht ausschließlich aus ökologischen Materialien und kann durch Photovoltaikanlagen weitgehend autark betrieben werden.

ransstruktura (Nataliya Sukhova) mit Maxim Kurennoy, Anete Leskevica, Luigi Scapin, Futteralhaus, Prototyp, 2016 – 2017, Foto: Dmitriy Yagovkin

Nachhaltigkeit ist nach wie vor ein zentrales Thema in den Entwürfen von transstruktura – ein weiterer Grund, weswegen die Gruppe auch nach größeren Projekten strebt, die einen stärkeren Einfluss auf die Gesellschaft haben. Doch diese sind bislang nicht in Sicht: „Wir haben uns ein Jahr lang auf öffentliche Projekte beworben und unzählige Formulare ausgefüllt. Das war sehr frustrierend, weil es oft schwer ist, in die Verfahren hineinzukommen“, berichtet Eva Dietrich. „Für größere Projekte sind Referenzprojekte in gleicher Größe nötig, das schließt uns als junges Büro oft aus“, ergänzt Sukhova „Wir wurden aber für eine Machbarkeitsstudie von der HOWOGE beauftragt. Es war eine spannende Aufgabe, hier die Parameter für eine mögliche Bebauung zu setzen oder noch einmal zu hinterfragen.“

transstruktura (Nataliya Sukhova) mit Studio Singer, Coworking Space „Easy Busy“, Berlin 2016, Foto: Marco Armborst

Dass die Zusammenarbeit in der Gruppe trotz des losen Zusammenschlusses so gut funktioniert, hängt Sukhova zufolge mit guten Strategien der Konfliktbewältigung zusammen: „Wir lernen voneinander, und im Austausch ändern wir auch manchmal unsere Vorstellungen, und das Ergebnis wird besser“. Zum anderen gibt es freie Entfaltungsmöglichkeiten der Einzelnen: „Die Gruppe gibt uns die Möglichkeit, viel zusammen machen – aber bei Bedarf auch allein.“ So übernimmt Sukhova beispielsweise hin und wieder Projekte mit einem Team aus Akustikexperten und Architektinnen, dass sich als Studio Singer zusammengetan hat. 2016 setzten sie gemeinsam „Easy Busy“ um, einen familienfreundlichen Coworking Space in Berlin. Die Büroräume wurden ergänzt durch einen Kinderraum, in dem der Nachwuchs betreut werden kann, während die Eltern nebenan arbeiten.

transstruktura (Nataliya Sukhova) mit Studio Singer, Coworking Space „Easy Busy“, Berlin 2016, Foto: Marco Armborst

Wie es weitergeht? Man wolle weiter dranbleiben und versuchen, an größere Projekte zu kommen. Parallel dazu tragen die einzelnen Mitglieder weiterhin ihr Wissen aus ihren individuellen Tätigkeiten in die gemeinsame Arbeit. Ihrem hohen Anspruch wollen sie treu bleiben, so Sukhova: „Es war immer wichtig, architektonisch etwas Eigenständiges zu machen und inspirierende Lösungen zu finden. Es gibt so viel 08 / 15-Architektur, wir wollen Gebäude entwerfen, die ethisch und ästhetisch einen hohen Wert haben und sich aus der Masse herausheben.“
Elina Potratz

www.transstruktura.com

neu im club im DAZ
Talk mit Nataliya Sukhova und Eva Dietrich:
1. September 2021, 19.00 Uhr

www.daz.de
www.neuimclub.de

Medienpartner: www.marlowes.de

neu im club wird unterstützt von Haushahn, Erfurt und Heinze sowie den BDA-Partnern

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