Tatort

Gegessen

Wieder suchen wir ein Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Architekturgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Lösungsvorschläge können per E-Mail (redaktion[at]die-architekt.net) an die Redaktion gesandt werden. Unter den Einsenderinnen und Einsendern der richtigen Antwort verlosen wir das Buch „Kinder der Moderne“. Einsendeschluss ist der 15. Mai 2022.

Wie zuletzt befindet sich der „Tatort“ auch diesmal in einer östlich gelegenen Großstadt des Landes. Auf zwei Seiten vom Verkehr einer Hauptverkehrsader und einer Bahntrasse umtost, führt die anliegende Seitenstraße rückwärtig in die Stille eines international gewürdigten Wohngebiets. Auf den grünen Ausläufern des benachbarten Parks grasen des Sommers ganze Rudel wilder Kaninchen zwischen den Häusern. Dass das gesuchte Gebäude nach wie vor – wenngleich nicht mehr funktional, so zumindest räumlich – den Auftakt zu diesem Gelände bildet, war nicht vorgesehen: Geplant war es nämlich als lediglich auf zehn Jahre begrenzter, temporärer Ausstellungsbau für Architekturentwürfe.

Foto: Theresa Jeroch

Über einem asymmetrischen Grundriss erhebt sich der zur Straße hin ansteigende Flachbau als transparente Konstruktion bodentiefer Fenster und filigraner Stahlstreben. Um die südlichste Spitze verläuft ein prismatisch geknicktes, verblendetes Betongehäuse mit Oberlicht. Die westliche Wand ist massiv in Sichtbeton gehalten und verlängert sich in eine zweifach geknickte, stetig abfallende Mauer, die den Hinterhof einfasst. Im Osten wiederum schließt ein zur Halle quer versetzter Bürotrakt in Holzvertäfelung an. Sein ausladendes Pultdach überfängt großzügig den Eingangsbereich. Es ist ein frühes Werk eines der bekanntesten Büros der Stadt in der Nachkriegsmoderne.

Nach einer Erweiterung in den 1980er-Jahren durch einen der Partner aus jenem Büro wurde das Gebäude bis Ende des 20. Jahrhunderts im Ursprungssinne gleichsam als eine Art Bürgerforum genutzt, um aktuelle Architektur- und Städtebauprojekte vor- und zur Diskussion zu stellen. Anschließend präsentierte man hier Geschirr aus „weißem Gold“ zum Verkauf – im Nachhinein gesehen eine folgerichtige Überleitung von der Ausstellungsfläche zum Gastrogewerbe: Nach der Privatisierung fiel es in die Hände einer Fastfoodkette. Der Umbau erfolgte durch das Büro einer Architektin, die gegenwärtig seit wenigen Monaten Teil der örtlichen Regierung ist. Durch das Entfernen nachträglicher Einbauten und also der weitgehenden Instandsetzung des Urzustands wurde der Denkmalschutz derart zufriedengestellt, dass er über die Tilgung der Grünfläche durch Parkplatz und Drive-in hinwegsah. Dass das Gebäude jetzt zunehmend von Gestrüpp umwuchert wird, mag man als Rückeroberung der Natur lesen; schwerer wiegt ohnehin der Wald an Werbefahnen. Die ergreifen mittlerweile auch von den Fensterflächen Besitz, was man eigentlich zu vermeiden versprach. All das wirft die gläserne Fassade auf den Betrachtenden zurück – und verhüllt leicht spiegelnd das doch gelungene Innere im Stil eines Diners der 1950er-Jahre.

Was bleibt, ist Kommerz statt Kultur, schnelles Geld statt Zukunftsplanung, billige Burger statt bürgernahe Stadtentwicklung. Welches Gebäude suchen wir, zu welchem Anlass wurde es von wem wann geplant und errichtet – und welches Architekturbüro verantwortete den Umbau zur Imbissbude?

Der Tatort in Heft 1 / 2022 waren die Theaterwerkstätten in Dresden, von 1977 bis 1981 unter der Leitung von Eberhard Pfau und Torsten Eggert Gustavs projektiert und ausgeführt. Die Gewinnerin des Buchpreises ist Tanja Scheffler.

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