Buch der Woche: Kinder der Moderne

Poetischer Schleier

„Es war halt, wo wir wohnten“, sagt Helga Zumpfe über ihr Elternhaus, das kein geringeres ist als das von Hans Scharoun entworfene Haus Schminke in Löbau (1933). Die Frage, wie das Wohnen in Inkunabeln der Moderne ablief, als diese noch nicht musealisiert oder touristisch erschlossen waren, trieb das kanadische Paar Julia Jamrozik und Coryn Kempster im Wohnmobil durch Europa. Sie trafen sich mit Menschen, die als „Kinder der Moderne“ kurz nach Fertigstellung in berühmten Gebäuden aufgewachsen waren, und ließen sich von deren Erinnerungen erzählen. Diese „Oral History“ ergänzt die geschriebene Architekturgeschichte um bislang unbekannte, subjektive und alltägliche Wahrnehmungen. Während die Eltern die Häuser bewusst bezogen oder in Auftrag gaben, fanden sich ihre Kinder unvoreingenommen darin wieder. Um das Projekt der Moderne mit seinen charakteristischen, zum Teil auch dogmatischen Lebensumgebungen historisch einzuordnen, ist dieser Ansatz nicht zu unterschätzen.

Familie Schminke in ihrem Garten, Foto: Stiftung Haus Schminke

Familie Schminke in ihrem Garten, Foto: Stiftung Haus Schminke

Mit ausführlichen Zitaten, umfangreichen bauzeitlichen und aktuellen Fotos kommen vier Gebäude aus je einer Perspektive zur Sprache: Neben Haus Schminke sind es eines der Reihenhäuser in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung (J.J.P. Oud, 1927), die Villa Tugendhat in Brno (Ludwig Mies van der Rohe, 1930) und die Unité d’Habitation in Marseille (Le Corbusier, 1952). Die kindlichen Erinnerungen haben sich besonders an Details geheftet. So wie Orhan Pamuk in seinen Istanbul-Romanen scheinbar Nebensächliches anhand von Straßenkarten erzählt, verorten auch Jamrozik und Kempster die Erinnerungen in den Grundrissen der Häuser. Auf diese Weise legt sich ein poetischer Schleier über die technischen Zeichnungen, wenn beispielsweise bezogen auf das Oud-Haus die Rede ist von der „Betonbank, wo ein Vogel Rolf die Butter vom Brot schnappte“ oder der „niedrigen Mauer, an der die Kinder beim Versteckspiel abzählten“. Ohnehin ist das Verstecken – beziehungsweise dessen Unmöglichkeit, wie im Haus Schminke – ein wiederkehrendes Motiv im kindlichen Erleben der offenen, transparenten Räume.

Rolf Fassbaender vor dem Oud-Haus, Foto: Fassbaender/Weissenhofmuseum

Rolf Fassbaender vor dem Oud-Haus, Foto: Fassbaender / Weissenhofmuseum

Die Erinnerungen bringen eine tiefe Verbundenheit der gealterten Kinder mit der Architektur ihres Zuhauses zum Vorschein. Als Gisèle Moreau als junge Erwachsene beim Sonnenbaden auf dem Dach der Unité aus dem Radio vom Tod Le Corbusiers erfuhr, traf sie diese Nachricht ins Mark: „Wenn ich ‚Le Corbusier‘ höre, bilde ich mir immer ein, es geht um mich.“ Eine Ausnahme bildet Ernst Tugendhat, der bereits im Alter von acht Jahren mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten fliehen musste und so der Möglichkeit beraubt wurde, sein Elternhaus näher kennenzulernen. Bezeichnenderweise fühlt er sich den von Lilly Reich und Mies van der Rohe entworfenen Brno-Stühlen und dem Tugendhat-Sessel, die die Familie auf der Flucht in die Schweiz und später nach Venezuela mitnahm, enger verbunden als dem zurückgelassenen Haus.
Maximilian Liesner

Kinder der Moderne, CoverJulia Jamrozik und Coryn Kempster: Kinder der Moderne. Vom Aufwachsen in berühmten Gebäuden, gebunden, 328 Seiten, 241 farb. und 99 s/w Abb., Birkhäuser, Basel 2021, ISBN 978-3035621679

Titelbild des Beitrags: Kinder beim Sonnenbad auf dem Dach der Unité d’Habitation, Foto: Louis Sciarli, Fondation Le Corbusier

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