Buch der Woche: Städtebau der Normalität

Ideal Normal

Die Architektur des Ruhrgebiets ist mehr als nur Arbeitersiedlungen – diese Erkenntnis scheint nicht unbedingt überraschend. Dass es aber gerade im Ruhrgebiet nach 1945 einen behutsamen und reflektierten Wiederaufbau gab, der sich dezidiert auf die Qualitäten der Vorkriegsstadt besann, ist weniger bekannt. Die massiven Zerstörungen der Innenstädte und Wohnviertel im Zweiten Weltkrieg hatten zunächst ein zügiges Handeln notwendig gemacht. An manchen Stellen beschloss man aus schlichtem Pragmatismus, sich auf die vorherigen Bebauungsmuster zu beziehen. Zumeist aber, das zeigt die Publikation „Städtebau der Normalität. Der Wiederaufbau urbaner Stadtquartiere im Ruhrgebiet“, entschied man sich nicht aus Gründen einer rückwärtsgewandten Baugesinnung oder Einfallslosigkeit für das Anknüpfen an die Konventionen, sondern aus einem durchaus reflektierten und weitsichtigen Blick auf das Phänomen Stadt.

Wolfgang Sonne, Regina Wittmann (Hrsg.): Städtebau der Normalität. Der Wiederaufbau urbaner Stadtquartiere im Ruhrgebiet

Es gab bei vielen Akteuren im Ballungsgebiet um Ruhr und Rhein ein Bewusstsein für das, was Urbanität erfordert, so etwa Dichte, Funktionsmischung und klar formulierte Straßenräume. Die Forderungen der städtebaulichen Avantgarden wie Auflockerung, Zeilenbau, monofunktionale Quartiere sowie die Ideale der autogerechten Stadt wurden dagegen kritisch betrachtet. Wie Mitherausgeber Wolfgang Sonne erklärt, war „die politisch-moralische Aufladung der städtebaulichen Leitbilder“ Grund für die bisher weitgehend undifferenzierte Darstellung der Nachkriegs-Stadtentwicklung. Kurz: Moderne Vorstellungen wurden meist als Inbegriff eines demokratischen Selbstverständnisses verstanden, während der klassische Blockrand als Materialisierung eines politischen Konservatismus gedeutet wurde. Die Realität dagegen sieht anders aus. Der Direktor des Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk Philipp Rappaport etwa, eine der prägendsten Figuren in diesem Zusammenhang, war selbst Verfolgter des NS-Regimes und entwickelte seine Erkenntnisse in klugen und abwägenden Vorträgen, die jeglicher politischer Polemik und einseitiger Radikalität entbehrten.

Wie der Titel des Buches bereits andeutet und wie in Fallbeispielen aus Städten wie Essen, Mülheim, Witten, Bochum, Oberhausen, Duisburg und Dortmund veranschaulicht wird, war das Ergebnis der Bestrebungen oftmals nicht gerade von architektonischer Brillanz geprägt. Sowohl ästhetische Leitbilder als auch finanzielle Beschränkungen führten zu bescheidenen und mitunter eher einfallslosen Formulierungen vieler Bauten. Bei allem aber hatte es die Bewahrung von Stadträumen zur Folge, deren Vorzüge wir heute wieder klar zu benennen wissen.

Elina Potratz

Wolfgang Sonne, Regina Wittmann (Hrsg.): Städtebau der Normalität. Der Wiederaufbau urbaner Stadtquartiere im Ruhrgebiet, 320 S., 350 Abb., DOM Publishers, 98,– Euro, Berlin 2018, ISBN 978-3-86922-616-3

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