Ausstellung im O&O Depot Berlin

Im Reich der Gurken

Die Wiener Künstlerin Theres Cassini (*1960) hat sich durch die inszenierte Farbfotografie bis zur Skulptur und zur Plastik gearbeitet. Im Berliner O&O Depot zeigt sie zwei jüngere Werkgruppen, die jeweils aus stoffbespannten Drahtgestellen bestehen. Die Ursprünge der ersten Serie liegen in filigranen Gebilden aus mehrfach geschwungenen, teils einander durchdringenden Drahtkurven und einer leicht durchscheinenden gazeartigen Textilbespannung, die komplexe Körper im Raum entstehen lässt.

Theres Cassini, O&O Depot, Foto: Andreas Denk

Theres Cassini, O&O Depot, Foto: Andreas Denk

Die dreidimensionalen Formen, die entweder abstrakte Figuren bilden („Mr. Euler“, 2013) oder mitunter durch Federn und Fell wesenhafte Züge bekommen („Lady and Lord Amherst“, 2014), hängen jeweils frei von der Decke. Bei zwei neuen, ziemlich großen Exemplaren hat Cassini als Bespannung einen glänzenden, changierenden Stoff eingesetzt. Die Gebilde haben eine noch größere Präsenz im Raum: Das goldschimmernde, annähernd birnenförmige Objekt „Mammon/Venus/Scrotum“ (2019) beansprucht nicht nur den kleinen Seitenraum der Galerie zur Gänze. Sein Titel verrät auch einiges über die gelegentliche Vorliebe der Künstlerin für erotisch-sexuelle Anspielungen. Seine organische Form lässt nämlich nicht nur die Venus von Willendorf, sondern auch den ebenfalls titelgebenden Teil des männlichen Geschlechtsorgans assoziieren.

Das trifft natürlich auch auf die vielteilige Installation zu, die die Künstlerin im Hauptraum der Galerie von Laurids und Manfred Ortner installiert hat. Cassini hat hier 27 gurkenförmige Gestelle, die mit gerafften und gefältelten, gepunkteten und getigerten Stoffen bekleidet sind, zu einem sinistren Schwarm wurmartiger Wesen arrangiert. Die krumme Horde schwebt in verschiedenen Höhen und füllt den gesamten Raum. Ihre eigenartigen organischen Formen erinnern an Seegurken, Raupen, Würmer oder vorzeitliche Riesenviecher. Und tatsächlich: Theres Cassinis „UR-Gurken“ scheinen ein Eigenleben zu führen. Die Formation wird durch jeden Lufthauch in Bewegung versetzt. Die flauschigen Biester formieren sich zu immer neuen Konstellationen, drängen sich zwischen die Besucher, berühren Hände und Gesichter, unterbrechen sogar Gespräche und lassen sich ganz prima anfassen. Ein befremdliches Szenario, denn man weiß nicht, was hier im Dunkeln passiert.
Andreas Denk

Theres Cassini, O&O Depot, Foto: Andreas Denk

Theres Cassini, O&O Depot, Foto: Andreas Denk

Theres Cassini. Gurkenschwarm
bis 7. April 2020
Öffnungszeiten: Di – Fr 16.00 – 19.00 Uhr
O&O Depot
Leibnizstraße 60
10629 Berlin
www.o-o-depot.com

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