Buch der Woche: Unbuilding Walls

Materialsammlung

Mauern können Umfriedung sein, Schutz vor dem Unbill der Umgebung bieten, das eigene Hab und Gut umhegen. Aber sie können auch Gefängnis sein für all jene, die nicht im Stande sind, sie zu überwinden. Ein solches war die Mauer, die Deutschland ab dem 13. August 1961 bis zu ihrer Öffnung 28 Jahre später trennte. Am 6. Februar dieses Jahres war diese Trennung länger aufgehoben, als sie bestand. Dieser Spiegeltag – 28 Jahre mit Mauer, 28 ohne – ist Ausgangspunkt der Überlegungen von Marianne Birthler, Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit zum deutschen Beitrag der diesjährigen Architekturbiennale und der dazu erscheinenden Begleitpublikation – beides unter dem Titel „Unbuilding Walls“. Wir wissen zwar, wie man Mauern baut, aber, und das ist die entscheidende Frage der vier Kuratoren: Wie baut man Mauern eigentlich wieder ab? Technisch scheint auch das zunächst klar. Aber schon hier zeigt sich, dass die Fragen nach dem Umgang mit dem, was einst für persönliche Dramen wie globale Krisen gleichermaßen verantwortlich war, nach dem Fall der Mauer völlig offen und die gefundenen Antworten bis heute streitbar sind.

Das Buch „Unbuilding Walls“ funktioniert als logische Ergänzung zur Ausstellung in Venedig ebenso gut wie als eigenständige Publikation. Wo mancher Besucher in der Ausstellung womöglich Informationstiefe und Hintergründe vermisst, trägt das Druckwerk genau das bei. Da die in Venedig gezeigten 28 Projekte, die im Laufe der letzten 28 Jahre auf und entlang des ehemaligen Todesstreifens realisiert oder gedacht wurden, auch im Katalog dokumentiert sind, ist er auch für sich stehend umfänglich und inhaltlich rund.

Marianne Birthler, Lars Krückeberg, Wolfram Putz, Thomas Willemeit (Hrsg.): Unbuilding Walls. Vom Todesstreifen zum freien Raum, 288 S., 300 Abb., deutsch/englisch, Broschur, 14,95 Euro, Birkhäuser, Basel/Berlin 2018, ISBN 978-3-0356-1613-2

Marianne Birthler etwa schreibt persönlich angenehm wie fachlich fundiert über ihre eigenen Erfahrungen mit der deutsch-deutschen Teilung und den daraus resultierenden Folgen. In ihrem Text ist viel erhellendes darüber versammelt, warum auch fast dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch immer so viel Unverständnis zwischen in Ost- und Westdeutschland Sozialisierten herrscht. Auf dem einleitenden Bild  des Beitrags ist ein Haus in der Berliner Brunnenstraße zu sehen: das Haus des Werbers Jean-Remy von Matt, auf dessen Fassade in großen Lettern prangt: „Menschlicher Wille kann alles versetzen. Dieses Haus stand früher in einem anderen Land.“ Es wird zum Sinnbild, standen doch nicht nur die Häuser in einem anderen Land, sondern auch die Menschen, die diese Gebäude bewohnten, lebten in einem anderen Land: mit anderen Werten und anderen Ängsten. So verweist Birthler auf die Generation ihrer Enkelin – in den „Nuller Jahren“ des neuen Jahrtausends geboren – der es möglich sein wird, „die Mauer“ nicht nur physisch demontiert, sondern auch in den Köpfen abgebaut zu haben.“

Die Grafik des Buchs nimmt das Thema einer irgendwie gearteten Grenze dagegen etwas angestrengt auf: Die deutschsprachigen Textblöcke sind linksbündig angeschlagen und schwarz, die englischen rechtsbündig und grünblau. Zwischen ihnen mäandert ein unregelmäßiger Weißraum, der zu unterschiedlichen Zeilenlängen führt. Das wirkt gewollt und wenig selbstverständlich, führt aber immerhin dazu, dass die naturgemäß unterschiedlich langen englischen und deutschen Absätze auf den Einzelseiten auf gleicher Höhe enden können.

Zwar zeigt das Buch wie die Ausstellung selbst wenig Ausblick für kommendes, anhand des historischen Datums ist das Verharren in Vergangenheit und Gegenwart aber nicht weniger beeindruckend. Ein solches „unmenschliches Bauwerk“, wie die Mauer es war, will eben auch erst einmal überwunden sein. Zudem erklärt die Publikation viel darüber, wie Menschen in Ost und West dachten und denken, darüber, was das mit Städten und den dortigen Räumen macht. Die Menschen, die zu Wort kommen, haben interessantes zu berichten. Etwa Michael Pilz, der anhand von Baustoffen und ihrer Geschichte ein Plädoyer für einen sorgsamen Umgang mit dem baulichen Erbe der DDR hält. Oder Bruno Flierl, der im Gespräch über seine Erfahrungen im Städtebau rund um den Fall der Mauer berichtet. Sowohl Hans Stimmann, der von 1991 bis 2006 Senatsbaudirektor beziehungsweise Planungssekretär in Berlin war, kommt zu Wort, als auch Daniel Libeskind, der sein Büro nach dem Gewinn des Wettbewerbs zum Jüdischen Museum 1989 in Berlin gründete und dessen Beitrag zum Wettbewerb der Neuordnung des Alexanderplatzes bis heute einer der vieldiskutierten Entwürfe für die Stadt ist. Die Positionen dieser beiden Protagonisten zeigen auch die Spannweite der Publikation, die eine erhellende Materialsammlung rund um deutsche Teilung wie auch die ebenso lange deutsche „Neuvereinigung“ ist, wie Flierl den nach wie vor andauernden Prozess im Interview nennt.

David Kasparek

Marianne Birthler, Lars Krückeberg, Wolfram Putz, Thomas Willemeit (Hrsg.): Unbuilding Walls. Vom Todesstreifen zum freien Raum, 288 S., 300 Abb., deutsch/englisch, Broschur,  14,95 Euro, Birkhäuser, Basel/Berlin 2018, ISBN 978-3-0356-1613-2

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