Ulrike Schartner und Alexander Hagner im Interview

Mehr Möglichkeiten, weniger Zwang

Architektur für obdachlose Menschen

Das Wiener Architekturbüro gaupenraub+ / –, gegründet von Ulrike Schartner und Alexander Hagner, kämpft dafür, dass das Bauen für obdachlose Menschen nicht nur ein Unterbringen von Benachteiligten ist, sondern als Möglichkeit zur Schaffung eines gesamtgesellschaftlichen Mehrwerts betrachtet wird. Besonderes Aufsehen erregten ihr integratives Wohn- und Beschäftigungsprojekt VinziRast-mittendrin im neunten Bezirk Wiens sowie das Wohnprojekt VinziDorf Wien für alkoholkranke obdachlose Männer. Derzeit arbeitet das Büro am Projekt VinziRast am Land – einem Lebensort für ehemals Obdachlose, der Beschäftigung und Geborgenheit bietet und auch für Gäste Übernachtungs-, Seminar- und Workshop-Angebote bereithält. Für ihr bisheriges Lebenswerk erhielten Schartner und Hagner 2020 den Preis der Stadt Wien für Architektur. Mit den beiden sprachen Maximilian Liesner und Elina Potratz.

gaupenraub+ / –, VinziDorf Wien, 2010 – 2018, Foto: Kurt Kuball

gaupenraub+/–, VinziDorf Wien, 2010–2018, Foto: Kurt Kuball

Ihr erstes Projekt für Obdachlose war eine Notschlafstelle. Mittlerweile haben Sie viele Projekte umgesetzt, die über die Schaffung eines Schlafplatzes hinausgehen. Was sind die besonderen Bedürfnisse von obdachlosen Menschen, denen Sie dabei begegnet sind?
Ulrike Schartner: Das Wichtigste ist das Sicherheitsgefühl. Wenn man Tag und Nacht auf der Straße ist und nirgendwo einen Bereich hat, wo man bleiben kann, ohne dass jemand dazukommen oder einen vertreiben kann, dann ist es das Hauptanliegen, einen sicheren Ort zu haben – die Türe hinter sich schließen zu können und seine wenigen Habseligkeiten sicher verwahrt zu wissen. In Notschlafstellen wird obdachlosen Menschen oft zu viel zugemutet. Sie übernachten in einem Schlafsaal mit 30 Leuten, haben keinen Spind zum Verschließen ihrer Sachen und müssen am nächsten Tag wieder raus. Statt Freunden ist vielen nur ein Tier geblieben, das sie aber nicht in die Unterkunft mitbringen dürfen. Ich sage nicht, dass zu wenig getan wird, sondern dass das Angebot zu einheitlich ist. Es wird zu wenig Rücksicht auf die spezifischen Bedürfnisse der Menschen genommen, die lange auf der Straße waren. Viele leiden unter psychosomatischen oder psychischen Störungen. Sie haben Schwierigkeiten, soziale Beziehungen aufzubauen oder zu halten. Die Beziehung zu anderen muss ganz langsam, vorsichtig und ohne Druck passieren.
Alexander Hagner: Neben dem konventionellen Dach über dem Kopf geraten die sozialen Strukturen, das Miteinander der Menschen zunehmend in den Fokus unserer Arbeit. Diese beiden Aspekte zusammenzubringen, ist die größte Herausforderung: Räume anzubieten für den absolut privaten Rückzug ohne jegliche Störung, die die Menschen lange Zeit nicht hatten – und diese mit Orten zu kombinieren, wo sie mit anderen zusammenkommen können, was vielen ewig gefehlt hat. Das Thema Housing First ist ja sehr im Kommen. Das ist für viele wahrscheinlich das Richtige, für viele aber auch nicht – und da setzen wir an.

gaupenraub+ / –, VinziDorf Wien, 2010 – 2018, Foto: Kurt Kuball

gaupenraub+/–, VinziDorf Wien, 2010–2018, Foto: Kurt Kuball

Wie sehen Sie die Rolle der öffentlichen Hand, wenn es darum geht, gerade bei diesen Projekten auf Architekturqualität zu setzen?
Alexander Hagner: Wenn man das Wort „Sozialprojekt“ hört, dann klingt das nach Armut, das „riecht“ komisch, fühlt sich komisch an. Diese Stigmatisierung, die dem Thema innewohnt, findet sich auch in der Architektur. Unsere Idee ist es, dem Mangel nicht mit dem Mangel zu begegnen, sondern die Architektur gerade hier attraktiv zu machen. Sonst ergibt sich eine Abwärtsspirale. Es ist doch völlig klar, dass ein Bauherr, der krank ist, in vielerlei Hinsicht mehr braucht: mehr an Zuwendung und auch mehr an Raum. Als Architekturschaffende müssen wir daran glauben, dass die Raumproduktion das Leben der Menschen positiv stimulieren kann. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir unsere Werkzeuge bei solchen Projekten noch schärfer gebrauchen müssen als bei solchen, die in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt sind und wo man nicht so viel kaputt machen kann. Denn wenn ein Projekt für obdachlose Menschen nicht attraktiv ist, bekommt es weniger Spenden. Es überzeugt auch die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner nicht davon, den Platz unter der Brücke aufzugeben, wo sie bisher tun und lassen konnten, was sie wollten. Wenn wir nicht all unsere Fähigkeiten einsetzen, dann kann es sein, dass das Projekt scheitert. Sobald die öffentliche Hand beteiligt ist, gibt sie Richtlinien und Auflagen vor, die das Schaffen alternativer Unterkünfte erschweren. Deswegen arbeiten wir gerne mit Vereinen: Weil diese das Ziel haben, Alternativen anzubieten. Wenn man so will, ist das also Pionierarbeit.

gaupenraub+ / –, VinziDorf Wien, 2010 – 2018, Foto: Kurt Kuball

gaupenraub+/–, VinziDorf Wien, 2010–2018, Foto: Kurt Kuball

Wir möchten mit Ihnen besonders über zwei Projekte sprechen: das VinziDorf, eine ganze Siedlung für ehemalige Obdachlose, und VinziRast-mittendrin, ein Wohn- und Arbeitsprojekt für ehemals Obdachlose und Studierende.
Ulrike Schartner: Es ist interessant, diese beiden Projekte zu vergleichen. Zwischen obdachlosen Menschen gibt es wie bei allen Menschen große Unterschiede. Die einen sind kurzfristig durch Scheidung oder Arbeitsplatzverlust obdachlos geworden und können sehr wohl nach einiger Zeit wieder auf die Beine kommen und reintegriert werden. Sie wohnen zum Beispiel im Projekt VinziRast-mittendrin in Wohngemeinschaften mit Studierenden zusammen. Im VinziDorf hingegen wohnen diejenigen, die wirklich nicht mehr in die Gesellschaft zurückgeführt werden können, die schon durch alle Einrichtungen geschleust wurden und immer wieder rausgeflogen sind, weil sie sich nicht an die Regeln halten konnten. Es ist für sie sozusagen die Endstation, um zu einem würdigen Lebensabend zu kommen.

gaupenraub+ / –, VinziDorf Wien, 2010 – 2018, Foto: Kurt Kuball

gaupenraub+/–, VinziDorf Wien, 2010–2018, Foto: Kurt Kuball

Welche Widerstände mussten Sie auf dem Weg zum VinziDorf überwinden?
Ulrike Schartner: Anfangs konnten wir kein Grundstück finden. Der Verein, der es betreiben wollte, hatte schon ein positives Beispiel in Graz umgesetzt, aber konnte in Wien nicht Fuß fassen, weil die Bezirke meinten: „Super Idee, aber sicher nicht bei uns“. Und am Schluss, nach 13 Jahren, hat der Bau des VinziDorfs auf einem Kirchengrundstück mit bestehendem Baurecht funktioniert. Der Dorf-Charakter war uns dabei sehr wichtig, weil man Leute, die so lange anders gelebt haben, nicht in große Schlafsäle oder enge Behausungen stecken kann. Im Dorf haben alle jeweils ihre kleine Wohneinheit und zusätzlich gibt es Gemeinschaftseinrichtungen wie das Gasthaus oder den Dorfplatz, wo man sich treffen kann – aber nicht muss.
Alexander Hagner: In solchen Momenten verzweifeln wir an den offiziellen Strukturen. Für die Politik sind solche Projekte uninteressant, weil damit keine Wählerstimmen zu gewinnen, sondern nur zu verlieren sind. Also ist ganz klar, auf welche Seite sich die Politik schlägt. Es wurde versucht, das VinziDorf politisch zu verhindern. Wir hätten noch zehn Jahre Pläne umzeichnen können, wenn uns nicht der Verwaltungsgerichtshof irgendwann recht gegeben hätte.
Ulrike Schartner: Damit einher geht das unflexible Baurecht. Aus dem Referenzprojekt in Graz wussten wir, dass die ehemals obdachlosen Menschen zum Beispiel die Toiletten in ihren Zimmern nicht benutzen können. Weil sie sehr lange auf der Straße gelebt hatten, haben sie die Toilette unter anderem als Abfalleimer verwendet. Zur Reparatur musste immer wieder ein Installateur in diese Häuschen „einbrechen“, was zu Schwierigkeiten geführt hat. Also wollten wir in Wien stattdessen einfach wie auf einem Campingplatz einen zentralen Waschraum einrichten. Die Wiener Bauordnung hat uns das verboten, denn in einer Wohneinheit muss es ein Bad geben. Das hat auch die Kosten unheimlich in die Höhe getrieben. Wir wollen natürlich keine Schlupflöcher für andere Bauherren aufmachen, indem wir den Standard abschaffen, um den man sich jahrelang zu Recht bemüht hat. Aber man muss genau unterscheiden, wann er Sinn ergibt und wann nicht.

Wie haben Sie sich dann den Menschen in der Nachbarschaft angenähert?
Ulrike Schartner: Wir haben gelernt, dass man auf keinen Fall versuchen darf, etwas zu verheimlichen. Stattdessen sollte man das Vorhaben ganz offen und konkret erklären und Möglichkeiten schaffen, das Projekt ohne Schwelle zu besuchen, auch wenn es noch nicht fertiggestellt ist. Wir haben das zum Beispiel durch Flohmärkte geschafft, die wir hier veranstaltet haben. Dort konnten die Anwohnenden dann diejenigen treffen, die mit dem Projekt zu tun haben, und hatten eine Anlaufstelle für ihre Fragen. Es geht vor allem darum, ihnen Ängste zu nehmen.

gaupenraub+ / –, VinziRast-mittendrin, Wien 2010 – 2013, Foto: Christopher Glanzl

gaupenraub+/–, VinziRast-mittendrin, Wien 2010–2013, Foto: Christopher Glanzl

Das Projekt VinziRast-mittendrin ist weniger Endstation als vielmehr Neustart für die ehemals wohnungslosen Bewohnerinnen und Bewohner, die hier mit Studierenden zusammenwohnen. Sie haben bereits das vorsichtige Herantasten an Gemeinschaft angesprochen. Wie ist das Projekt zustande gekommen und was ist die zentrale Idee?
Alexander Hagner: Die Idee zu VinziRast-mittendrin war ein Zufallsprodukt aus der Audimax-Besetzung 2009, als Studierende im Winter den größten Hörsaal Wiens besetzt haben, um gegen ihre Studienbedingungen zu protestieren. Davon haben immer mehr obdachlose Menschen erfahren und dort übernachtet. Wo Obdachlosigkeit ist, da sind auch Alkohol oder andere Drogen – und damit Konflikte, die sich gesteigert haben, bis ein paar Studierende die Obdachlosen gebeten haben, sich bei der Vorbereitung des Essens oder der nächsten Demo einzubringen. Dieser proaktive Einbezug der „ungebetenen Gäste“ hat das Ganze zu einem Miteinander gewendet. Die Menschen hatten eine Aufgabe und haben an der Aktion teilgenommen – bis geräumt wurde. Daraufhin haben sich einige Studierende vorgenommen, dieses gemeinsame Tun weiterzuführen. Sie haben dann das leerstehende Haus im neunten Bezirk entdeckt, sind auf uns zugekommen und durch einen Großsponsor konnten wir das Projekt schließlich tatsächlich umsetzen. Wir haben lange recherchiert, ob es irgendwo auf der Welt etwas gibt, was Studierende und obdachlose Menschen gemeinsam machen, aber nichts gefunden. Also mussten wir überlegen, wie man zwei so unterschiedliche Gruppen zusammenbringt. Aber überall, wo es Unterschiede gibt, gibt es auch Gemeinsamkeiten…
Ulrike Schartner: …zum Beispiel, dass sie beide kein Geld haben. Beide haben kaum Möglichkeiten, adäquat unterzukommen. Das ist schon ein großer, gemeinsamer Punkt.
Alexander Hagner: Wir hatten also ein Haus mit 1500 Quadratmetern und haben uns gefragt, was außer Wohnen dort noch stattfinden kann. So haben wir über Monate hinweg erstmal gemeinsam ein Raumprogramm erarbeitet. Das Hauptziel war, allem Raum zu geben, was gemeinschaftliches Tun fördert. Es gibt drei Stockwerke, in denen jeweils drei gemischte WGs aus Studierenden und ehemals Wohnungslosen untergebracht sind. Jedes Stockwerk hat eine Gemeinschaftsküche. Wenn da viel gekocht und abends auch gefeiert wird, kann natürlich – besonders, wenn Alkohol im Spiel ist – leichter ein Konflikt entstehen. Für diesen Fall gibt es mehrere Türen, die den Rückzug ermöglichen. Denn es gibt weniger Aggressionspotential, wenn nicht nur eine Tür hinausführt, sondern noch weitere an den anderen Seiten. Dann kann man bei einem verbalen Angriff locker sagen: „Wir reden morgen weiter“ und den Raum verlassen. Und schon ist der Druck raus. Aus diesem Grund haben wir auch die Erschließung des Hauses nach außen gelegt.

gaupenraub+ / –, VinziRast-mittendrin, Wien 2010 – 2013, Foto: Simon Jappel

gaupenraub+/–, VinziRast-mittendrin, Wien 2010–2013, Foto: Simon Jappel

Was hat es mit der Erschließung auf sich?
Alexander Hagner: Wir alle kennen die innenliegenden, dunklen Gänge mit Neonröhren, an deren Ende es höchstens ein Fenster gibt. Die mögen in einem Studierendenwohnheim in Ordnung sein. Aber in unserem Projekt entsteht dadurch zusätzlicher Stress, wenn sich Leute begegnen, die zuvor Ärger miteinander hatten, und einander nicht ausweichen können. Wenn man die Erschließung nach außen legt, gibt es natürliches Licht und statt nur einer Treppe haben wir im VinziRast-mittendrin vier Treppen. Die Bewohnerinnen und Bewohner können einander im Freien begegnen oder aus dem Weg gehen. So haben wir mögliche Konflikte im Vorhinein über räumliche Gestaltung entschärft. Was Gestaltung außerdem schafft, ist, dass das Haus so cool daherkommt. Es ist nichts, dessen man sich schämt, sondern man ist inzwischen stolz darauf. Im Erdgeschoss betreibt die Hausgemeinschaft ein Lokal, das als ganz wichtiges Bindeglied zwischen dem ehemaligen Rand und der Mitte der Gesellschaft fungiert. Dort essen Gäste, es schmeckt ihnen gut und wenn sie dann lesen, dass es sich um ein Obdachlosenprojekt handelt, erschließt sich ihnen der Zusammenhang zuerst gar nicht. Das Lokal funktioniert so gut, dass wir mithilfe der Einnahmen in der Lage sind, die investierten Kredite, die wir sonst ausschließlich mit Spenden abgelöst hätten, innerhalb der Hälfte der errechneten Zeit zurückzuzahlen.

gaupenraub+ / –, VinziRast-mittendrin, Wien 2010 – 2013, Foto: Sebastian Schubert

gaupenraub+/–, VinziRast-mittendrin, Wien 2010–2013, Foto: Sebastian Schubert

Also braucht ein solches Projekt jenseits der Beschäftigung der Bewohnerinnen und Bewohner auch einen gesellschaftlichen Mehrwert?
Alexander Hagner: Die Erfahrungen mit VinziRast-mittendrin haben die Wichtigkeit von hybriden Nutzungen gezeigt. Es dürfen keine monofunktionalen Projekte werden. Auch die Belegung sollte hybrid gedacht werden, also nicht nur für obdachlose Menschen. Das sind kraftvolle Ansätze, um die Stigmatisierung als Randgruppe und die Vorurteile zu lösen.
Ulrike Schartner: Ganz oben unterm Dach gibt es noch einen Raum, eine Art Loft. Anfangs wussten wir nicht recht, wie er genutzt werden soll. Dann ist uns bewusst geworden, dass die Lage dieses Ortes derart attraktiv ist, dass der Verein den Raum immer wieder für Pressekonferenzen, Yogaseminare, Geburtstagsfeiern oder ähnliches vermieten kann. Und das bedeutet weitere Einkünfte. Jetzt ist also aus dem, was zuerst Luxus war, den man einem Sozialprojekt nicht ohne weiteres zugesteht, eine Cashcow geworden, die zur Finanzierung beiträgt.
Alexander Hagner: Als Architekturschaffende können wir so etwas mitgestalten, indem wir überlegen, wo Potenziale sind, die über den eigentlichen Zweck hinausgehen. Wir nennen das „Anknüpfungspunkte“. Wenn wir eine neue Bauaufgabe bekommen, schauen wir zuerst, was der Ort, die Nutzenden und die Nachbarschaft hergeben, um dann zu schauen, wie wir das Projekt in die Gesellschaft hineinverknüpfen können.

gaupenraub+ / –, VinziRast-mittendrin, Wien 2010 – 2013, Foto: Simon Jappel

gaupenraub+/–, VinziRast-mittendrin, Wien 2010–2013, Foto: Simon Jappel

Inwieweit können obdachlose Menschen einbezogen werden in diesen Prozess von Konzeption und Gestaltung?
Alexander Hagner: Menschen, die ein so schweres Schicksal haben, denken nicht gerne an die Zukunft, blenden sie vielleicht sogar aus. Unter den Umständen ist es natürlich schwierig, gemeinsam ein Projekt für die Zukunft zu entwickeln. Das hat bisher nicht funktioniert. In der Planungsphase arbeiten wir deswegen eher mit Ehrenamtlichen aus der Betreuung zusammen. Im Bauprozess aber können wir Situationen auf Augenhöhe schaffen, indem wir Menschen, die auf der Straße gelebt haben, in ihren Fähigkeiten ansprechen, die sie sehr wohl einbringen können. An einem aktuellen Projekt arbeitet zum Beispiel ein gelernter Tischler mit – wobei wir sensibel sein müssen für Überforderung. Aber das Thema Partizipation ist ein ganzheitliches und dreht sich nicht nur um die Gruppe, die ein Gebäude künftig nutzen wird. Vor allem junge Menschen sind uns dabei ein großes Anliegen, Schülerinnen und Schüler oder Studierende. Wenn sie an so einem Projekt mitwirken, gehen wir davon aus, dass ihr Blick auf obdachlose Menschen ein anderer sein wird als der, den sie aus dem Fernsehen oder vom Weggucken auf der Straße kennen.

gaupenraub+ / –, VinziRast-mittendrin, Wien 2010 – 2013, Foto: Kurt Kuball

gaupenraub+/–, VinziRast-mittendrin, Wien 2010–2013, Foto: Kurt Kuball

All Ihre Projekte für obdachlose Menschen basieren auf Umbauten. Inwiefern eignen sich diese eher als Neubauten?
Alexander Hagner: Tatsächlich lässt sich diese Art der Partizipation bei einem Umbau einfacher umsetzen. Der Bestand ist von Beginn an der Platz, an dem man sich mit Freiwilligen treffen oder die Nachbarschaft empfangen kann.
Ulrike Schartner: Und abgesehen von allen grundsätzlichen Aspekten, die für Umbau statt Neubau sprechen, glauben wir, dass Umbauten besser zum Thema passen. Obdachlose Menschen tragen eine Lebensgeschichte mit sich herum, in der nicht alles fein und neu ist. Sie finden sich wahrscheinlich in einem Gebäude, das auch schon eine lange Geschichte mit Ecken und Kanten hat, besser zurecht als in einem geschmeidigen Neubau.

Titelbild (groß): gaupenraub+ / –, VinziRast-mittendrin, Wien 2010–2013, Foto: Kurt Kuball

Dieser Text ist erschienen in der architekt 2/21 mittendrin außen vor. obdachlosigkeit in der stadt“.

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