Buch der Woche: Gender im Design

Nicht mein Ding!

„Gender Studies, Gender Pay Gap, Gender-Sternchen, Gender Mainstream… und jetzt auch noch Design? ‚Nicht mein Ding!‘, könnte man antworten – weitaus förderlicher ist es dagegen, in einen Dialog über einen Gegenstand zu treten, der uns alle persönlich betrifft“, schreibt Katharina Kurz in der Einleitung zu der gemeinsam mit Pia Jerger und dem HfG-Archiv Ulm herausgegebenen Publikation „Nicht mein Ding – Gender im Design“, erschienen im Verlag av edition.

Im Gegensatz zum deutschen Wort „Geschlecht“ (englisch „sex“), bezeichnet das englische „Gender“ nicht die biologische Geschlechtsidentität, sondern, wie wir uns selbst und andere im Hinblick auf ihr Rollenverhalten wahrnehmen, also die sozial geprägte Geschlechtsidentität. In der (west-)europäischen Kultur ist dabei das zweigeschlechtliche (binäre) System aus männlich und weiblich tief verankert. Erst 2018 wurde in Deutschland das dritte Geschlecht „divers“ eingeführt, um denjenigen Menschen eine Alternative zu bieten, die sich dem binären System nicht zugehörig fühlen. In anderen Kulturen stellt sich diese Frage gar nicht erst, da es ohnehin mehr als zwei Geschlechter gibt. Doch was hat Gender mit Design zu tun?

Gender Calling: Softair-Gewehr für Mädchen (2011) © Dominique Gehrke

Katharina Kurz beschreibt es wie folgt: „Menschen formen Dinge, Dinge formen Menschen“. So sei alles nicht-Natürliche von Menschen gestaltet und Design widme sich wiederum der Umsetzung des Gestaltens auf professionelle Weise. Stellen wir uns also der Frage, wie wir in Zukunft „geformt“ werden wollen, kommen wir, so die Autorin, an der Kategorie „Gender“, die uns alle ganz persönlich und alltäglich begleitet, nicht vorbei.

Katharina Kurz und Pia Jerger erhoffen sich anhand der uns umgebenden Dinge entsprechende Antworten zu finden und so im Feld der bisher vor allem abstrakten Gender-Debatte neue Perspektiven zu eröffnen. Sie wollen sowohl Räume schaffen, in denen gegenwärtige Zustände mit der Frage „Wie ist es?“ durchleuchtet werden können, als auch Gedankenräume für ein „Wie soll es sein?“ eröffnen. Daher haben sie sich für ein Konzept des gemeinsamen Ausstellens und Vermittelns entschieden sowie für eine inhaltliche Gliederung, die im Alltag verortet ist und somit vielfältige Anknüpfungspunkte bietet.

„heer“ Stillbank (2018), Studio 52hours (Ivana Preiss, Filip Vasić, Nikola Knežević), Foto: Marija Gašparović © 52hours

Auf 212 Seiten führen sieben Kapitel zunächst durch den öffentlichen Raum, wo unter anderem die Stillbank „heer“ (2018) des Designstudios 52hours eine gesellschaftlich relevante Frage – das Stillen im öffentlichen Raum – anhand von Gestaltung buchstäblich in den Raum holt und so Anlass zur Diskussion bietet. Weitere Bereiche sind die Themen Spielen und Erziehung, wo Teile des einprägsamen Fotografie-Projekts der Südkoreanerin JeongMee Yoon neben Positionen der 1950er Jahre stehen und die zu der Frage verleiten, ob wir wirklich in den 1950er Jahren stärker in Rollenklischees verhaftet waren als heute. Diese wechselseitigen Wirkungen sowie die Frage danach, wo Design und Marketing ineinander übergehen oder wie Antworten auf eine gendersensible oder genderspezifische Gestaltung aussehen, werden in den Bereichen Medizin und Gesundheit, Haushalt und Wohnen sowie Kosmetik und Gender-Marketing verhandelt.

HfG-Archiv/Museum Ulm; Katharina Kurz; Pia Jerger (Hrsg.): Nicht mein Ding – Gender im Design, Cover

„Nicht mein Ding – Gender im Design“ dokumentiert sowohl die gleichnamige Ausstellung, die vom 14. Februar bis 19. Mai 2019 im Museum Ulm zu sehen war, als auch die vier partizipativen Teilprojekte. Dazu zählen die Beschäftigung mit dem Designberuf und der Designausbildung im Kontext der HfG Ulm in den 1950er und 1960er Jahren, Sichtweisen und Erfahrungen der Akteur*innen eines Produktdesignkurses (Aicher-Scholl-Kolleg), eine Schulprojektwoche (Realschule Dornstadt), das Designer in Residence-Programm (HfG-Archiv) sowie die Fotografie-Ausstellung „Gender – Space – Architecture“ von Juliane Peil, die auf ihren Streifzügen durch die Zweilandstadt Ulm und Neu-Ulm mehr oder weniger offenbare Genderstereotype im öffentlichen Raum erkundete. Das Nebeneinander dieser unterschiedlichen Designpositionen regt, so erhoffen es sich die Autorinnen, zu einem Dialog an, der über die Ausstellung hinweg andauert und zu dem diese Publikation ein entsprechender Beitrag sein soll.

Jana Dietrich

HfG-Archiv/Museum Ulm; Katharina Kurz; Pia Jerger (Hrsg.): Nicht mein Ding – Gender im Design, 212 S., 200 Abb., Deutsch / Englisch, Schweizer Broschur mit Klappen und Softtouch-Haptik, 29,00 Euro, avedition, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-89986-327-7

Tielbild: The Pink Project I – Jiwoo and Her Pink Things, Seoul, South Korea, Light
jet Print (2007) © JeongMee Yoon

Artikel teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*