Buch der Woche: Eine Methode des Entwerfens

Struktur

Dass unsere Lebenswelt zusehends komplexer wird, ist so eine omnipräsente Aussage, dass sie schon zur Binse wird. Manche reagieren auf die Multikomplexität von Problemen, denen wir auf unterschiedlichen Ebenen begegnen, mit radikalen Vereinfachungen, ja falschen Zuschreibungen, andere versuchen, das Geflecht von Themen zu entwirren und zu ordnen. Der österreichische Architekt Dietmar Eberle ist jenen zuzurechnen, die diese Entflechtung mittels klarer Struktur vornehmen.

Sowohl die gelebte Praxis mit den legendären Projektbüchern im Architekturbüro Baumschlager Eberle wie auch die letzten Publikationen – etwa das 2015 herausgegebene Buch „Dichte Atmosphäre“ – sind eindrückliche Zeugnisse dieses strukturierten Vorgehens. Mit „9×9“ erläutert nun der Hochschullehrer Eberle seine Lehrmethodik an der ETH Zürich. Dort lehrt der 1952 in Hittisau geborene Architekt seit 1999 Architektur und Entwurf. Akribisch und auf stolzen 544 Seiten wird das Vorgehen am Lehrstuhl Eberle dokumentiert.

Dietmar Eberle / Florian Aicher: 9 x 9 – Eine Methode des Entwerfens. Von der Stadt zum Haus weitergedacht

Ausgangsthese für die Lehre ist dabei einmal mehr die Feststellung, dass die Architektur, soll sie gelingen, ein komplexes Unterfangen ist, das mittels reiner Intention allein nicht zum Erfolg führen kann. So sei die Lehre geprägt von einem Wechselspiel aus „zähem Üben“ und eben jener Intuition, die für die Profession vonnöten ist. Die Lehre stellt für Eberle kein „starres, theoretisches Lehrgebäude“ dar, sondern „lebendiges Geschehen“, das von der Neugier der Studierenden angetrieben werde, das jeweilige Thema intellektuell zu durchdringen.

Um die Vermittlung des Weges, auf den sich die Studierenden bei ihren hoffentlich gelingenden Entwürfen machen, zu ebnen, wurde am Lehrstuhl von Dietmar Eberle im Laufe der letzten Jahre eine Methode entwickelt, bei der der Ort Ausgangspunkt einer Betrachtung ist, die sich über Struktur, Hülle und Programm zur Materialität tastet. Ergänzt durch die vier Verknüpfungen, die sich zwischen diesen fünf Variablen finden, ergibt das in der etwas eigenwilligen Arithmetik Eberles den titelgebenden Term „9×9“. In der Folge ist das Buch also geordnet in „Ort“, „Struktur“, „Ort, Struktur“, „Hülle“, „Ort, Struktur, Hülle“, „Programm“, „Ort, Struktur, Hülle, Programm“, „Materialität“ und „Ort, Struktur, Hülle, Programm, Materialität“.

Dies ist als Vorgehen zunächst ebenso nachvollziehbar wie in der Anschauung der im Buch dokumentierten studentischen Arbeiten spannend. Einen tatsächlichen Mehrwert erzeugt die Publikation durch die jedem der neun Kapitel vorangestellten Essays. So schreiben in der Reihe, den Kapiteln folgend, Vittorio Magnago Lampugnani, Fritz Neumeyer, Adrás Pálffy, Adam Caruso, Miroslav Šik, Laurent Stalder, Eberhard Tröger und Dietmar Eberle. Eingebettet werden diese allesamt lesenswerten Texte in erläuternde Beiträge zur Architekturauffassung, Praxis und Lehre Eberles, das Lernverhalten im Architekturlehrstudio des Lehrstuhls und die Parallelen zwischen Architektur und Informatik. Dazu kommt ein Text von Arno Lederer zum „Stand der Architektur“ als Disziplin zwischen baukünstlerischem Anspruch und Dirigententum eines Orchesters von Fachleuten. Von Architektur, so Lederer, könne schließlich nur geredet werden, wenn das Gebaute um das Poetische ergänzt würde. Und so fordert er ein klares Bekenntnis zum Begriff „Baukunst“.

Man muss nicht unbedingt die abschließende Standortbestimmung Lederers noch den von Eberle dokumentierten Ansatz einer Entwurfslehre in allen Punkten teilen, interessant ist es dennoch, so detailliert Einblick in die Methodik eines Lehrstuhls zu erhalten. Das Buch als solches schließlich ist mindestens ob der benannten Kapiteltexte bemerkenswert.

David Kasparek

Dietmar Eberle / Florian Aicher: 9 x 9 – Eine Methode des Entwerfens. Von der Stadt zum Haus weitergedacht, mit Texten von Adam Caruso, Dietmar Eberle, Vittorio Magnago Lampugnani, Arno Lederer, Fritz Neumeyer, András Pálffy, Miroslav Šik, Laurent Stalder u.v.a., 544 S. zahlr. Abb., Birkhäuser, Basel 2018, 79,95 Euro, ISBN 978-3-0356-0662-1

Artikel teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*