Gerhard Matzig im Gespräch

Über Geschmack lässt sich sehr wohl streiten

Am 16. Juni zeichnete der Bund Deutscher Architekten BDA den Leitenden Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung Gerhard Matzig mit dem BDA-Preis für Architekturkritik 2018 aus. Im Vorfeld der Preisverleihung im Hamburger Schmidt-Theater sprachen Benedikt Hotze, Pressereferent des BDA, und David Kasparek, Redakteur bei der Zeitschrift der architekt, mit Matzig über seine Arbeit, Architekturkritik, messbare Baukultur und den Wandel des Berufsbild von Architektinnen und Architekten im Laufe der Zeit.

David Kasparek: Herr Matzig, Sie sind Leitender Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Was erscheint Ihnen aus der Fülle der Themen berichtenswert?
Gerhard Matzig: Was die Architekturthemen angeht, so genieße ich den Luxus, dass ich eigentlich für gar nichts zuständig bin. Das heißt: Meine Kollegen koordinieren die Berichterstattung über neue wichtige Häuser, über Bücher zu bestimmten Architekturthemen, über Urbanismus-Symposien und dergleichen. Die Pflichtthemen sind nicht mein Gebiet. Ich kann also nur für mich als Person und nicht insgesamt für die Architekturkritik der SZ sprechen. Dies vorab. Dann: Mich erreichen viele Informationen über Telefon, Mail, Twitter oder, herrlich analog, per Post. Auch übers Hörensagen. Und Lesen ist sowieso immer anregend. Übrigens gerne auch die Feuilletons der Konkurrenz. Manches davon springt mich an, anderes interessiert mich weniger. Wenn ich keine Geschichte hinter den Informationen sehe, kommt vieles direkt wieder in den Papierkorb – auch wenn es sich dabei prinzipiell um gute Architektur handelt. Wenn sich aber ein Haus mit einer Geschichte verbindet, die über das reine Objekt hinausgeht, dann werde ich ziemlich neugierig. Ein Haus, das „nur“ gut gebaut ist, bei dem die Proportionen elegant sind, die Treppenanschlüsse stimmen, der Grundriss logisch erscheint… das alles ergibt für mich erst einmal noch keine Geschichte. Das Objekt gehört möglicherweise zur Chronologie der Baukultur, es mag relevant sein, aber das ist nicht mein Job.

Gerhard Matzig,
Abb.: Süddeutsche Zeitung

David Kasparek: Wie definieren Sie denn Ihren Job?
Mein Job, und dafür liebe ich ihn, ist die Kür. Wenn ein Haus über sich hinaus auch etwas über die Gesellschaft erzählt, dann interessiert es mich und dann lockt es mich, darüber zu schreiben. Aus der Flut der Pressemitteilungen und den Flurgesprächen mit meinen vielen Kollegen picke ich mir am Tag eigentlich zu viele Ideen heraus, von denen dann am Ende eine übrig bleibt und zu einem Text werden kann. Eine! Und: kann! Das ist purer Luxus.

David Kasparek: Sie wurden mit dem BDA-Preis für Architekturkritik ausgezeichnet. Wie sehen Sie sich: als Kritiker, Feuilletonist, Essayist, oder macht es keinen Sinn, so zu unterscheiden?
Ich sehe mich im Augenblick als glücklichen Menschen, der einen bedeutsamen Preis erhält und das als große Ehre ansieht. Was die Zuschreibungen angeht, vom Kritiker bis zum Essayisten: Ich würde das nicht unterscheiden. Ich bin Architekturkritiker, ganz klassisch, und habe genau dies viele Jahre lang gemacht: die Hervorbringungen der Architektenschaft und der zeitgenössischen Baukultur beurteilt, darüber geschrieben und sogar Noten gegeben. Das machen Kritiker ja gerne: „Das Haus ist eine drei minus, weil…“ Aber ich habe mich davon im Laufe der Zeit eher gelöst. Dennoch ist die klassische Architekturkritik immer noch Bestandteil meines handwerklichen Verstehens. Mit der Zeit bin ich aber zunehmend ins freie essayistische Nachdenken über große, kleine und ganz kleine Themen gekommen, die nicht unbedingt nur mit Architektur zu tun haben, sei es die Müllproblematik oder das Phänomen „Bikini“. Oder Auto-Design. Oder die neue Kleidung der Kellner im Restaurant „Tantris“. Oder warum wir immer weniger Kinder, aber dafür immer größere Spielplätze haben. Solche Themen kann ich nicht als klassischer Kritiker bearbeiten, insofern würde ich mich als Kulturjournalisten mit viel thematischem Freiraum und einer Leidenschaft für Gebautes und Ungebautes bezeichnen. Mein Terrain könnte man auch als „Lebensweltliches“ beschreiben. Das hat übrigens den Vorzug, vage zu sein. Journalisten dürfen sich ja grundsätzlich für alles interessieren. Das ist das Schöne an diesem Beruf. Insofern bin ich vielleicht einfach ein Journalist, der auch Kritiken, Feuilletons oder Essays schreibt.

Spielplatz im Berliner Gleisdreickpark,
Foto: Lienhard Schulz
(CC BY-SA 3.0)

David Kasparek: Bleiben wir beim Sujet der Architekturkritik. Diese ist immer auch eine Bewertung von Architektur. Was muss Architekturkritik heute leisten?
Im klassischen Sinn: Ein Gebäude entsteht an einem bestimmten Ort, der Kritiker schaut sich das an und schreibt einen Text darüber. Was sollte dann in dieser Kritik enthalten sein? Es muss eine präzise Darstellung der Bauaufgabe geben, eine vollständige Abfrage all der Dinge, die ein Gebäude ausmachen: Woraus ist es gebaut, wie ist es konzipiert, was ist die Idee dieser Architektur, was ihre Materialität, Organisation und Formidee? All das muss beschrieben werden, denn man kann es nicht so einfach durch ein Foto ersetzen, das muss die Sprache leisten. Es sollte dann in den Kontext der Baugeschichte gestellt werden und in den der aktuellen Ereignisse: Was ist es für ein Typ von Gebäude, was sagt es über seine Zeit? Und wie gut ist es zu seinen Nutzern oder Bewohnern? Das sind für mich im Wesentlichen die Hauptelemente, für die es auch ein Vokabular und eine Grammatik gibt, eine Art Werkzeugkoffer, aus dem sich ein Architekturkritiker bedienen kann. Das wird dann auch den Lesern vermittelt: Ich bewerte anhand dieser Kriterien dieses oder jenes Gebäude und komme deswegen zu diesem oder jenem Urteil. Wenn dieses Instrumentarium offen gelegt wird, hat der Leser auch etwas davon und geht nach so einem Text hoffentlich erkenntnisreicher durchs Leben. Ich freue mich immer am meisten über Rückmeldungen von Menschen, die der Architektur im Grunde nicht nahestehen. Wenn jemand schreibt „Eigentlich interessiert mich Architektur nicht…“, sich dann aber doch mit einem Text über Architektur auseinandersetzt, kritisch oder gerne auch wohlmeinend: Das freut mich ungemein. Architektur ist eine öffentliche Kunst. Und diese Öffentlichkeit auch abseits der Fachkreise zu interessieren, zu gewinnen: Darum geht es mir.

David Kasparek: Welche Kriterien legen Sie zur Bewertung von Architektur an?
Jedenfalls mehr als meinen persönlichen ‚Gefällt mir‘-Button. Ich denke, dass echte Baukultur durchaus messbar ist. Und zwar zunächst auf einer Ebene des Funktionierens. Dabei meine ich nicht, ob die Fenster dicht sind oder die Treppe unten losgeht und oben auch ankommt, sondern eher ein Funktionieren als in sich stimmiges Gebilde. Es geht dabei um die Frage, ob ein Haus das leisten kann, was Häuser leisten müssen: Eine Schule muss als Schule gut funktionieren, eine Kirche als Kirche, ein Wohnraum als Wohnraum. Aber hat es darüber hinaus auch noch etwas weiteres, das die Gesellschaft bereichert? Das wäre dann für mich Baukultur. Wenn ein Gebäude zum Beispiel seine Umgebung aufwertet oder wenn es die Ideenwelt in irgend einer Weise anregt, etwa weil viele Menschen darüber sprechen.

David Kasparek: Sie sprachen davon, dass Baukultur messbar und damit objektivierbar sei. Welche Rolle spielen bei der Bewertung von Projekten Ihre eigenen subjektiven Prägungen und Erfahrungen?
Ich habe keine Angst vor dem Begriff der Schönheit – viele Architekten tun sich da ja schwer. Ich habe zum Beispiel seinerzeit die Ausgabe der BDA-Zeitschrift der architekt zur Frage, was schön ist, mit Begeisterung, aber auch staunend gelesen. Viele Architekten erklären mir immer wieder, dass Architektur mit Schönheit nichts zu tun hat (lacht). Das finde ich etwas problematisch, wenn ich an die gesellschaftliche Rezeption von Architektur denke. Allein, weil die Menschen dann letztlich eben doch sagen: ‚Das finde ich schön, und das finde ich nicht schön.‘ Sie sagen es über einen Kinofilm, über ein Buch, über Musik und eben auch über Häuser. Dieses subjektive Empfinden würde ich erst einmal sehr ernst nehmen. Aber man kann es eben nicht darauf beruhen lassen, dass der eine etwas schön findet und die andere nicht, dieses „de gustibus non est disputandum“. Denn: Über Geschmack lässt sich sehr wohl streiten. Auch über Schönheit kann man streiten. Denn das ist immer auch eine Frage der Proportionalität, des Materials, und wie sich etwas zu seiner Umgebung verhält – bei Gebäuden ist dies extrem wichtig: Fügt es sich ein, wird da Baugeschichte weitergeschrieben oder wird sie abrupt beendet und ist das aus bestimmten Gründen stimmig? Es gibt gerade in der Architektur Kriterien der Handwerklichkeit und Regelhaftigkeit. Ich finde es wichtig, wenn solche Regeln eingehalten werden und zu einem guten Ergebnis kommen. Zum Beispiel eben zu einem Haus, das, ja, schön ist.

Sir Norman Foster and
Partners, Reichstagsgebäude, Berlin 1993 – 1999, Detail der Kuppel, Foto: David Kasparek

David Kasparek: In dem Moment, in dem man sich äußert, besteht immer die Möglichkeit des Irrtums. Ist das schlimm, oder ist eine Äußerung auch dann ein relevanter Beitrag zu einer Debatte, wenn sie sich als Irrtum erweist?
Ich versuche natürlich, den Irrtum zu vermeiden. Das ist im Leben immer sinnvoll, nicht wahr? Wenn man aber doch in die Irre geht, ist das so lange nicht besonders schlimm, wie man daraus die entsprechenden Lehren zieht. Auch ich habe schon gewaltige Fehleinschätzungen in meinem Berufsleben vorgenommen, und dies zum Teil auch sehr lautstark… Ein Beispiel dafür ist meine seinerzeitige Argumentation gegen die Rekonstruktion der Reichstagskuppel. Mit den Texten habe ich ganze Wälder vernichtet. Das war für mich damals ein unfassbarer Fehler, diese Kuppel gläsern zu rekonstruieren, wie das Norman Foster später gemacht hat – allerdings nicht nach seinem eigenen Entwurf. In dieser Debatte habe ich mich damals sehr eindeutig gegen die Kuppel positioniert: aus politischen, gesellschaftlichen und stadtästhetischen Gründen. Ich habe eine Menge Buchstaben darauf verwendet, und heute denke ich mir jedes Mal, wenn ich in Berlin bin: Was hat mich denn da geritten? Denn diese Kuppel ist einfach gut, abgesehen davon, dass die Proportionen vielleicht nicht ganz ideal sind. Ich finde es aber hilfreich, sich ab und zu an solche Schnitzer des eigenen Herummeinens zu erinnern und ein wenig demütiger zu sein. Gleichwohl hat der Kritiker dennoch die Aufgabe, zu einem eindeutigen Urteil zu kommen.

David Kasparek: Warum gehört Architektur und das Urteil über sie in die Tagespresse?
Beides gehört absolut in die Tagespresse, denn dort steht alles, was wichtig ist. Naja: fast alles. Und Architektur gehört für mich zu den wichtigsten Dingen der Welt. Ich glaube, dass sich Architektur, Städtebau und Landschaftsarchitektur gerade an einer Wegscheide befinden, an der große Weltprobleme verhandelt werden: Verstädterung, Klimawandel, Ökologie, Stress und Dichte in den Städten, die Bodenproblematik, Gerechtigkeit, das Wohnen, der öffentliche Raum, Partizipation. Es kommt vieles zusammen an wirklich bedeutenden Themen der Gegenwart und Zukunft. Nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. An dieser Wegscheide sehe ich ein Berufsbild, und das ist der Planer oder die Planerin. Und ob die Planer am Ende ein Müllhäuschen, eine Bushaltestelle, ein Museum oder eine ganze Ökostadt planen, ist erst einmal unwichtig. Das, was Planung ausmacht, ist, dass sie enorm relevant für sehr wichtige Zukunftsfelder unserer Gesellschaft ist. Es wächst dem Planer eine immense Bedeutung zu, und es geht bei weitem nicht nur darum, Büros zu erstellen oder Wohnräume zu entwerfen, sondern es geht immer auch um viel größere Maßstäbe. Und genau deswegen gehört all das natürlich auch in die Tageszeitung.

Festschrift anlässlich der Verleihung des BDA-Preises für Architekturkritik 2018 am 16. Juni 2018 im Schmidt-Theater in Hamburg mit Texten von Gerhard Matzig, Heiner Farwick und Dietmar Steiner sowie dem hier veröffentlichen Interview mit dem Preisträger.

David Kasparek: Wie schwer ist es, diese Themen im Vergleich zu anderen in Ihrer Zeitung unterzubringen?
Gar nicht schwer. Im Gegenteil: Unterschiedliche Ressorts klopfen wunderbarerweise regelmäßig bei mir an und fragen, ob ich dies oder das für sie machen kann. Über einhundert Jahre Bauhaus. Über die Möbelmesse. Über den drohenden Abriss eines nachkriegsmodernen Baus. Über den Rekonstruktions-Streit. Über Bauskandale. Über über über. Architektur ist ein enormes gesellschaftliches Querschnittsthema. Deshalb findet es nicht nur als klassische Architekturkritik im Feuilleton statt, sondern auch im Lokalteil oder im Wirtschaftsteil, auf den Stil-Seiten und im Reiseteil. Das ist nicht nur bei uns in der SZ so, das beobachte ich zunehmend auch in anderen Medien. Die Architekturrezeption hat sich von ihrer klassischen architekturkritischen Seite gelöst. Das mögen manche bedauern, das höre ich auch ab und zu, aber insgesamt strahlt das Thema viel weiter aus als noch vor einiger Zeit. Das ist gut. Früher wurde Architektur nur im Feuilleton verhandelt. Man hat gesagt: Das ist Kultur. Inzwischen wird in jedem relevanten Ressort über Architektur- und Stadtthemen geschrieben.

Es gibt dazu bei uns sogar messbare Zahlen – durch das wunderbare Instrument sueddeutsche.de. Da gibt es etwas, was wir im Feuilleton sonst verabscheuen, nämlich, dass unsere Arbeit präzise erforscht wird. Bei einem Text in der Zeitung weiß man ja nicht unbedingt, ob sich außer dem Autor und dem Architekten und seiner Frau oder der Architektin und ihrem Mann noch jemand für diesen Text interessiert hat. Aber im Internet wird das gemessen. Im Fall von sueddeutsche.de ist Architektur zusammen mit Kino und Pop erfreulicherweise sehr weit oben im Ranking der Kulturthemen. Das öffentliche Interesse am Bauen und an der Baukultur ist riesig. Und die Medien bilden ab, wofür sich die Welt interessiert. Ich muss also keine Lobbyarbeit betreiben. Ich darf mich für das interessieren, was auch die Welt interessiert.

David Kasparek: Innerhalb der Architekturthemen gibt es dennoch eine Unterteilung in gesamtgesellschaftliche Themen und jene, die zunächst einmal vor allem Architektinnen und Architekten interessieren. Eines davon ist der Architektenwettbewerb. Immer weniger junge Büros scheinen den Wettbewerb als Chance wahrzunehmen, tatsächlich ans Bauen zu kommen. Dazu kommt Kritik am Wettbewerbswesen von außen: Sie haben erst kürzlich ein Beispiel geschildert, wo der Vorwurf aus der Politik laut wurde, Architekten und Juroren würden sich mutwillig austauschen und am Ende kämen ohnehin immer nur die gleichen Büros zum Zuge…
…ja, das war ein Beispiel aus München, aber auch andere Städte kennen den Vorwurf des Architektenwettbewerbs als Brutstätte des Klüngels. Die Klage dabei ist, dass die immer gleichen Juroren den immer gleichen Architekten die Preise zuschanzen. Diese Kritik muss man ernst nehmen, obwohl Kritik häufig aus Klischees besteht und oft sogar dumm ist. Aber wenn so eine derbe Kritik öffentlich geäußert wird, dann sollte man darauf eingehen. In diesem Fall hatte ein Münchner Politiker darüber spekuliert, ob die Städte nicht schöner wären, wenn weniger Architekten damit zu tun hätten. Also da muss man dann schon laut und deutlich antworten: Das Gegenteil ist wahr. Die oft so beargwöhnte Wohn-Schuhschachtel-Architektur ist nicht deshalb schlecht, weil sie von Architekten realisiert wird – sondern deshalb, weil man den Architekten zu wenig Freiraum gegeben hat.

Ob wirklich weniger Büros den Wettbewerb als echte Chance sehen, weiß ich nicht, da fehlen mir die empirischen Daten. Aber ich nehme eine Vielzahl von Büros wahr, die über den Wettbewerb an der Baukultur teilhaben und auch ökonomisch davon profitieren. Es können also immer noch Wettbewerbe gewonnen werden. Ich sehe allerdings die Verengung auf spezifische und eingeladene Wettbewerbe. Wenn ein Büro nur dann an einem solchen Verfahren teilnehmen kann, weil es schon viele dieser oder jener Bauaufgaben bearbeitet hat, wird es zu einem Problem. Das eigentlich Gute an Wettbewerben sollte die Offenheit sein, dass man dort verschiedene Möglichkeiten für Lösungen einsammelt. Wenn bei manch großen Wettbewerben einige Teilnehmer die Grundbedingungen nicht erfüllt haben und man sich fragt, ob man die nicht hinauswerfen müsste, sind das oft die Lösungen, die mir persönlich am besten gefallen.

Cukrowicz Nachbaur
Architekten, Konzerthaus München, Wettbewerb 2017, 1. Preis, Abb.:
Cukrowicz Nachbaur Architekten

David Kasparek: Können Sie ein Beispiel nennen?
Hier in München ist vor kurzem ein Wettbewerb für ein Konzerthaus entschieden worden, bei dem mir der Beitrag eines Schweizer Architekturbüros am besten gefallen hat, der viele Vorgaben missachtet hat. Der Beitrag ist zwar in der ersten Runde ausgeschieden, bot aber eine wahnsinnig tolle Lösung für das grundsätzliche Problem. Auch das kommt manchmal bei einem Wettbewerb heraus. Ich will es auch gar nicht besonders kritisch bewerten. Eine Jury ist dafür da, um ein Urteil zu fällen. Ein Wettbewerb sammelt eben die Ideen ein. Und die Kreativität, die bei diesem Beruf sehr wichtig ist, sich eine andere Zukunft vorstellen zu können, andere Räume denken zu können, wird im Wettbewerb besonders gut genutzt. Deswegen bin ich sehr für das Wettbewerbswesen.

David Kasparek: Haben Sie eine Faustregel, nach der solche berufsständischen Themen den Weg in Ihre Arbeit finden?
Es gibt natürlich Dinge, die nur Architekten interessieren. Zum Beispiel die HOAI-Novellen. Aber da fängt eben die Leidenschaft des Architekturkritikers und Kulturjournalisten an. Gerade wenn es um solch sperrige Themen geht, bin ich als Journalist besonders gefragt. Wenn alle sagen, das interessiert wirklich niemanden, frage ich mich, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt, es so aufzuschreiben, dass sich plötzlich Menschen dafür interessieren. Ich habe tatsächlich einmal eine Art Leitartikel zum Thema HOAI-Novelle vorgeschlagen, das Gelächter schlug mir entgegen, und der Chefredakteur fragte: H-O-was? H-O-wie? Was soll das denn sein? Da war aber mein sportlicher Ehrgeiz gepackt… Und der Beitrag wurde dann letztlich doch geschrieben. Und, hurra, auch gedruckt. Genau das muss ein Kulturjournalist machen: Dinge übersetzen aus dem Sperrigen, Insidermäßigen ins Deutsche. Vom Fachthema hin zum verständlichen und darüber hinaus interessanten Stoff. Das gelingt natürlich nicht immer. Aber immer ist es einen Versuch wert. Und zur Baukultur gehören ja auch die Bedingungen im Berufsstand. Das eine geht aus dem anderen hervor.

Benedikt Hotze: Ein weiteres Insiderthema, das von einigen als sperrig wahrgenommen wurde, war ein Bericht von Ihnen über eine rechtliche Auseinandersetzung eines Architekten mit einem öffentlichen Bauherrn. In der Öffentlichkeit wurde das als Parteinahme für die Interessen eines einzelnen Architekten gesehen. In diesem Kontext kam die Frage auf, ob Kulturjournalisten hier nicht ihre Macht missbrauchen?
Ich erinnere mich an den Fall, aber inwiefern soll das Machtmissbrauch gewesen sein?

Benedikt Hotze: Weil Sie sich in den Augen einiger zum Apologeten des beschriebenen Architekten gemacht haben.
Das ist ein interessanter Hinweis. In der Tat gab es damals zwei Reaktionsmuster, die mir bekannt wurden. Die einen haben mir vorgeworfen, ich hätte diesen Architekten in Schutz genommen. Und die anderen warfen mir vor, ich hätte ihn ‚in die Pfanne gehauen‘. Tatsächlich war das aber einfach ein Porträt. Es war weder ein Kommentar, noch der Versuch, etwas für oder gegen diesen Planer zu tun. Das tue ich ohnehin nie, ich versuche nie Staatsanwalt oder Verteidiger zu sein. Mir ging es dabei lediglich um die Darstellung der Wandlung eines Architekten, der einst ein sehr erfolgreiches Büro betrieben hat, von vielen als großes entwerferisches Talent wahrgenommen wurde, hin zu einem, in dem fast alle oder doch sehr viele Kollegen nur noch den Streithansel sehen, der zudem kaum mehr Erfolg hat. Das schien mir ebenso interessant wie kompliziert, denn es ist ja auch eine Geschichte von Aufstieg und Fall eines Architekten. Die Frage, ob er nun recht in seiner Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Bauherrn hatte, war mir total nachrangig. Aber dass Texte wie dieser von den Lesern frei interpretiert werden, gehört eben auch dazu. Man kann nicht zu jedem Text das Making-Of schreiben.

Benedikt Hotze: In der Schweiz darf sich jeder Gärtner Architekt nennen. Trotzdem gibt es dort ohne Zweifel ein hohes baukulturelles Niveau. In Deutschland gibt es das Verständnis vom „Freien Architekten“, auch mit besonderen Regeln, einer geschützten Berufsbezeichnung, einer Honorarordnung und dem ehernen Prinzip der Trennung zwischen Planung und Ausführung. Dieses Konstrukt wird von vielen Seiten angegriffen, nicht zuletzt von der EU-Kommission und der Bauindustrie. Ist dieses klassische Berufsverständnis noch zeitgemäß?
Da bin ich wohl eher auf Seiten der Evolution. Berufsbilder verändern sich. Schon der Begriff des „klassischen Berufsverständnis“ bereitet mir einige Probleme. Was ist denn das klassische Berufsverständnis? Ist es das von Vitruv? Ist es das aus dem Mittelalter oder gar aus der Bauhaus-Moderne? Berufsbilder verändern sich, weil sich Berufe verändern. Das finde ich erst einmal in Ordnung. Was hier hintenüber fällt, ist die Frage nach der Qualität: Macht ein Bäcker gute Brezn oder macht er schlechte? Entwirft ein Architekt gute Häuser oder entwirft er schlechte? Und ob er die dann in einem wie auch immer gearteten klassischen Berufsverständnis entworfen hat, ist für mich fast sekundär. Ein solches klassisches Berufsverständnis würde ich nicht mit allen Mitteln verteidigen. Anders als die HOAI übrigens. Ich glaube, dass Planen und Bauen so wichtig sind, dass sie der Gesellschaft viel mehr wert sein sollten. Es gibt hier sicher eine Grenze für den freien Markt und den preislichen Wettbewerb. Baukultur ist nichts, was der freie Markt allein richten kann.

Website dezeen.com

Benedikt Hotze: Ein weiteres Feld, das sich ändert, ist die Medienlandschaft. Durch die Digitalisierung hat sie sich fundamental verändert. Im Netz kann jeder publizieren, Suchmaschinen und Algorithmen der sogenannten sozialen Medien präsentieren Inhalte unterschiedslos und unkuratiert. Welche Auswirkungen hat das auf Architekturkritik?
Es gibt eine gewisse Krise der Expertise. Dieses Problem findet man an vielen Stellen. Es gibt eine Krise des Kritikerberufs. Joachim Kaiser hat einmal zu mir gesagt: ‚Sie möchten natürlich noch einmal Großkritiker werden – so wie ich. Werden Sie aber nicht.‘ Schon vor zwanzig Jahren hat er mir prophezeit, dass das gesellschaftliche Bedürfnis nach Großkritik, nach dem Literaturpapst wie nach dem Kino- oder Architekturpapst, ein abnehmendes ist. Und diese Prophezeiung ist total aufgegangen. Alle Menschen sind plötzlich Kritiker. Jeder Nutzer bewertet Bücher bei Amazon und schreibt Kritiken in Reiseportalen. Auch Architektur wird in dieser Weise von Laien beurteilt. Aber: Solange es die Expertise und die professionelle Beurteilung all dieser Dinge auch noch gibt, ist das kein großes Problem für mich. Schließlich wird die Architektur auch von denen beurteilt, die am Haus vorbeigehen. Das ist in Ordnung. Als guter Demokrat sage ich: Wenn die Meinung begründet ist, dann ist sie auch oft anregend und bereichernd. Ich muss ja keine Professur für Architekturtheorie bekleiden, um als einziger das Recht zu haben, diese Bewertung vorzunehmen.

Ich sehe derzeit ein Nebeneinander von klassischem Kulturjournalismus und einer Art Laienbewertung – das führt natürlich zu einer Veränderung meines Berufsbildes. Das betrachte ich aber nicht nur mit Sorge. Auch das ist Evolution. Ich bin durchaus Leidtragender dieser Veränderung, die den Beruf des Print-Journalismus grundlegend berührt. Teilweise fühlt man sich wie ein Kohlekumpel aus den 1980er-Jahren: Die Zeitläufe rauschen über einen hinweg, und man kommt gar nicht mehr so schnell hinterher. Die Digitalisierung hat das Tempo verschärft. Das erzeugt durchaus Stress, und außerdem haben Veränderungen grundsätzlich auch das Potenzial, Verschlechterungen zu sein. Trotzdem: Veränderungen, das sind immer Chancen und Risiken, was mich betrifft: Ich wähle gern die Chancen. Da bin ich Optimist.

Benedikt Hotze: Wenn Sie nicht bei der Süddeutschen Zeitung wären, für welchen Titel oder welches Medium würden Sie gerne schreiben?
(lacht) Ich bin inzwischen in einem Alter, in dem ich nicht mehr ohne weiteres vermittelbar bin. Tatsächlich gab es Jahre, da bekam ich Angebote von anderen Medien. Ich hatte also Möglichkeiten, zu anderen Zeitungen oder auch Zeitschriften zu wechseln. Aber ich habe spätestens bei Gesprächen mit anderen Chefredakteuren gemerkt, dass ich eigentlich doch am liebsten bei der SZ bin. Vielleicht bin ich auch einfach der monogame, immobile Langweiler-Typ. Ich wollte immer zur SZ, habe mich hier immer aufgehoben gefühlt – ich fühle mich bei der Süddeutschen Zeitung tatsächlich sauwohl. Das kann ruhig unter uns bleiben. Meine Chefs müssen das gar nicht so genau wissen.

Gerhard Matzig: Meine Frau will einen Garten.
Vom Abenteuer, ein Haus zu bauen, Goldmann, München 2012

Benedikt Hotze: Neben der Arbeit für die SZ haben Sie noch ein anderes Ventil: Sie schreiben Bücher. Darin erzählen Sie vom Bau eines Einfamilienhauses oder dem Alltag einer jungen Familie. Unschwer erkennbar sind darin eigene Erfahrungen verarbeitet und reale Personen nur notdürftig literarisch verfremdet. Mag Sie Ihre Familie eigentlich noch?
Erstens: Vieles in den Büchern ist auch einfach erfunden. Zweitens: Fragen Sie meine Familie! Bei meinen Kindern müssen wir das wohl noch abwarten und erneut fragen, wenn sie später als Erwachsene dies noch einmal lesen sollten. Aber: Ja, ich glaube, meine Familie mag mich schon noch. Hoffe ich jedenfalls. Meine Kinder können diese Art von Arbeit übrigens besser verstehen, als wenn ich ihnen sage, dass ich Architekturkritik mache. Wenn ich ihnen erkläre, dass ich im Feuilleton arbeite und Architekturkritiken schreibe, so klingt das für sie, als würde ich ihnen sagen, ich sei Hufschmied oder so was. Auch das Wort „Feuilleton“ finden sie so fremd und rätselhaft wie den Star-Wars-Planeten „Dagobah“. Im Ernst: Ich sehe mich nicht als Literaten, sondern als jemanden, der auch humorvoll schreiben kann. Die eigene Familie ist da natürlich naheliegend, denn dort passiert so viel Kurioses. Manches davon findet eben seinen Weg in Bücher, und manchmal finden diese Bücher dann auch Leser. Wenn man das Bild von Standbein und Spielbein bedienen will, gehört es zu meinem Spielbein, Bücher zu schreiben, weil mein Leben nicht nur aus Baukultur, HOAI und Architektenwettbewerben besteht. Ich genieße es immer sehr, ein Buch zu schreiben, das gar nichts mit Architektur zu tun hat. Das ist in gewisser Weise mein Ausgleichssport. Meine Neigung zum Humoristischen kann ich hier besser ausleben, als wenn ich über den Niedergang eines Architekturbüros schreibe.

Anlässlich der Verleihung des BDA-Preises für Architekturkritik an Gerhard Martzig hat der BDA eine Festschrift vorgelegt, die über die Bundesgeschäftsstelle des BDA bezogen werden kann. Neben der Laudatio von Dietmar Steiner finden sich hier auch lesenswerte Texte des Preisträgers im Nachdruck.

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