Buch der Woche: Architektur – gezeichnet

Welch ein Aufriss

Klaus Jan Philipp, seit 2008 Leiter des Instituts für Architekturgeschichte an der Universität Stuttgart, hat spätestens mit der im gleichen Jahr in der Galerie Stihl in Waiblingen eröffneten – und gemeinsam mit seiner Frau Susanne Grötz kuratierten – Ausstellung „Faszination Architekturzeichnung“ unter Beweis gestellt, dass er ein besonderer Kenner architektonischer Zeichnungen ist. Im Vorwort des nun im Birkhäuser Verlag erschienenen Buchs „Architektur – gezeichnet. Vom Mittelalter bis heute“ bekennt Philipp, dass ihn die zweidimensionale Darstellung räumlicher Strukturen schon weit länger begeistert: Für die 1988 im Deutschen Architektur Museum gezeigte Ausstellung „Revolutionsarchitektur“ hatte er eine Vielzahl von Zeichnungen aus der Zeit der französischen Revolution sichten, einige Jahre zuvor gar den einzig erhaltenen Plan der Kathedrale von Amiens wiederentdecken können. So ist auch der Fokus, den das Buch legt, erklärt. Klaus Jan Philipp hat ein besonderes Interesse an jenen Zeichnungen des Mittelalters.

Klaus Jan Philipp: Architektur - gezeichnet, Abb.: via Birkhäuser

Klaus Jan Philipp: Architektur – gezeichnet, Abb.: via Birkhäuser

Mit der Publikation zeigt er einmal mehr, dass er in der Lage ist, die entsprechenden Wirkzusammenhänge und Fäden bis in unsere Tage herzustellen und zu knüpfen. Die erste Zeichnung in diesem opulent bebilderten Werk ist dann aber, auf den ersten Blick, überraschenderweise keine mittelalterliche sondern eine komplexe Präsentationszeichnung aus dem Büro von John Hejduk für die Lancaster/Hanover Masque aus den Jahren 1980 bis 1982. Allein diese Setzung zeigt das Faszinosum Architekturzeichnung. Und der Autor weist auf eine zusätzliche Besonderheit hin: Architekturzeichnung ist in ihrer Autorenschaft nicht notwendigerweise an die der gezeigten Bauten gebunden. Seit jeher vertrauten Baumeister auf die fähigen Hände von Zeichner*innen, die das visualisieren konnten, was ihnen selbst vorschwebte.

Klaus Jan Philipp: Architektur - gezeichnet, Abb.: via Birkhäuser

Klaus Jan Philipp: Architektur – gezeichnet, Abb.: via Birkhäuser

Philipps Texte umfließen die jeweiligen Darstellungen fachlich profund und lockerleicht lesbar, spannen den Bogen innerhalb weniger Seiten von Robert de Cottes Darstellung der Pont du Gard von 1700 über Auguste Choisys axonometrische Untersicht des Palatin in Rom (1973) und Herbert Bayers Zeichnung von Walter Gropius‘ Dessauer Direktorenzimmer (1923) bis hin zu Paolo Portoghesis Axonometrie von San Carlo in Rom (1966). So ist die Geschichte der Zeichnung in und für die Architektur nicht nur chronologisch, sondern auch thematisch geordnet, was die jeweiligen Entwicklungen und Moden wunderbar nachvollziehbar macht. Etwas spartanisch fällt dabei der Blick auf das Hier und Jetzt sowie in die Zukunft aus, wo die Spanne aktueller Darstellungen zwar angerissen wird, jedoch die Tiefe der anderen Epochen vermissen lässt. Versöhnlich dabei aber das Schlusswort des Autors: Der Tod der Architekturzeichnung ist nicht in Sicht – aller Unkenrufe hinsichtlich des Renderwahnsinns der vergangenen Dekade zum Trotz.

Klaus Jan Philipp: Architektur - gezeichnet, Abb.: via BirkhäuserPhilipp legt mit diesem Buch detailliert dar, wie sich das Medium der Zeichnung vom Mittelalter bis heute entwickelt hat, welche Definitionen zu treffen und welche Besonderheiten in der Rezeption zu beachten sind. Dabei beweist er Mut zur Lücke. Die Bestände sind groß, die Archive reich gefüllt. Dennoch ist die Auswahl, die Klaus Jan Philipp trifft, nicht nur beeindruckend nachvollziehbar, sondern in der Zusammenschau ein erkenntnisreicher Parforceritt durch die Geschichte des Mediums, der in sich schlüssig und überdies angenehm lesbar ist. Darüber hinaus sind diese gut 350 Seiten eine Einladung, sich allenthalben in ihnen zu verlieren und über jede einzelne Zeichnung zu staunen.
David Kasparek 

Klaus Jan Philipp: Architektur – gezeichnet. Vom Mittelalter bis heute, 352 S., zahlr. Abb., Birkhäuser, Basel 2020, 79,95 Euro, ISBN 978-3-03821-563-9

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