Buch der Woche: Architektur in der Epoche der Kybernetik

Werkzeug unserer Zeit

„Die Maschine ist das Werkzeug unserer Zeit“, schreibt Konrad Wachsmann 1959 in seinem zum Standardwerk gewordenen Buch „Wendepunkte des Bauens“. Wachsmann war mit seinen Bauten wie in seiner Lehre stets auf der Suche nach Möglichkeiten, Industrialisierung und Architektur zu vermählen. Von den frühen Holzbauten, die er in den 1920er Jahren für das Oberlausitzer Unternehmen Christoph&Unmark entwickelte, bis hin zu den faszinierend riesenhaften Stahlkonstruktionen für Flugzeughangars und Stadthallen in den 1950er und 1960er Jahren, ging es dem Architekten dabei um eine Entmythologisierung der Architekturproduktion: Weg vom geistig aufgeladenen Geniestreich eines Einzelnen, hin zu einem rationalen Prozess, von einer Maschine durchgeführt und dadurch von allen nachzuvollziehen.

Damit steht Konrad Wachsmann in seiner Zeit bei weitem nicht alleine da. 1948 veröffentlicht Norbert Wiener sein Buch „Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine“, das im gleichen Jahr als „Kybernetik. Regelung und Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine“ auch auf Deutsch erscheint. Darin vergleicht Wiener Regelungen von Maschinen mit den Handlungsweisen von Tieren und sozialen Strukturen, macht sich bereits Gedanken über künstliche Intelligenz und wägt Chancen wie Grenzen maschineller Mustererkennung ab. Parallel zu Wiener und von ihm unabhängig entwickelt in Deutschland der Physiker Hermann Schmidt seine Gedanken zu kybernetischen Systemen, was ihm 1944 den Ruf auf den ersten hiesigen Lehrstuhl für Regelungstechnik an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg beschert. Auch in der Philosophie finden sich zahlreiche Protagonisten, die das Thema gedanklich vorantreiben.

Georg Vrachliotis: Geregelte Verhältnisse, Abb.: via Birkhäuser

Georg Vrachliotis: Geregelte Verhältnisse, Abb.: via Birkhäuser

Das Beispiel Wachsmann zeigt, dass die Analogien, die die Kybernetik aufmacht, auch in der Architektur Anklang finden. Wie groß und wirkmächtig dies ist, zeigt das Buch „Geregelte Verhältnisse“ von Georg Vrachliotis, das nun endlich wieder vorliegt, und „Architektur und technisches Denken in der Epoche der Kybernetik“ umfänglich umreißt. Es ist eines von mehreren Büchern der wunderbaren Reihe der Bauwelt Fundamente, die in den vergangenen Jahren Stück für Stück wieder aufgelegt werden. Von Norbert Wiener und dem grundlegenden, systemischen Denken über Tomás Maldonado, Konrad Wachsmann und Eckard Schultze-Fielitz bis hin zu Oswald Mathias Ungers und Cedric Price spannt Vrachliotis den Bogen und konkretisiert die theoretische Idee Kybernetik mit Blick auf die architektonische Praxis.

Das ist nicht nur im Sinne einer historischen und angemessen kritischen Retrospektive interessant zu lesen, sondern auch mit Fokussierung auf unsere heutigen Gesellschaften aufschlussreich. Maschinen und Algorithmen bestimmen unseren Alltag. Fast jede und jeder von uns trägt tagtäglich Rechner mit sich herum, inzwischen oft nur mehr am Handgelenk, von deren Leistungsfähigkeit sich Wiener und seine Zeitgenossen nur ungefähre Vorstellungen machen konnten. Eine Firma, die selbstfahrende E-Autos produziert, ist gleichermaßen wertvollstes Unternehmen weltweit, wie hierzulande in der Kritik, weil unklar ist, was mit den Bildern geschieht, die die Vielzahl der On-Board-Kameras seiner Vehikel aufzeichnen, welche Programme sie nach welchen Mustern untersuchen und wer diese dann auswertet. Als reines Werkzeug sind Computer auch und vor allem in der Architektur allgegenwärtig, die dahinterliegenden Systeme operieren mit riesenhaften Datenmengen und sind unter dem Synonym „Big Data“ zu einem gleichermaßen faszinierenden wie gruseligen Topos geworden. Vor diesem Hintergrund stellt das Buch auch die Frage an uns als Gesellschaft, wie wir mit diesen Themen als Kulturtechnik umgehen und uns damit letztlich selbst konstituieren wollen.
David Kasparek

Georg Vrachliotis: Geregelte Verhältnisse. Architektur und technisches Denken in der Epoche der Kybernetik, Bauwelt Fundamente 162, 256 S., 100 sw. Abb., Broschur oder eBook, Birkhäuser 2020, ISBN 978-3-0356-1561-6

Abbildungen Titel: Georg Vrachliotis: Geregelte Verhältnisse, Abb.: via Birkhäuser

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