Buch der Woche: Erich Mendelsohn

Zurück ans Tageslicht

Erich Mendelsohn ist Vielen bekannt als der Architekt einer „dynamischen Moderne“. Mit dem Einstein-Turm in Potsdam (1918–1924) oder den Kaufhäusern der Schocken-Kette und den dazugehörigen prägnanten Skizzen und Zeichnungen ist der 1887 im heutigen Olsztyn, dem damals ostpreußischen Allenstein, geborene Mendelsohn in die Architekturgeschichte eingegangen. Nach einer kaufmännischen Ausbildung studierte er bei Theodor Fischer in München Architektur. Gemeinsam mit Walter Gropius, Mies van der Rohe, Hugo Häring, Hans Scharoun und elf weiteren Architekten gründete er 1926 die Vereinigung „Der Ring“. Anders als im Falle der PR-Genies van der Rohe und Gropius ist das ganze umfängliche Werk von Erich Mendelsohn lange Zeit nur ausgewiesenen Fachleuten bekannt gewesen. Den Autoren Carsten Krohn und Michele Stavagna ist es zu verdanken, dass sich das nun ändert. Gemeinsam haben sie im Birkhäuser-Verlag „Erich Mendelsohn. Bauten und Projekte“ vorgelegt. 

Gebäudekomplex Woga, Berlin-Wilmersdorf, Südlicher Gebäudeabschluss, Foto: Carsten Krohn

Das Buch greift die Konzeption früherer Publikationen von Carsten Krohn auf und zeigt ausgewählte Bauten aus dem Œuvre Mendelsohns in neu gezeichneten, klaren und prägnanten Grundrissen und Ansichten, historischen und aktuellen Fotos sowie kurzen Texten. Die Zeichnungen wie die neuen Fotos stammen dabei ebenso wie ein Teil der Texte von Krohn, die übrigen Kurztexte verantwortet Stavagna. Von ihm stammt auch ein einleitender Essay, der das architektonische Schaffen Mendelsohns in seiner Genese und Rezeption lesenswert einordnet. Auch Krohn steuert einen Einleitungstext bei, der etwa die Folgerichtigkeit der formalen Stränge im Werk des Architekten deutlich macht: von ersten Skizzen, die teilweise an der Front des Ersten Weltkriegs entstehen, über holzschnittartige Schwarzweiß-Zeichnungen hin zu ikonischen Bauten wie dem Kaufhaus Petersdorf in Breslau (1927–1928), das auch das Cover der Publikation ziert, oder der Hutfabrik Steinberg in Luckenwalde (1921–1923). 

Das Buch macht die Wiederkehr bestimmter städtebaulicher Konfigurationen und architektonischer Elemente deutlich, die die Arbeit Mendelsohns prägten. Hier kommen nicht nur die mit runden Gläsern aufgebrochenen und sich keck in den Stadtraum schiebenden Kaufhaus-Ecken zum Tragen, sondern auch Ähnlichkeiten in der stadträumlichen Konfiguration der Projekte – etwa mit Blick auf das Haus des Metallarbeiterverbands, zwischen 1928 und 1930 an der damals neuen Verlängerung der Kreuzberger Lindenstraße realisiert, und den Entwurf für ein nicht ausgeführtes Projekt am Alexanderplatz 1931. 

Hutfabrik Steinberg Herrmann Co, Luckenwalde, Halle, Blick nach Süden, Foto: Carsten Krohn

Bemerkenswert ist das Buch nicht nur wegen seiner sauberen Gestaltung oder der Detailtiefe, mit der die beiden Autoren den Architekten und seine Bauten kenntnisreich porträtieren, sondern auch, weil es wenig publizierte Häuser von Erich Mendelsohn zurück ans Tageslicht holt. Das gilt sowohl für Projekte, die in Zusammenarbeit mit Serge Chermayeff in Großbritannien, wohin Mendelsohn vor den Nazis zunächst floh, entstanden – wie das Haus Nimmo (1933–1934) –, als auch für verschiedene Häuser im heutigen Israel, wie beispielsweise das Ensemble aus Wohnhaus und Bibliothek für Salman Schocken in Jerusalem (1934–1936), sowie in den USA, wo zwischen 1946 und 1950 das Maimondes-Krankenhaus und das wunderbare Haus Russel (1948–1951) in San Francisco sowie mehrere Synagogen und Gemeindezentren entstehen. All das wieder ins Bewusstsein zu holen oder erstmals deutlich zu machen, ist ein schönes Geschenk für alle Architekturinteressierten.
David Kasparek 

Carsten Krohn, Michele Stavagna: Erich Mendelsohn. Bauten und Projekte, 240 S., zahlr. Pläne und Fotos, 69,95 Euro, Birkhäuser, Basel 2021, ISBN 9783035620719 

Titelbild: Haus des Metallarbeiterverbandes, Berlin-Kreuzberg, Blick von Südwesten, Foto: Carsten Krohn

 

 

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