Zum 100. Geburtstag von Gottfried Böhm

Auf der Suche nach dem Gemeinsamen

von Andreas Denk

Der Kölner Architekt Gottfried Böhm ist im Januar dieses Jahres 100 Jahre alt geworden. Ungewöhnlich an diesem Jubiläum ist nicht nur sein hohes Alter, sondern auch der Umstand, dass mit Böhm ein künstlerisch tätiger Mensch, der weite Teile des letzten Jahrhunderts mit seinen Entwicklungen, Brüchen, Fortschritten und Irrtümern erlebt hat und Teil daran hatte, in unsere Zeit hineinragt. Insofern wäre Böhm ein monolithisches Denkmal vergangener Zeiten und Auffassungen – eine Figur der Architekturgeschichte also –, wenn er nicht bis heute bei ausreichender Gesundheit und vorhandenem Bewusstsein für das Jetzt und nicht Anteil nähme, an dem, was um ihn herum passiert.

Der persönlichen Präsenz entspricht die seiner Bauten. Viele von ihnen, die seit den 1940er Jahren – zuerst in Zusammenarbeit mit seinem Vater Dominikus Böhm, ab 1955 im eigenen Büro mit wechselnden Mitarbeitern – entstanden sind, erfüllen noch heute mit Würde und Kraft ihren Zweck. Einige sind zu Inkunabeln der deutschen Architektur der zweiten Hälfte es 20. Jahrhunderts geworden. Von der kleinen Kapelle „Madonna in den Trümmern“ (1949), Gottfried Böhms erstem eigenständigen Werk in der Ruine von St. Kolumba, bis zum Hans-Otto-Theater in Potsdam (2003 – 2006) reicht die architektonische Spur, die Böhm hinterlassen hat.

Dabei ist sein Werk immer wieder anders geworden. Das Doppelstudium von Bildhauerei und Architektur, das Böhm nach einer Kriegsverletzung 1942 in München begann, hat den Architekten geprägt. Mindestens genauso war es sein Vater, der insbesondere für seine Kirchenbauten berühmte Dominikus Böhm. Und schließlich hat ihn seine Frau, die Architektin Elisabeth Haggenmüller, beeinflusst, die nach ihrer Eheschließung 1948 eine kluge Kritikerin seiner Architektur wurde. Gottfried Böhms Spätwerk ist zu weiten Teilen eine Hommage an seine 2012 verstorbene Frau.

Gottfried Böhm, Herz Jesu, Bergisch Gladbach-Schildgen, 1957 – 1960, Foto: Dorothea Heiermann

Eine Reihe von Autoren hat sich inzwischen um eine Periodisierung seines Werkes bemüht. So unterscheidet Frank Dengler in seiner ausführlichen Würdigung(1) eine erste Phase zwischen 1949 bis 1960, in der Böhm stereometrische Grundformen wie Oktogon, Kubus, Kegel, Zylinder und Pyramide miteinander kombinierte und räumlich ineinander verschränkte. Während zu Beginn der 1950er Jahre die sichtbare Verwendung von Halbzeug in kurvilinearen, modernistisch wirkenden Konstruktionsformen – wie beim Entwurf für das Wallraf-Richartz-Museum in Köln 1951 (siehe S. 18-21) oder Sankt Albert in Saarbrücken (1951 – 1953) – nach Auffassung Deng­lers die Suche Böhms nach einer eigenen Haltung dokumentierte, beruhigte sich der formale Ausdruck im Laufe des Jahrzehnts merklich, wurde schlichter, strenger, rein geometrisch:(2) Die Herz-Jesu-Kirche in Schildgen (1957 – 1961, siehe S. 26-29) ist ein Beispiel für die Kombination von Bauideen Dominikus Böhms mit einer beruhigten kubischen Architektur.

Gottfried Böhm, Maria, Königin des Friedens, Velbert-Neviges, 1963 – 1972, Foto: Christopher Schroeer-Heiermann

Die Beton-Gewebedecke, die Gottfried Böhm zusammen mit Fritz Leonhard aus den Rabitz-Wölbformen der Kirchenbauten seines Vaters entwickelte, wurde in den 1950er Jahren zu einem raumbildenden konstruktiven Element, das schließlich zu einer zweiten Phase im Werk des Architekten führte: Aus der Weiterentwicklung der Gewebedecke zu einem asymmetrischen wand- und raumbildenden Betonfaltwerk entstanden Böhms für die Zeit von 1960 bis 1970 charakteristischen, plastisch wirkenden Sichtbetonbauten.(3) Sie entfernen sich mit ihren durch Lichtregie und Materialität auch heute noch atmosphärisch eindrucksvollen Raumbildungen vielleicht am weitesten von Böhms Anfängen, die aus heutiger Sicht mit ihrer asketischen Nachkriegs-Kargheit eine seltsame Kühle verbreiten. Man wird sicher nicht falsch gehen, wenn man seine Bauten der 1960er Jahre, die in seinem Selbstverständnis weder „expressionistisch“ noch „brutalistisch“ gewesen sind, in einem Zusammenhang mit den Arbeiten der „Gläsernen Kette“ um Bruno Taut sieht. Die Entwürfe einer kristallinen Architektur von Taut selbst(4), von Wassili Luckhardt oder Wenzel Hablik haben kaum übersehbare Ähnlichkeit zu Böhms betonierten Formfindungen.(5) Auch Walter M. Förderer, dessen gleichzeitige skulpturhaften Betonkirchen Böhm wohlbekannt waren, scheint eine Rolle bei der Ausprägung dieser Phase im Werk des Architekten gespielt zu haben.(6)

Zugleich treten an die Stelle solitärer Bauideen immer mehr städtebauliche Zusammenhänge, in die Böhms Bauten sich einpassen – wie das Rathaus in Bensberg (1962 – 1971) – oder die sie bilden – wie die Wallfahrtskirche in Neviges (1963 – 1972, siehe S. 34-37) und das Kinderdorf Bethanien in Bergisch Gladbach-Refrath (1963 – 1965). Böhms Sinn für solche „Zusammenhänge“ könnte auch bei der Übernahme der Professur für Stadtbereichsplanung an der RWTH Aachen 1963 eine Rolle gespielt haben.

Ab etwa 1970 ereignete sich ein weiterer markanter Paradigmenwechsel im Werk Gottfried Böhms. Er gab die Verwendung von massivem Sichtbeton zugunsten von filigranen Stahlbeton- und reinen Stahl-Gerüstkonstruktionen auf, die zumeist mit lackierten Blechen und Glas geschlossen wurden.(7) Die hier umgesetzte Trennung von Primär- und Sekundärstruktur ist ohne die parallel entstehende Architektur Egon Eiermanns kaum vorstellbar. Böhm verwendete jedoch anders als sein Kollege eine Fülle von architektonischen Elementen wie Brüstungen, Erker, Wendel- und Freitreppen, die die Bauten kleinmaßstäblich gliedern und ihre Lesbarkeit anreichern – so wie beim „Bergischen Löwen“ in Bergisch-Gladbach (1977 – 1980), dem Bocholter Rathaus und Kulturzentrum (1970 – 1978, siehe S. 46-49) oder seinem Beitrag für die Kölner Großsiedlung Chorweiler (1966 – 1973, siehe S. 38-41). Damit entfernte sich der Kölner Architekt erheblich von der abstrakten Architektursprache der entwickelten Moderne zuguns­ten einer moderne-kritischen, fast pittoresken Auffassung von Gebäudeanmutung und -detaillierung.

Gottfried Böhm, Sozialer Wohnungsbau, Köln-Chorweiler, 1966 – 1973, Foto: Christopher Schroeer-Heiermann

Die Architektur mehrerer Großprojekte der 1980er Jahre geht einher mit dem letzten großen stilistischen Wandel im Werk Gottfried Böhms in seiner aktiven Phase als Architekt.(8) Beim großen, dreischiffigen Glashaus des Verwaltungsgebäudes der Züblin AG (1981 – 1985, siehe S. 58-61), einem Museumsprojekt für Stutt­gart und bei den Entwürfen für einen Umbau des Reichstags in Berlin (1990, siehe S. 62-65) erprobt er neue Typologien, die Häuser zu gemeinschaftlichen Erlebnis- und Begegnungsräumen werden lassen. Zeitgleich entstehen phantastische Turmbau-Entwürfe und Vorschläge für große Kuppelbauten (Konzerthalle Los Angeles, 1990, Kulturforum Ota / Japan, 1991) und schließlich eine Architektur, die mit der Überlagerung gewölbter Dachschalen eine Auflösung des Systems von vertikaler Wand und horizontalem Dach andeuten – wie das Hans-Otto-Theater in Potsdam.

In den letzten Jahren hat sich Gottfried Böhm mit seinem zeichnerischen Werk endgültig einer Utopie zugewandt: Elisabeth Böhm stellte sich eine Gliederung der Erde in Regionen mit hoher Wohndichte vor, in denen Hochhauskomplexe clusterartige Gruppen bilden, die die vorhandenen Städte schonen und einen Zugang zur offenen Natur ermöglichen. Zwischen den Hochhäusern, die Brücken miteinander verbinden, stehen transparente Treppen- und Aufzugtürme für die Vertikalerschließung. An den Türmen sollten kleine Plätze entstehen, die zusammen mit den Brücken dem gemeinschaftlichen Leben der Bewohner dienen.(9) Ihr Mann hat nach ihren Vorstellungen – auch noch nach ihrem Tod – eine Reihe von großen Zeichnungen angelegt, die Ansichten solcher Städte und eine Reihe unterschiedlicher Hochhaustypen zeigten: Ein beeindruckender Abschluss seines Lebenswerks.

Gottfried Böhm, Züblin-Haus, Stuttgart-Möhringen, 1981 – 1985, Foto: Wolfgang List

Der Pritzker-Preisträger und Träger des Großen BDA-Preises 1975 ist nie ein Revolutionär gewesen. „In meiner Zeit, da ist doch auch sehr viel parallel gelaufen. Es lag da einfach vieles in der Luft. Durch viele geistige und materielle Einflüsse gesteuert, sieht man dann neue Wege, aber die sehen meistens mehrere“, hat er einmal gesagt.(10) Sein eigenes Werk hat sich nicht mit Brüchen, sondern durch die allmähliche Ablösung sich wandelnder Gestaltungsparameter entwickelt. Für Gottfried Böhm ist die Familientradition, das Arbeiten aus dem Ort, aus der Aufgabe, für den Menschen, wichtiger gewesen als das Mitschwingen ín einem ungewissen – und in Böhms Auffassung – und unsteten Zeitgeist. Zentrale Instanz war „der Vater“, wie Gottfried Böhm unter Weglassung des Possessivpronomens sagen würde: „So manches, was ich mache und gebaut habe, ist daraus entstanden, dass ich so ein wenig rückkopple und mich frage: Was hätte der Vater dazu gesagt. Und manchmal habe ich mir gedacht, er hätte richtig Spaß an diesem oder jenem Projekt gehabt.“(11) Und nicht zuletzt hat Elisabeth Böhm immer wieder versucht, ihren Mann davon abzubringen, so „scheißliberal“ zu sein, also ein entschiedenes gesellschaftlich-politisches Urteil zur Maxime seines architektonischen Handelns zu machen.

Nicht von ungefähr erscheinen Dominikus Böhm und Elisabeth Böhm auf vielen Kohlezeichnungen Gottfried Böhms zusammen mit ihm selbst und manchmal den Söhnen als Betrachter des entworfenen Bauwerks. Sie scheinen zu prüfen, ob es dem hoch gewachsenen Mann in ihrer Mitte gelungen ist, was er zuerst bei der Verleihung des Pritzker-Preises 1986 und dann noch einmal bei der Übergabe des Rheinischen Kulturpreises 1993 in typisch knapper, wahrscheinlich nicht leichthin, aber sehr klar formulierter Sprache als Quintessenz seiner Arbeit formulierte:
„1. Das Gehäuse des Menschen ist Raum und Rahmen für seine Würde und soll sich entsprechend dem Inhalt und der Funktion nach außen darstellen.
2. Neue Projekte sollen sich mit Selbstverständlichkeit in das bauliche Umfeld einfügen.
3. Geschichte kann man nicht einfach zitieren oder verfremden wollen – sie will schon anders weitergetragen werden.
4. Es gilt heute Wunden zu heilen, Verbindungen zu knüpfen, damit der Zusammenhang in der Stadtstruktur wiederersteht und sich dieses selbstverständlich Gemeinsame bildet, das wir beim Durchgehen alter Städte bewundern.
5. Es ist sicher wichtig, die Einzelbedeutung eines Gebäudes im Auge zu haben – aber noch notwendiger erscheint mir, Rücksicht auf den Nachbarn zu zeigen und das Gemeinsame zu suchen.“(12)

Wir analysieren in der vorliegenden Ausgabe zehn Entwürfe Gottfried Böhms aus verschiedenen Phasen seines Schaffens. Was macht Böhms Bauten aus heutiger Perspektive aus? Was macht sie auch für die heutige räumliche und formale Architekturwahrnehmung bedeutsam? Welchen Stellenwert haben sie in einem sich wandelnden historischen Wertesystem, das nicht mehr allein dem Ideal der klassischen Moderne anhängt, sondern auch die Leistungen der Nachkriegsjahr­zehnte bis zur Gegenwart wertzuschätzen und zu würdigen weiß?

Unsere Autoren und Autorinnen sind jüngere Kunst- und Architekturhistoriker und -historikerinnen, die aus zeitgenössischer Sicht einen neuen Blick auf die Bauten Böhms, ihre Wirkung und ihre Bedeutung im Werk des Architekten und im Zusammenhang der Architektur des 20. Jahrhunderts allgemein werfen. Im Oktober 2020 werden sie ihre Analysen und Erkenntnisse anlässlich eines Symposiums der Fakultät für Architektur an der Technischen Hochschule Köln im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Böhm100“ öffentlich zusammentragen und diskutieren.

Wir danken unseren Autorinnen und Autoren für ihren Einsatz, der für den Besuch der Bauten und die Abfassung der Texte nötig war. Besonders dankbar sind wir der Fotografin Dorothea Heiermann und dem Architekten Chris Schroeer-Heiermann, Köln, die diese Ausgabe durch ihre großartigen, teils eigens angefertigten Fotografien bereichert haben. Nur durch sie hat sich das Bildkonzept dieser Ausgabe in der gewünschten Schlüssigkeit umsetzen lassen.

Dank gilt auch dem Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main, das sich bei den Nutzungsrechten der im Hause vorhandenen Zeichnungen Gottfried Böhms und der Anfertigung von Scans sehr generös gezeigt hat. Schließlich sind wir auch dem Historischen Archiv der Stadt Köln verpflichtet, das uns unbürokratisch und entgegenkommend mit Auskünften und Abbildungen geholfen hat. Am Ende sei die Familie Böhm nicht vergessen: Besonders Paul Böhm und Peter Böhm sei gedankt für manche interne Auskunft über die Familiengeschichte und die eine oder andere „Türöffnung“, Gottfried Böhm hingegen für die seltenen, aber immer munteren Stunden des Zusammenseins, sei es im „Dialogos“, sei es an Bord der „MS Bootshaus“.

Prof. Andreas Denk (*1959) studierte Kunstgeschichte, Städtebau, Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Vor- und Frühgeschichte in Bochum, Freiburg i. Brsg. und in Bonn. Er ist Architekturtheoretiker und -historiker und Chefredakteur dieser Zeitschrift und lehrt Architekturtheorie an der Technischen Hochschule Köln. Er lebt in Bonn und arbeitet in Köln und Berlin.

Anmerkungen
1 Systematisch siehe Dengler, Frank: Bauen in historischer Umgebung. Die Architekten Dieter Oesterlen, Gottfried Böhm und Karljosef Schattner [Studien zur Kunstgeschichte, Bd. 151], Hildesheim 2003, S. 258ff. Vgl. grundlegend zum Werk: Pehnt, Wolfgang: Gottfried Böhm, Basel / Berlin /Boston 1999; sowie: Weisner, Ulrich (Hrsg.): Zusammenhänge. Der Architekt Gottfried Böhm, Ausstellungskatalog Kunsthalle Bielefeld, Bielefeld 1984; zu den Zeichnungen Böhms vgl. Voigt, Wolfgang (Hrsg.): Gottfried Böhm, Ausstellungskatalog Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main, Berlin 2006.
2 Ebd., S. 259ff.
3 Ebd., S. 262ff.
4 Gottfried Böhm brachte seinen Söhnen Bruno Tauts „Alpine Architektur“ von 1919 zum Betrachten nach Hause mit. Siehe Böhm, Markus: Die Entstehung der Hochhausvisionen von Gottfried Böhm, in: Visionen – Gottfried Böhm, Markus Böhm, Ausstellungskatalog Aedes, Berlin 2013, S. 6f., hier S. 6.
5 Dengler (wie Anm. 1), S. 282ff. Dort weitere Literaturhinweise. Vgl. die sehr gute Analyse bei: Darius, Veronika: Der Architekt Gottfried Böhm. Bauten der sechziger Jahre, Düsseldorf 1988.
6 Vgl. Denk, Andreas / Hubert, Daniel: Der rote Faden. Gottfried Böhm über Familie und Wahlverwandtschaften, in: der architekt 3 / 11, S. 30ff., hier S. 33.
7 Dengler (wie Anm.1), S. 267ff.
8 Ebd., S. 272ff.
9 Böhm, Markus (wie Anm. 4), hier: S. 7.
10 Frielingsdorf, Joachim: „Eine Kunst, die Leben in sich hat“. Rheinischer Kunstpreis 1993 für Gottfried Böhm, in: Deutsches Architektenblatt, Ausgabe NRW, Heft 4 / 1993, S. 103ff., hier S. 103, zit. nach: Dengler (wie Anm. 1), S. 293.
11 Ebd., S. 104, zit. nach: Dengler (wie Anm. 1), S. 279.
12 Ebd., S. 101, zit. nach: Dengler (wie Anm. 1), S. 294. Vgl. auch: Böhm, Gottfried: Einige Bemerkungen des Architekten. Dankadresse anläßlich der Verleihung des Pritzker Architecture Prize 1986 an Gottfried Böhm, in: Der Architekt Gottfried Böhm. Zeichnungen und Modelle, Ausstellungskatalog Rheinisches Landesmuseum Bonn, Köln 1992, S. 19f.

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