Haus Böhm, Köln-Weiß, 1954 – 1955

Ein großes Vorbild

von Martin Bredenbeck

Eigenes Wohnhaus
Erweiterung: Gottfried Böhm, 1962 – 1965

In den ersten Jahren seiner Selbständigkeit orientierte sich Böhm, insbesondere beim Bau von Wohnhäusern, an den Formen der zeitgenössischen internationalen Moderne. Ein weiteres Beispiel ist Haus Kendler in Köln-Junkersdorf.

Grundriss für die Erweiterung, 1962, Abb.: Gottfried Böhm-Archiv, DAM; Foto: Uwe Dettmar

Bauhaus und Böhm – das denkt man im ersten Moment nicht unbedingt zusammen. Die virtuosen Betonskulpturen und fröhlichen Postmodernismen, die das Hauptwerk Gottfried Böhms so markant prägen, sprechen eine gänzlich andere Sprache als die vergleichsweise nüchterne, unverspielte Gestaltung, wie sie die frühe Moderne nach dem Ersten Weltkrieg ersonnen hatte und wie sie sich dann international ausbreitete. Und doch gibt es eine sogar sehr persönliche Verbindung Gottfried Böhms zum Bauhaus: Zum einen muss man sich vergegenwärtigen, dass sein elterliches Wohn- und Atelierhaus in Köln-Marienburg von 1932 ganz im Geiste des Neuen Bauens entstand. Zum anderen suchte er gezielt den Kontakt zu Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius, den Heroen des Bauhauses, und reflektierte diese Erfahrungen letzten Endes in seinem eigenen Wohnhaus und damit auf dem Weg zur gestalterischen Eigenständigkeit.

Gottfried Böhm, Haus Böhm, Köln-Weiß, 1954 – 1955, Fotos: Dorothea Heiermann

Gottfried Böhm, Haus Böhm, Köln-Weiß, 1954 – 1955, Fotos: Dorothea Heiermann

Als Mitarbeiter im väterlichen Büro, 31 Jahre alt, war Gottfried Böhm 1951 in die USA gereist. Er nutzte den Bonus als Sohn eines weltberühmten Architekten, um Kontakte zu knüpfen und sich fortzubilden. Während er bei dem Architekten und Franziskanermönch Cajetan Baumann in New York City arbeitete, lernte er mit Mies van der Rohe und Gropius führende Köpfe des vormaligen Bauhauses und des Neuen Bauens überhaupt persönlich kennen. Wolfgang Pehnt berichtet in seiner Monographie (1999) von zwei Treffen Böhms mit Mies in Chicago. Gropius suchte Böhm in Harvard auf – wie häufig, ist nicht vermerkt. In Pehnts Darstellung wird deutlich, dass der Austausch mit Mies und Gropius Themen und Eindrücke lieferte, die in Böhms Werdegang bis dahin eher Leerstellen gewesen waren.

So hatte das Thema Wohnungsbau Böhm, wie auch das Büro seines Vaters, im Grunde bislang nicht beschäftigt. Vorherrschende Bauaufgaben waren Sakralbauten, sowohl Wiederherstellungen als auch Neubauten. Ganz anders bei Mies und Gropius, wo das Wohnen ein zentrales Arbeitsfeld war. Die insbesondere von Gropius mit TAC zum Prinzip erhobene Arbeit im Kollektiv Gleichberechtigter war ebenfalls etwas Ungewohntes für den jungen Böhm. Und schließlich stellten sowohl Gropius als auch Mies, weltgewandte und geschickte „Vermarkter“ ihrer Ideen, wohl einen veritablen Kontrast zum Vater Dominikus Böhm dar, eher der Typus des traditionellen Baumeisters.

Gottfried Böhm, Haus Böhm, Köln-Weiß, 1954 – 1955, Foto: Christopher Schroeer-Heiermann

Wie stark die Eindrücke aus den USA gewesen sein müssen, verdeutlichen zwei Projekte, die Böhm nicht lange nach der Reise in Angriff nahm und die die Einflüsse von Bauten eines Mies und Gropius verarbeiten: das Wohnhaus Kendler in Köln-Junkersdorf (1953) und, das ist bemerkenswert, auch sein eigenes Wohnhaus in Köln-Weiß (1954 – 1955). Bei beiden Bauten ist die direkte Herleitung von den Reiseerfahrungen kein unbedingtes Muss, denn ein Stück weit sind sie auch typisch für ihre Zeit und für eine sich damals weit verbreitende Form der internationalen Moderne. Gleichwohl, Haus Kendler lässt sich mühelos mit Entwürfen eines Mies vergleichen. Interessant und in gewisser Weise vorausweisend ist dabei eine Abweichung, die Böhmsche Handschrift ist und nicht „Internationaler Stil“: der kunstvolle Ziegelverbund aus abwechselnden stehenden und liegenden Streifen. Solchem Umgang mit Ziegelstein wird man in Böhms Schaffen später immer wieder begegnen.

In ähnlichem Duktus schuf Böhm das Wohnhaus für sich und seine Familie, im ländlich geprägten Stadtteil Weiß, im Süden von Köln, nicht weit vom elterlichen Haus. Der Bauplatz wird von drei Faktoren bestimmt: einem langgezogenen Grundstück, der Ausrichtung auf den Rhein – und der kurz zuvor neu gebauten Kirche St. Georg als Nachbarbau. Josef Bernard, ein Kollege Dominikus Böhms, hatte die 1954 fertiggestellte Kirche entworfen, einen schlichten Backsteinsaal auf langgestrecktem Grundriss, dessen Schieferdach auf der Rheinseite weit vorragt und dort auf zwei Rundstützen ruht, so dass eine Außenkapelle entsteht.

Gottfried Böhm, Haus Böhm, Köln-Weiß, 1954 – 1955, Foto: Dorothea Heiermann

Gottfried Böhm, Haus Böhm, Köln-Weiß, 1954 – 1955, Foto: Dorothea Heiermann

Die Böhms wurden Nachbarn auf der Südseite der Kirche. Gottfried Böhm platzierte sein Haus nicht direkt an der Rheinfront, sondern legte auf der Flussseite einen großzügigen Garten an. Auf den baumbestandenen Rasen und das Flusspanorama öffnet sich in ganzer Breite die Ostseite des Hauses als Fensterfront in fünf breiten Bahnen, gegliedert durch schlanke weiße Vierkantstützen. Die seitlichen Wandscheiben aus Ziegelstein laufen nach Westen, zur Eingangsseite, leicht zusammen, so dass sich der Grundriss als Trapez darstellt. Die nördliche Wandscheibe entwickelt sich aus der das Grundstück zur Kirche hin begrenzenden Mauer. Ost und Nordseite, diese zur Kirche hin, sind geschlossene Ziegelsteinwände, die Südseite, für die Schlafzimmer bestimmt, weist vier Lochfenster auf. Das voll verglaste Atrium im Zentrum des Hauses nimmt die Trapezform auf. Wie bei der Fensterwand der Ostseite haben auch hier die schlanken Vierkantstützen keine statische Funktion, da die Betondecke auf den drei Seitenwänden aufliegt. Insgesamt entstand eine interessante Umsetzung von Ideen des Neuen Bauens beziehungsweise des Internationalen Stils mit Böhms eigenen Abwandlungen. So weist das Innere durchaus einen fließenden Einheitsraum im Miesschen Sinne auf, doch bildet Böhm auch ausdrücklich abgegrenzte Raumeinheiten aus, sicher nicht zuletzt um beispielsweise für die Funktion als Schlafräume eine gewisse Privatsphäre zu ermöglichen. Und er inszeniert erneut das Material Ziegelstein, nicht nur in den Außenwänden, sondern auch im Bodenbelag, der hier in der für ihn typischen Form einheitlich durchläuft.

Grundriss vor der Erweiterung, aus: Pehnt 1999, S. 53

Grundriss vor der Erweiterung, aus: Pehnt 1999, S. 53

Haus Böhm ist zweifellos eine wohlkomponierte Anlage, sehr ästhetisch, „schlicht und ergreifend“. Eine besondere Aussagekraft bekommt es durch die Anbauten, die Böhm zwischen 1962 und 1965 hinzufügte und die sich als eine zweite Schicht um den Ursprungsbau legen, ihn vielsagend verändernd. Auf der Westseite verlängerte Böhm den südlichen Flügel, der konsequenterweise wieder in einem Raum auf trapezoidem Grundriss endet. Die verwendeten Materialien sind erneut Ziegelstein und Beton, doch nun in ganz anderer Gestalt als zuvor: Der Anbau zeigt mit dem ausgeprägten Betonabschluss seiner Wände, mit dem kunstvoll aus Beton geformten Taubenhaus – ein veritables Klein-Bensberg! –, mit der apsisartigen Ausbuchtung und weiteren Details genau die Architekturhandschrift, die heute als „typisch Böhm“ gilt. Sie prägt zeitgleiche Projekte wie das 1962 begonnene Kinderdorf Bethanien in Bergisch Gladbach-Refrath oder das im selben Jahr entworfene Altersheim mit Kirche St. Matthäus in Düsseldorf-Garath, zwei Annäherungen an das Thema Wohnen, aber auch viele andere Projekte des in diesen Jahren gut beschäftigten Büros.

Gottfried Böhm, Haus Böhm, Köln-Weiß, 1954 – 1955, Foto: Christopher Schroeer-Heiermann

Die weiteren Modifikationen sind nicht weniger bemerkenswert: Hatte sich das Gebäude ursprünglich eher linear auf dem Grundstück entwickelt, war durch den Anbau nun ein Vorhof als geschützter Verweilraum entstanden. Ähnliches ergab sich aus der Hinzufügung verschiedener Pergolen, deren Gestaltung fast eine neubarocke Anmutung hat: Vor der Ostfront und auf der Südseite des Gartens entwickeln sich Tonnen über Rundbogenstellungen, und auch das Atrium wurde mit einem solchen Rankgerüst überfangen. Mit Planen lässt sich das alles auch in eine luftige Zeltkonstruktion und einen Sonnenschutz verwandeln. Gemauerte Sitzbänke mit gekurvten Wangen sind im Vorhof wie auf der Gartenseite als liebenswürdige Details hinzugekommen, wie auch die kleinen Pyramidendächer aus Beton auf dem Anbau. Insgesamt keine Aufstockung, völlige Ummantelung oder Überformung – aber doch eine eingreifende Veränderung.

Gottfried Böhm, Haus Böhm, Köln-Weiß, 1954 – 1955, Foto: Christopher Schroeer-Heiermann

Wolfgang Pehnt schließt sein Portrait von Haus Böhm mit der Überlegung, ob die Erweiterung der 1960er Jahre nicht geradezu ein „Dementi“ der früheren, spröderen Ästhetik sein könnte. Vielleicht ist diese Formulierung zu hart. Dem Dementi ist die Verneinung des Vorherigen eigen. Mir scheint, Böhm hat den Bau von 1955 nicht verneint, sondern durch Ergänzungen weiterentwickelt. Es ist etwas Neues entstanden, bei dem das Alte erkennbar geblieben ist. Möglich auch, dass der gewisse Bruch in der Ästhetik in den 1990ern noch stärker wahrgenommen wurde. Heute hat sich über das gesamte Ensemble eine vereinheitlichende Patina gelegt: Die Oberflächen sind schön gealtert, gerade die Betonteile, die Ziegelböden sind durch Wurzeln sanft aus den Fugen gehoben, die Stränge der Glyzinien an den Rankgerüsten sind noch mächtiger geworden. Haus Böhm hat nicht nur die Besonderheit der zwei miteinander verbundenen Zeitschichten. Es ist auch dieser Alterswert, diese Form von Poesie, die nicht durch Gestaltung, sondern durch das sichtbare Vergehen von Zeit entsteht, was den Reiz von Haus Böhm heute ausmacht. Heute wie damals ein lebens- und liebenswertes Wohnhaus.

Dr. Martin Bredenbeck (*1977), studierte Philosophie, Geschichte, Klassische Archäologie und Kunstgeschichte an der Universität Bonn; 2011 Dissertation in Kunstgeschichte bei Hiltrud Kier („Die Zukunft von Sakralbauten im Rheinland“). 2011-2016 wissenschaftlicher Referent beim Bund Heimat und Umwelt in Deutschland (BHU), seit 2016 wissenschaftlicher Referent beim Landschaftsverband Rheinland, zunächst im Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, seit 2020 im Amt für Denkmalpflege im Rheinland. Lehraufträge für Kunst- und Architekturgeschichte (u.a. Universität Bonn, Alanus Hochschule); Gründungsmitglied der Initiative Beethovenhalle (Deutscher Preis für Denkmalschutz 2010) sowie der Werkstatt Baukultur Bonn, Mitglied im Landesdenkmalrat Hamburg, Vorstandsmitglied im Architekturforum Rheinland und im Verband Deutscher Kunsthistoriker.

 

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