Buch der Woche: Die LRO-Werkschau

Rundum gelungen

„Denn die Baukunst knüpft an Gefühle und Gewohnheiten an, die ununterbrochen von den schon bestehenden Bauwerken, die ja Jahrtausenden angehören, beeinflusst werden.“ Mit diesem Zitat Adolf Loos´ aus dessen Buch ‚Warum Architektur keine Kunst ist – Fundamentales über scheinbar Funktionales‘ macht die wunderbare Publikation ‚Lederer Ragnarsdóttir Oei 1‘ auf.

In ihrem einleitenden Text legen Arno Lederer, Jórunn Ragnarsdóttir und Marc Oei in dieser Publikation von, über und für Architekten dar, wie sie im Laufe der Zeit zu ihrer Auffassung vom Bauen gekommen sind, die offenkundig an das Loos-Zitat anknüpft. Neben dem schon zitierten Loos wird auch Ludwig Mies van der Rohe und mit ihm das dem Großmeister der Moderne zugeschriebene Diktum ins Feld geführt, man könne nicht jeden Montag eine neue Architektur erfinden. Von Alberti über die frühen und späteren Modernen bis zu ihren Kritikern schlagen die Architekten dabei den Bogen ihrer Inspirationen, um schließlich das Generalistentum im Sinne Vitruvs zu betonen, in dem man in der „vormodernen Wissenschaft“ Architektur (Gerd de Bruyn, auch er im Text zitiert) als Planender und Bauender doch Spezialist sei.

Und so ergibt sich schon im einführenden Text der drei ein schlüssig gedachtes Bild dessen, was in der Architektur des Büros LRO seinen gebauten Ausdruck findet: zwischen Lokalkolorit, klassischer und nordischer Moderne, deutlich neu, aber gleichzeitig das Alte im Blick, und doch meist irgendwie schwer zu fassen. Wie sehr das Streben nach der Verbesserung der Gesamtsituation, das Lederer, Ragnarsdóttir und Oei als eine der Triebfedern des eigenen Schaffens benennen, dabei im Zentrum der Arbeit des Büros steht, belegt dieses in feines Leinen geschlagene Buch.

Obschon von den Architekten selbst gestaltet, versteigt sich das im Format liegende Buch nicht in Formalismen – und unterscheidet sich wohltuend von manch anderen Architekten-Publikationen. Erstes Aufmerken: Die Qualität des Undogmatischen und Nicht-formalistischen, die die Architektur von LRO auszeichnet, findet sich auch in diesem Buch. Die Projekte aus dem Büro seit 1976 werden je mit einem kurzen Erläuterungstext, kleinen (in ihrer Klarheit aber gut lesbaren) Schwarzplänen, allen für das Verständnis des Baus notwendigen Schnitten und Grundrissen sowie durchweg schönen Schwarz-Weiß-Fotografien dargestellt. Bemerkenswert an dieser Publikation sind einige Details. Neben dem schon erwähnten Einband und der konsistenten Illustration sind das vor allem die kleinen Piktogramme, die den Auftakt der erklärenden Projekttexte statt eines schmückenden Anfangsbuchstabens bilden. Ein weiteres Mal kommen stilisierte Miniaturzeichnungen zum Einsatz, wenn sie als Piktogramm-Aufsichten auf die Bauten, immer in den linken oberen Ecken der Zeichnungen angeben, wo und in welche Blickrichtung durch das gezeigte Haus geschnitten wird. Nebenbei seien diese Zeichnungen allen Studierenden der Architektur ans Herz gelegt als eine schlüssige Antwort auf die Frage, wie CAD-Zeichnungen heute aussehen können.

In seiner Umfänglichkeit legt dieses – leider nur noch antiquarisch und in wenigen Buchhandlungen zu erstehende – zweisprachige Buch das bisherige Werk der Architekten von LRO anschaulich dar. Drei Fragen bleiben also: Warum können nicht mehr Architektenmonografien so sein wie diese, wann kommt Lederer Ragnarsdóttir Oei 2, oder wann wird Nummer 1 neu aufgelegt?

David Kasparek

Arno Lederer, Jórunn Ragnarsdóttir und Marc Oei (Hrsg.): Lederer Ragnarsdóttir Oei 1, dt./engl., 264 S., ca. 150 s/w-Abb., Leineneinband, Jovis, Berlin 2012, ab 42,- Euro (nur noch antiquarisch), ISBN 978-3-86859-199-6

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