Pritzker-Preis 2018 geht an Balkrishna Doshi

Ein Werk im Schatten

Der Pritzker-Preis 2018 für Architektur geht an Balkrishna Doshi. Der 1927 im indischen Pune geborene Architekt ist hierzulande eher wenigen Fachleuten ein Begriff. Zuletzt fiel sein Name unter anderem im Rahmen der im Deutschen Architekturmuseum DAM gezeigten Ausstellung „SOS Brutalismus“. Die dazugehörige Website sosbrutalism.org listet insgesamt sechs von Doshis Werken auf – darunter die abrissgefährdete Premabhai Hall (Ahmedabad 1956–1972) und das zwischen 2011 und 2012 modernisierte Lalbhai Institute of Indology (Ahmedabad 1957–1962).

Balkrishna Doshi, Institute of Indology, Ahmedabad, Indien 1962, Foto: VSF

In den letzten Jahren ist die von vielen Medien als „Nobel-Preis der Architektur“ titulierte Auszeichnung in die Kritik geraten, da es sich bei den honorierten Architekten vor allem um weiße Männer aus Europa und Nordamerika sowie Japan handelte. Frauen wurden bisher drei ausgezeichnet: Zaha Hadid (2004), Kazuyo Sejima (gemeinsam mit ihrem Büropartner Ryue Nishizawa, 2010) sowie Carme Pigem (zusammen mit ihren Büropartnern Rafael Aranda und Ramon Vilalta, 2017). Mit Oscar Niemeyer (1994) und Alejandro Aravena (2016) finden sich nur zwei lateinamerikanische Architekten im Reigen, und 2012 der Preisträger Wang Shu (China), der wiederum ohne seine Büropartnerin und Ehefrau Lu Wenyu ausgezeichnet wurde. Architektinnen und Architekten aus anderen Teilen der Erde suchte man bis heute unter den Preisträgern vergebens.

Balkrishna Doshi, Sangath, Ahmedabad, Indien 1980, Foto: VSF

Die Wahl von Balkrishna Doshi ist jedoch nicht allein als Zeichen einer dringend notwendigen Gleichberechtigung zu werten, sondern als das anzuerkennen, was sie ist: die Auszeichnung eines bemerkenswerten architektonischen Œuvres. Ein Werk zumal, das viel zu lange viel zu wenig präsent war.

1947, in dem Jahr, in dem Indien seine Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht zurück erhielt, begann Doshi an der Sir J.J . School of Architecture Bombay (heute Mumbai) Architektur zu studieren. 1954 kehrte er nach einem Aufenthalt in Europa nach Indien zurück, wo er unter anderem die Projekte Mill Owner’s Association Building (Ahmedabad, 1954) und das Shodhan House (Ahmedabad, 1956) von Le Corbusier als Projektarchitekt überwachte und ausführte. Ab 1962 arbeitete Doshi als Partner von Louis Kahn am Indian Institute of Management mit. In Folge kam es immer wieder zu Zusammenarbeiten zwischen Kahn und Doshi. Zu diesem Zeitpunkt war der indische Architekt längst auch selbständig tätig: bereits 1956 stellt er zwei Architekten an und gründete sein eigenes Büro Vastushilpa, das später als Vastushilpa Consultants firmieren sollte. Im Laufe der Zeit ist ein Œuvre von über einhundert Bauten entstanden, fünf Partner und über 60 Angestellte sind im Büro tätig.

Unter den vielen Projekten ragt für den Architekten selbst eines besonders hervor: der eigene Studiokomplex Sangath, der ab 1980 in Ahmedabad entstand. Doshi erklärt: „Sangath vereint Bilder und Assoziationen indischen Lebens. Der Campus integriert vergessene Episoden, ruft sie wieder hervor und verbindet sie – Erinnerungen von besuchten Orten prallen aufeinander. Sangath ist eine fortlaufende Schule, in der man lernt, verlernt und wieder erlernt. Es ist zu einem Heiligtum von Kultur, Kunst und Nachhaltigkeit geworden, in dem Forschung, institutionelle Einrichtungen und größtmögliche Nachhaltigkeit hervorgehoben werden.“ (Übersetzung aus dem Englischen)

Balkrishna Doshi, Kamala House, Ahmedabad, Indien 1963, Foto: VSF

Auch die Pritzker-Preis-Jury betont die Bedeutung des Projekts: „Am Sangath genannten Studio des Architekten können wir die herausragenden Qualitäten von Balkrishna Doshis Anspruch und Verständnis von Architektur sehen. Das aus dem Sanskrit stammende Wort Sangath steht für ‚begleiten‘ oder ‚zusammenrücken‘. Als Adjektiv verkörpert es angemessenes und relevantes Handeln. Die Gebäudeteile sind zur Hälfte unterirdisch und komplett in den natürlichen Charakter des Geländes integriert. Es findet sich eine heitere Folge von Terrassen, reflektierenden Teichen, Hügeln und Tonnengewölben, die die unterschiedlichen formalen Elemente differenziert. Im Innenraum gibt es eine Varianz und  Fülle an verschiedenen Qualitäten von Licht, Formen und Nutzungen, die durch den Einsatz des Betons geeint werden. Doshi hat ein Gleichgewicht und Frieden zwischen all diesen Komponenten – materiellen wie immateriellen – geschaffen, das ein Ganzes ergibt, das weit mehr ist als die Summe seiner Teile.“

Darüber hinaus gründete Doshi 1978 die Vastushilpa Foundation for Studies and Research in Environmental Design. Ziel der Stiftung ist es seit ihrer Gründung, einheimische Standards für Entwurf und Planung von Projekten in Indien zu entwickeln. Balkrishna Doshi war zudem Gründer und Direktor der School of Architecture and Planning in Ahmedabad, die seit 2002 CEPT University heißt.

David Kasparek

 

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