kritischer raum

Grünende Zuwendung

Der „Altmarktgarten“ in Oberhausen von Kuehn Malvezzi mit Atelier Le Balto und Haas Architekten, Berlin, 2016 – 2019

Die Marktstraße in Oberhausen ist ein Spiegel von Glanz und Elend dieser Stadt im westlichen Ruhrgebiet. Die zum Teil stark veränderten Großbauten aus den 1920er bis 1970er Jahren erinnern an die ehemalige Wirtschaftskraft der einstmals florierenden Industriemetropole, aber auch an den kontinuierlichen Niedergang mit dem Ende der Montanindustrie an der Emscher. Sie gemahnen auch an die verheerenden Folgen, die die Anlage des 1996 als vermeintliche Hilfe beim Strukturwandel des „Reviers“ eröffneten Einkaufszentrums CentrO im Norden Oberhausens gezeitigt haben: Viel mehr als Billigketten und 1-Euro-Shops gedeihen heute in der City Oberhausens nicht mehr. Der Altmarkt mit seiner Viktoriasäule im Westen der fast rasterartig angelegten Zentrumsstruktur ist auch nicht mehr das, was er einmal war. 2015 hat man hier eine als „Investitionsruine“ verrufene Markthalle der 1950er Jahre nebst einem Bankgebäude abgerissen, um neben dem Platz eine Grünfläche anzulegen.

Kuehn Malvezzi, Atelier Le Balto, Haas Architekten, Altmarktgarten, Oberhausen 2016 – 2019, Foto: hiepler, brunier

Aus dem ratlos wirkenden Plan wurde nichts, denn das Oberhausener Job-Center, immer noch eine der frequentiertesten öffentlichen Einrichtungen der Stadt, brauchte ein neues Verwaltungsgebäude. Statt in einem der Stadtteile ermöglichte die Stadt weitsichtig einen Neubau auf dem frei werdenden Grundstück am Altmarkt inmitten der City. Als sich das in Oberhausen ansässige Fraunhofer-Institut UMSICHT dafür interessierte, in einer Innenstadtlage eine Versuchsanlage für ein Urban-Farming-Projekt einzurichten, war das Programm für ein Hybridgebäude komplett, für das die Stadt wegen seines Experimentalcharakters erhebliche Bundesmittel einwerben konnte. Den einschlägigen Wettbewerb gewann das Berliner Büro Kuehn Malvezzi, die, wie auch beim Gartenschau-Projekt im Remstal, mit dem Landschaftsarchitekten Le Balto (s. der architekt 5 / 19, S.10f.) und dazu mit Haas Architekten als Spezialisten für den Gewächshausbau kooperiert haben.

Kuehn Malvezzi, Atelier Le Balto, Haas Architekten, Altmarktgarten, Oberhausen 2016 – 2019, Foto: hiepler, brunier

Die Architekten konzipierten einen fünfgeschossigen Stahlbetonbau auf dreiflügeligem Grundriss, auf dessen Obergeschoss eine hohe, zur Marktstraße mit flachen Giebelzacken abschließende Gewächshaus­etage aufsitzt. Das gesamte Gebäude ist mit dunkel glasierten Ziegelklinkern verkleidet, die sich durch den Verzicht auf einen ziegeltypischen Verband und ihr oblonges Format ausdrücklich als Bekleidung und nicht als vorgetäuschte Backsteinkonstruktion darstellen. Große, bodentiefe und durch Stäbe rhythmisierte Fenster perforieren das dunkelrote Allover und öffnen den Blick aus dem und in das Foyer des Job-Centers, dessen Haupteingang an der breiten Einkaufsstraße liegt. Die großzügige Belichtung macht das helle Entrée mit einem runden Informations- und Beratungstresen, Warteplätzen, Kopierer- und Scanner-Plätzen zu einem offenen, freundlichen, licht wirkenden Raum. Der Eindruck der Wertschätzung, die hier den im Hausgebrauch „Kunden“ genannten Arbeitslosen, Hilfeempfängern und Ratsuchenden durch die Stimulation der räumlichen Atmosphäre entgegengebracht werden soll, wird noch gesteigert durch den Blick in den Innenhof, der durch ein gebäudehohes Stahlgerüst abgeschlossen wird. Die Stellage wird einen jahreszeitlich die Farbe wechselnden Bewuchs mit rankendem Knöterich erhalten, später auch mit anderen Kletterpflanzen, der bei niedrigstehender Sonne wie ein farbiger Vorhang wirken dürfte.

Kuehn Malvezzi, Atelier Le Balto, Haas Architekten, Altmarktgarten, Oberhausen 2016 – 2019, Foto: hiepler, brunier

An den Enden des Foyers führen Gänge in die Seitenflügel mit Kurzberatungsschaltern, ebenfalls mit weißen Tresen und großen Fenstern zum Straßenraum und in den Hof. Im Anschluss daran liegen die Räume der Geschäftsführung, die bewusst ins Erdgeschoss gelegt wurden, um den Eindruck allzu großer Realitätsferne der Behördenleitung zu vermeiden. Dass dennoch an mögliche Zwischenfälle gedacht worden ist, zeigen die rückwärtigen, fensterseitigen Verbindungen der Beratungsräume untereinander, die im Notfall als Fluchtmöglichkeit dienen. Solche Fluchtwege finden sich auch in den Obergeschossen, in deren zweihüftig organisierten Büros umfangreichere und zeitintensivere Beratungen der Job-Center-Klienten stattfinden. Mit Hilfe digitaler Terminbuchung versucht man, lange Wartezeiten zu vermeiden, die das schmale und luxusfreie Raumangebot hier auch nicht nahelegt. Auch die Büros werden durch die großen bodentiefen Fenster zu „Zimmern mit Aussicht“, von denen aus sich insbesondere hofseitig ein interessanter Ausblick auf den begrünten Innenhof und die ihn abschließende Metallkonstruktion eröffnet.

Dieser Teil des Gebäudes ist allerdings nur vom Altmarkt aus zugänglich. Direkt am Markt soll ein Café mit Außenplätzen entstehen. Ein separater Zugang, der später vielleicht einmal allen Bürgern offenstehen wird, führt zu dem hohen Stahlgerüst, das den Neubau und seinen Hof abschließt und im Kontrast zu dem gründerzeitlichen Reliktgebäude zur Linken wie eine konstruktivistische Kampfansage wirkt. Das Gerüst kann über eine Treppe und mehrere Ebenen oder mittels eines Aufzugs erklommen werden. Es endet in Höhe der Giebelkrone der Grünhäuser auf einem Umgang, der einen weiten Blick über die Stadt erlaubt.

Kuehn Malvezzi, Atelier Le Balto, Haas Architekten, Altmarktgarten, Oberhausen 2016 – 2019, Foto: hiepler, brunier

Eine Etage tiefer liegen die Eingänge zu den Gewächshäusern, deren einzelne Teile in verschiedene Klimazonen unterteilt sind. Hier wachsen unter Tageslicht und künstlicher Beleuchtung Kräuter, Salate, Erdbeeren, essbare Blüten und Tomaten auf Ebbe-Flut-Tischen, in sogenannten Grow-Bags und auf Rafts in Wasserbecken: Die Glashallen bieten mit ihren Leuchten, Becken und Rohren, Pumpen und Schläuchen und den auf Stellagen und Styroporflößen in Reihen gezüchteten Pflanzen ein fast surreales Bild. Das Fraunhofer-Institut experimentiert im Rahmen seines „inFarming“-Projekts in einem Teil der Gewächshäuser überdies mit LED-Beleuchtung und der Verwendung von Grauwasser, das im Haus verbraucht und im Keller wiederaufbereitet wird. Schädlinge werden selbstverständlich nicht mit Chemie, sondern durch natürliche Fressfeinde in Schach gehalten. Die Wärme aus den Büros und Serverräumen des Job-Centers wird zur Temperierung der Hallen genutzt. Vielleicht gelingt es eines Tages sogar, die Abwärme zu speichern und das im Haus anfallende CO2 als Dünger zu verwenden. Den Ertrag verkauft die von der Stadt als Eigentümerin mit der Betreuung beauftragte Gärtnerei schon jetzt auf dem vor der Tür gelegenen Markt oder direkt an die Gastronomie. So verringert sich der Weg des Produkts zum Verbraucher genauso wie der Weg der Oberhausener Bürger zu der Stelle, die ihnen im Ernstfall helfen kann.

Kuehn Malvezzi, Atelier Le Balto, Haas Architekten, Altmarktgarten, Oberhausen 2016 – 2019, Foto: hiepler, brunier

Auch wenn das letzte Wort über die Wirtschaftlichkeit der Anlage noch nicht gesprochen sein mag: Der Mut zu diesem hybriden Zweckbau ehrt alle beteiligten Parteien. Es ist nicht nur die eindeutige städtebauliche und architektonische Verbesserung, die Kuehn Malvezzis Projekt so schätzenswert macht: Es ist auch der Mut zum Experiment, zum Neuen und Ungewöhnlichen, das hier erkennbar an einer bis dahin problematischen Stelle Oberhausens für ein anderes Niveau sorgt. Der „Altmarktgarten“ ist ein gutes Zeichen für die Stadt, die sich den Menschen, die hier leben, mit gebotener Wertschätzung zuwendet und die ihrem Weiterleben auch unter schwierigen Umständen einen lebenswerten Raum geben will.
Andreas Denk

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