Buch der Woche: Eigenwillige Eigenheime

Viel ist nicht genug

Wer sich grundlegend mit Humor befasst, weiß: Quatsch ist eine ernste Sache. Und so ist auch Turit Fröbes Arbeit, die seit nunmehr zwanzig Jahren andauert, zu verstehen. Die Architekturhistorikerin und Urbanistin sagt: „Humor hilft.“ Was für fast jede Lebenslage gilt, hat auch mit Blick auf Architektur seine Richtigkeit. Im Februar 2001 begann Fröbe Bilder von Architekturen zu sammeln, die sich unter dem Label „Bausünde“ zusammenfassen lassen. „Abrisskalender“ hat sie seitdem genauso veröffentlicht wie „Die Kunst der Bausünde“. Mit „Eigenwillige Eigenheime. Die Bausünden der anderen“ hat Turit Fröbe zu letztgenanntem Buch nun die Fortsetzung vorgelegt.

Bei beiden Büchern geht es der Autorin nicht darum, Architekturen oder ihre Bauherrinnen und Bauherren durch den Kakao zu ziehen. Dennoch ist Ironie hier das Mittel der Wahl, um der Frage nachzugehen, wo im Bau Kultur anfängt und Sünde aufhört. Die Bilder, die Fröbe auf gut 150 Seiten zusammengetragen hat, zeigen Häuser, Gärten und Umfriedungen, die gleichermaßen von teils unfassbarer Hässlichkeit wie zum Schreien komisch sind. Wie beim Vorgängerband, werden auch hier keine Hochglanzbilder gezeigt. Fallende Linien allenthalben, unterschiedliche Blickwinkel und Lichtsituationen – dem Gezeigten somit aber sehr angemessen.

Wenngleich Fröbes Umgang mit dem Begriff Streetart in diesem Kontext seltsam anmutet und sich eben nur als ironische Wendung ernsthaft lesen lässt, ist es hochinteressant, dass sie auch im Bereich der „Bausünde“ Trends und Moden ausmachen kann und diese in diesem Büchlein zusammenträgt. Die Freiheit und Individualisierung vorgaukelnde „Bausünde von der Stange“ etwa, Fertighäuser also, die durch Ausstattungsvariationen wie Turmkäppchen, Säulen, Treppentürmen oder Portikus-Motiven auf die Wünsche der jeweiligen Bauherrschaft angepasst werden und genau durch die Wiederholung der ewig gleichen Elemente totale Austauschbarkeit erzeugen. Die Häufung solcher Häuser ist eine ebenso bemerkenswerte Mode, wie das Trompe-l’œil aus dem Baumarkt, die Zurschaustellung unterschiedlichster Steingärten oder das Abgrenzen des eigenen Habitats durch Gabionen und mit bedruckten Planen durchwirkten Zäunen, die dank Fotoprint so tun, als handele es sich eigentlich um Gras, Korbgeflecht oder – einmal mehr – Steine.

Die Autorin macht in ihrem „1×1 der Bausünde“ klar: Lieber eine Bausünde, als etwas gänzlich Belangloses. Lieber also Unikate, als bloß lieblos in die Landschaft oder die Innenstädte gewürfelte Investorenarchitektur. Tipps für Bauherrinnen und Bauherren auf dem Weg dahin gibt die Autorin auch gleich. Sie reichen von „Sei mutig!“ und „Zeig, was du hast!“ über „Überrasche deine Mitmenschen!“ und „Viel ist nicht genug!“ bis zu „Passt nicht geht immer!“ und „Vergib deinen Nachbarn!“. Die gezeigten Häuser stammen dabei nicht aus einer Region, sind unterschiedlich groß, reichen vom kleinen Häuschen über die Villa bis hin zur verschlimmbesserten Platte. Was sie aber alle verbindet, ist der Fakt, dass es sich um Wohnhäuser handelt. Wie wir wohnen, das sagt auch in diesem Fall viel über die Verfasstheit unserer Gesellschaft aus.

Auch wenn es Fröbe mit dieser Fortsetzung nicht um eine umfängliche Empirie oder um eine analytische Bestandsaufnahme geht, ernst ist es ihr schon – all den ironischen Bildunterschriften zum Trotz. Es geht auch in und mit diesem Buch um die Schärfung unseres Blicks auf die gebaute Umwelt. Und da ist die Sünde präsenter als die Kultur, Bausünden, wie die hier porträtierten zigfach zu finden, während mit Architekturpreisen ausgezeichnete Baukultur wie die Nadel im bebauten Heuhaufen zu suchen ist. Wer sich die beiden Karten der besiedelten Fläche Deutschlands zum einen und die der ausgezeichneten Bauten zum anderen übereinanderlegt, erkennt das schnell. Die Sünder, so die landläufige Meinung, das sind immer die anderen. Doch wer wirklich ohne (Bau-)Sünde ist, der werfe den ersten Stein – oder die erste Gabione.

David Kasparek

Turit Fröbe: Eigenwillige Eigenheime. Die Bausünden der anderen, 160 S., 160 farb. Abb., Hardcover, 20,– Euro, DuMont, Köln 2021, ISBN 978-3-8321-9992-0

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