Buch der Woche: Boden für alle

Zwischen Renditeobjekt und Allmende

Wohnen wird immer teurer – seit Jahren, ja, seit Jahrzehnten. Zwei Binsen zum Einstieg. Soweit die Zahlen vorliegen, scheint noch nicht einmal die sonst so vieles auf unheilvolle Weise aus den Angeln hebende Pandemie daran etwas zu ändern. Ein Grund für diese fortwährende Preisspirale, da sind sich erstaunlich viele Akteure einig, ist unser Umgang mit dem Boden. Allein zwischen 2015 und 2018 sind beispielsweise die Bodenpreise in Österreich um 76,01 Prozent gestiegen, während das Nettojahreseinkommen im selben Zeitraum um 9,07 Prozent sank. Diese beiden Zahlen stammen aus dem just vorgelegten Begleitband zur Ausstellung „Boden für alle“, die hoffentlich im Laufe des Februars wieder im Architekturzentrum Wien (AzW) zu sehen ist.

Es ist ein beeindruckender Katalog, der kapitelweise die Ausstellung nachzeichnet und um eindrückliche Essays ergänzt. Gerlind Weber etwa kritisiert in mahnenden Worten den aktuellen Bodenfraß und fordert die dringend notwendige Abkehr von dieser Praxis. Ein ganzes Kapitel diskutiert Fragen, wann Boden überhaupt zur Ware wurde, wovon seine Preise abhängen oder welchen Einfluss beispielsweise Widmungen von Flächen auf diese Preise haben. Saskia Sassen weist in ihrem Text auf das Problem der Unternutzung von Immobilien hin, die nur mehr Anlageobjekte sind und ansonsten weitestgehend funktionslos in der Gegend herumstehen und eben einen Teil des Bodens besetzt halten. Eindrücklich liest sich auch der Beitrag der Wissenschaftlerin und Autorin Vandana Shiva, die eine postkoloniale und feministische Perspektive auf den Umgang mit Boden ins Spiel bringt, in der die kolonialistische Idee der Ausbeutung des Bodens als das dechiffriert wird, was sie ist: eine ernsthafte Bedrohung für den Fortbestand der Spezies Mensch.

Stand der Zersiedelung im Rheintal, Luftbild von Dornbirn aus dem Jahr 2017.
© Vorarlberger Nachrichten / Philipp Steurer

Dazu kommen Beispiele, die unter der Überschrift „Gutes auf den Boden bringen!“ in vier Teilen im Buch verteilt sind: von der Umwandlung einer ehemaligen niederländischen Kalkgrube in der Nähe von Maastricht in ein Naturreservat über die Transformation von Stadtautobahnen in Seoul bis hin zu einem Wohnwagenproduzenten, der mitsamt seiner Mitarbeiter*innen in die österreichische Provinz umsiedelte und dort nicht nur fertigt, sondern sich als aktiver Teil in die Gestaltung der Dorfgemeinschaft einbringt. Diese Beispiele sind auch deswegen so toll, weil sie Mut machen. Weil sie zeigen, was sich bewegen lässt. Und weil sie klar machen, dass wir eben nicht in einer Sackgasse stecken, sondern das Heft des Handelns in die eigenen Hände nehmen können.

In Basel leistet die Stiftung Habitat in der Quartiersentwicklung Pionierarbeit. Im Ostteil des Erlenmatt Quartiers verfolgt sie die Ziele, Boden der Spekulation zu entziehen, leistbaren Wohnraum zu schaffen, Wohnen, Arbeiten und Gemeinschaftsaktivitäten im Quartier zu bündeln sowie eigene Energie zu produzieren, Abb.: Lengsfeld, designkonzepte GmbH / Basel

Allein die Grafik der Publikation kann sich nicht recht zwischen Hipness und Comic-Ästhetik entscheiden, was mal recht lustig, oft aber etwas anstrengend daherkommt. Dennoch ist das Buch aber vor allem deshalb so wertvoll, weil es nicht nur die auf unterschiedlichen Ebenen Mut machenden Beispiele zusammenträgt und vorstellt, sondern auch die planerischen Aspekte beleuchtet, die unsere gebaute Umwelt beeinflussen. Angelika Fitz, Karoline Mayer und Katharina Ritter fassen mit dieser Publikation die ökonomischen Momente ins Auge, die den Boden zur Ware machen und thematisieren vor allem die Wichtigkeit des Bodens im Gleichgewicht der biologischen und klimatischen Kräfte.

David Kasparek

Boden für Alle, hrsgg. von Angelika Fitz, Karoline Mayer, Katharina Ritter und dem Architekturzentrum Wien, 320 S., 198 farb. und 2 s/w. Abb. und Grafiken, Broschur, Zürich 2020, 38,– Euro, ISBN 978-3-03860-225-5

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