Buch der Woche: Rechte Räume

Wege aus dem architektonischen Happyland

„Happyland“ nennt die Autorin Tupoka Ogette „den Zustand, in dem weiße Menschen leben, bevor sie sich aktiv und bewusst mit Rassismus beschäftigen“. Damit umschreibt sie in ihrem Buch Exit Racism „eine Welt, in der Rassismus das Vergehen der anderen ist. In Happyland wissen alle Bewohnerinnen und Bewohner, dass Rassismus etwas grundschlechtes ist, etwas, das es zu verachten gilt.“ Dazu kommt, so Ogette, dass Rassismus in Happyland „enorm moralisch aufgeladen“ ist: „Rassismus ist: NPD, Baseballschläger, Glatzen und inzwischen auch die AfD. Es ist Hoyerswerda, Hitler und Ku-Klux-Klan.“ In dieser Vorstellung, so die Autorin des bemerkenswerten Buches, ist Rassismus nicht ambivalent, „denn rassistisch ist, wer schlecht ist. Darüber gibt es in Happyland einen Konsens.“ Man muss sich dies vor Augen halten, wenn man aktuelle Diskussionen um Rassismus und Antisemitismus betrachtet. Anders als in Happyland können wir in der echten Welt durchaus rassistisch handeln, ohne bewusst Rassisten zu sein, für antisemitische und alle anderen „grundschlechten“ Handlungen gilt das in vergleichbarer Weise.

Viele der Reaktionen auf Texte des Stuttgarter Professors und Architekturtheoretikers Stephan Trüby zum Thema „Rechte Räume“, die in den vergangenen Jahren verfasst wurden, scheinen aus Happyland zu stammen: Rassistisch oder gar antisemitisch handeln? Das tun nur die anderen. Die Verkürzung der Diskussion und die Übertragung der Kernfragen von Trübys Texten auf andere Themenbereiche in den Repliken waren zudem oft Paradebeispiele für „What-Aboutism“, also dem Ausweichen einer Antwort durch das Stellen einer Gegenfrage, die vom ursprünglichen Thema wegführt.

„Rechte Räume“-Walk zum Walter-Benjamin-Platz in Berlin anlässlich der gleichnamigen Ausgabe von ARCH+, Foto: Stephan Trüby 2019

„Rechte Räume“-Walk zum Walter-Benjamin-Platz in Berlin anlässlich der gleichnamigen Ausgabe von ARCH+, Foto: Stephan Trüby 2019

So ging es in der Diskussion um ein antisemitisches Zitat auf einem von Hans Kollhoff geplanten Stadtplatz in Berlin nicht darum, den Architekten als Antisemiten zu diffamieren, wie Niklas Maak und andere schrieben, oder gar um eine Bewertung der angrenzenden Architektur, sondern zunächst um die Frage, wie es sein kann, dass ein solches Zitat an dieser Stelle auftaucht. Über andere Teile des ursprünglich von Verena Hartbaum verfassten und in Arch+ 235 wiederveröffentlichen Textes lässt sich dabei durchaus streiten. Die Auseinandersetzungen um das Dom-Römer-Areal in Frankfurt nahmen ihren Ursprung nicht etwa in der Unterstellung, dass Fachwerk böse sei oder Wiederaufbau per se schlecht, sondern in dem Hinweis darauf, mit wem und wessen Agenda man da im Ursprung gemeinsame Sache macht.

Trüby hat die strittigen Texte nun erneut veröffentlicht, teilweise ergänzt, und diese Sammlung um einige Gespräche zu einer neuen Ausgabe der Bauwelt Fundamente erweitert. Dabei nimmt der Autor selbst eine Einschätzung des Geschehens vor, wie er einige Definitionen erläutert. So zum Beispiel die, was Rechtsradikalismus eigentlich ist. So definieren die hiesigen Verfassungsschutzbehörden ihn als „überspitzte, zum Extremen neigende Denk- und Handlungsweise, die gesellschaftliche Probleme und Konflikte bereits ‚von der Wurzel (lat. Radix) her‘ anpacken will“. Dabei wird auch festgehalten, dass radikale politische Auffassungen ihren legitimen Platz in unserer pluralistischen Gesellschaft haben, so lange sie die Grundprinzipien unserer Verfassungsordnung anerkennen.

Treffpunkt von Rechtsextremisten verschiedener Generationen, Schloss Ermreuth in Oberfranken: nach dem Ersten Weltkrieg Versammlungszentrum des Stahlhelm-Bundes, ab 1926 Ludendorff-Heim, ab 1935 Gauführerschule der NSDAP, ab 1978 Stützpunkt der Wehrsportgruppe Hoffmann und bis heute Wohnsitz des Neonazis Karl-Heinz Hoffmann, Foto: Stephan Trüby 2017

Treffpunkt von Rechtsextremisten verschiedener Generationen, Schloss Ermreuth in Oberfranken: nach dem Ersten Weltkrieg Versammlungszentrum des Stahlhelm-Bundes, ab 1926 Ludendorff-Heim, ab 1935 Gauführerschule der NSDAP, ab 1978 Stützpunkt der Wehrsportgruppe Hoffmann und bis heute Wohnsitz des Neonazis Karl-Heinz Hoffmann, Foto: Stephan Trüby 2017

Mit Blick auf die Geschehnisse in den USA sind auch die Kapitel „Aufklärung der Dialektik. Über rechte Räume in den USA“ und „Architekturen des durchdrehenden Neoliberalismus“ lesenswert, zeigen sie doch, wie Architekturproduktion als Teil dessen funktioniert, was Trüby „Metapolitik“ nennt – jene Prozesse, die vor den eigentlichen politischen Entscheidungsfindungen lanciert werden und damit verschiedene Projekte erst möglich machen.

Der Hinweis, man bewege sich als Architektin oder Architekt per se auf ideologiefreiem Terrain, da man selbst ja oft genug kundgetan habe, keinem der eingangs geschilderten Ism zu frönen, führt aus bestimmten Fragestellungen eben nicht hinaus. Beispielsweise, wie man es damit hält, Teil eines Projekts zu sein, das einst von Rechtsradikalen initiiert wurde, warum genau man ein Zitat eines antisemitischen Autors wählt oder was es bedeutet, wenn Geldgeber der Sanierung eines angesehenen Konzerthauses auch rechte Think-Tanks und Stiftungen unterstützen. Es bedeutet nicht, dass die jeweils Handelnden überzeugte Rechtsradikale oder Antisemiten sind, eine Haltung und kritische (Selbst-)Reflexion ist dennoch wünschenswert.

Tupoka Ogette zeigt das in ihrem Buch „Exit Racism“ auf, auch wenn die Selbsterkenntnis dabei nicht immer angenehm ist. Die Systematik von Ogettes Buch aber, die Hilfestellung und Exit-Strategie, die hätte man Trübys Texten doch gewünscht. Man muss die Tonalität, die Trüby hier anschlägt, nicht mögen, hilfreich ist das Buch trotzdem. Zum einen ganz einfach, weil es die Texte zum Thema sammelt, zum anderen, weil es Teil eines Wegweisersystems sein könnte, einen gemeinsamen Weg aus dem architektonischen Happyland zu finden.
David Kasparek

Stephan Trüby: Rechte Räume. Politische Essays und Gespräche, Bauwelt Fundamente 169, 288 S., 135 s/w Abb., Birkhäuser, Basel 2020, 29,95 Euro, ISBN 978-3-0356-2240-9

Artikel teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*