Wohnhaus von Yonder in Stuttgart

Für die entscheidenden zwei Grad

Im Stuttgarter Südosten, den Weißenburgpark mit seinem legendären Teehaus im Rücken, hat das Architekturbüro Yonder Anfang des Jahres einen Wohnhausumbau fertigstellen können, der ein gutes Beispiel für das geflügelte Wort ist, nachdem Architektur immer nur so gut wird wie ihr Bauherr. Katja Knaus und Benedikt Bosch, die beiden Köpfe hinter Yonder (siehe der architekt 6/16, S. 82-85), haben auf dem gut 900 Quadratmeter großen Hanggrundstück mit teilweise extremen Steigungen nämlich für eine andere Architektenfamilie gebaut: Fachleute unter sich.

Yonder, Haus B, Stuttgart 2011-2016, Foto: Brigida González

Yonder, Haus B, Stuttgart 2011-2016, Foto: Brigida González

Das Ergebnis des Rück- und Umbaus eines viergeschossigen Bestandsgebäudes überzeugt dabei auf mehreren Ebenen. Neben dem Ziel der Bauherren, die Räumlichkeiten mit Blick auf das eigene Alter langfristig bewohnen zu können, wurde die Latte auch energetisch hoch gelegt. Keller und Erdgeschoss wurden erhalten, ein Ober- sowie ein Dachgeschoss in Holzbauweise aufgesattelt – all das mit einer Gebäudehülle aus einer dreischichtigen Holzlattung homogenisiert und zu einem großen Ganzen gefügt.

Zur Energiegewinnung wurden zum einen Geothermiesonden gebohrt, mit denen nun über Decken und Fußbodenflächen im Winter geheizt und im Sommer gekühlt wird. Die Fläche des asymmetrisch geneigten Satteldachs wurde mit Photovoltaikschindeln gedeckt. Hier wird das Energiekonzept mehr als nur ein appliziertes Gimmick, sondern gestalterisches Element eines von Beginn an rein architektonisch gedachten, ganzheitlichen Systems. Unterm Strich führen beide Maßnahmen dazu, dass der Bau nahezu energieautark ist, und dazu zwei Elektrotankstellen für E-Mobilität versorgt sowie in Spitzen Energie ans Stromnetz abgibt.

Yonder, Haus B, Stuttgart 2011-2016, Foto: Brigida González

Yonder, Haus B, Stuttgart 2011-2016, Foto: Brigida González

Die knapp 300 Quadratmeter Wohnfläche gliedern sich in eine Gästewohnung im Untergeschoss und in die beiden neuen, darüber liegenden Hauptwohnebenen. Jede Ebene ist mit einem eigenen Zugang erreichbar, ein Fahrstuhl verbindet sie barrierefrei miteinander. So lange diese Erschließung noch nicht vorrangig ist, werden die Eingangssituationen aber von einem großzügigen und lichten Entree geprägt, dessen Treppen die Geschosse miteinander verschränken. Wie die Treppeneinbauten sind auch die fest installierten Möbel aus geöltem Eichenholz. Die Materialität und sorgsame Fügung dieser Bauteile unterstreichen die vermittelnde, den Wohnbereich zusammenhaltende Funktion dieses Teils des Hauses. Gleichzeitig gliedert er das ansonsten sehr offene Raumgefüge in deutlich ablesbare Kompartimente.

Die Hauptwohnebene wird von einem großen Raum gebildet, der neben einem Essplatz auch Raum für das Wohnzimmermobiliar und die offene Wohnküche aufnimmt. Eine Fensterfront mit schmalem Austritt nimmt die ganze Länge des Hauses ein und gibt den Blick über den Stuttgarter Talkessel frei, dazu erreicht man von hier eine teilweise in den Hang gegrabene Terrasse. Für die Landschaftsarchitektur konnte dazu das Büro Behnisch Architekten gewonnen werden. Hangseitig sind neben der Treppe, die in die Gästewohnung und den Keller führt, der Aufzugschacht und ein WC untergebracht.

Yonder, Haus B, Stuttgart 2011-2016, Foto: Brigida González

Yonder, Haus B, Stuttgart 2011-2016, Foto: Brigida González

Über das offene neue Treppenhaus erreicht man das Dachgeschoss. Hier finden sich Bad und WC, eine großzügige Ankleide, das Schlafzimmer, sowie ein im Grundriss nonchalant als „Entree“ verzeichneter Raum, der zu den Räumen mit dem schönsten Blick des Hauses zählt. Da hier die Gebäudefassade, einer Schrägen folgend, zur nordwestlichen Gebäudeecke zurückweicht, liegt der zweiseitig verglaste Raum zum einen direkt an der wunderbaren Dachterrasse und wird zum anderen vom Dachüberstand gefasst. Die Einbaumöbel sind hier in dunklem Nussholz gefertigt, die Oberflächen des Bads mit einem polierten Naturstein belegt.

Durch die Wahl der Materialien bei gleichzeitiger Offenheit des Grundrisses entstehen so fein graduierte Teilbereiche. Mit dem ganzheitlichen Energiekonzept beweisen Katja Knaus und Benedikt Bosch zudem, was Architektur heute sein kann – und wo der architektonische Beitrag zum Ziel des Erreichens der vielzitierten „2-Grad-Schwelle“ liegen könnte.

David Kasparek

Yonder, Haus B, Stuttgart 2011-2016
Architekten: Yonder – Architektur und Design; Katja Knaus, Benedikt Bosch
Bauherr: privat
Wohnfläche: 282 qm
Grundstücksgröße: 934 qm
Bruttorauminhalt: 1.820 kubikmeter
Tragwerksplanung: Wagnerplanung, Stuttgart
Energieplanung: Transsolar Energietechnik, Stuttgart
Landschaftsarchitekt: Behnisch Architekten
Lichtplanung: Bartenbach, Aldrans/Tirol
Bauphysik: Bobran Ingenieure, Stuttgart
Fotos: Brigida González, Stuttgart

www.studioyonder.de

Interview mit Katja Knaus und Benedikt Bosch von Yonder – Architektur und Design: Bauen für die Gesellschaft von heute

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