Buch der Woche: Frank Geiser – Hauptwerke 1955–2015

Geschlossener Kreis

Frank Geiser ist außerhalb seiner Geburtsstadt nur wenigen bekannt. Dennoch muss der 1935 in Bern geborene Architekt zu den Großen der an guten Architekten reichen Schweiz gezählt werden. Konrad Tobler, bis 2007 Kulturredakteur der Berner Zeitung, wo er ab 2000 das Kulturressorts leitete, macht diesen Umstand mit dem Buch „Frank Geiser. Architekt – Hauptwerke 1955–2015“ deutlich, das Ende des letzten Jahres im Zürcher Verlag Park Books vorgelegt wurde. Auf gut 200 schön gelayouteten Seiten wird das Werk Geisers anhand ausgewählter Projekte gewürdigt. Tobler, der seit 2007 als freier Kunst- und Architekturkritiker unter anderem für die Neue Zürcher Zeitung, den Tages-Anzeiger und das Kunstbulletin tätig ist, stützt sich dabei auf zahlreiche Gespräche, die er seit 2012 mit dem Architekten geführt hat.

Obschon – oder gerade weil – Frank Geiser nie einer architektonischen „Schule“ oder einer gestalterischen Gruppierung zu zurechnen war, wird in dieser fein anzusehenden Monografie ein in sich geschlossenes Werk sichtbar. Das Architekturlexikon der Schweiz bringt es auf den Punkt: „Geiser, dem es gelungen ist, eine Architektur Miesscher Provenienz schrittweise weiter zu entwickeln, gehört zu den bedeutendsten Architekten des Stahlbaus der Schweiz.“ Inhaltlich ist dem kaum etwas hinzuzufügen. Wer sich zusätzlich zu dieser etwas trockenen Umschreibung aber ein genaueres Bild machen möchte, dem sei die Publikation von Tobler nun wärmstens ans Herz gelegt. Neben sauber gezeichneten Grundrissen, Schnitten und Ansichten wartet das Buch mit einem stattlichen Katalog wunderbarer Duplex-Abbildungen auf, die Projekte Geisers zur Zeit ihrer Entstehung zeigen.

Frank Geiser. Architekt – Hauptwerke 1955–2015“ folgt dem bewährten Prinzip einer Werkschau und lässt einem einführenden Essay zunächst Projekte und schließlich realisierte Bauten folgen. Der Aufmachertext von Tobler beleuchtet gut lesbar die Hintergründe Geisers: Familiäre Herkunft, architektonische Prägung, Kontakte zu Künstlern, Architekten und Gestaltern werden hier fein miteinander verwoben. Bebildert wird dieser Teil des Buches mit Fotomontagen, die der Architekt zur Visualisierung seiner Entwürfe anfertigte. Diese sind zum einen als Verweis auf Geisers Affinität zur Kunst zu lesen, zum anderen aber auch beredtes Zeugnis des ortsbezogenen entwerferischen Verständnises Geisers. Die Montage ist hier offenkundig nicht nur Mittel zum Zweck, sondern relevantes Werkzeug des architektonischen Entwurfs – und natürlich am Ende auch ein schlicht wunderbar anzuschauendes Medium zur Darstellung von Projekten.

Frank Geiser studierte nach einer Lehre als Hochbauzeichner ab 1956 an der legendären Hochschule für Gestaltung in Ulm, wo Max Bill und Otl Aicher, vor allem aber Herbert Ohl zu seinen Lehrern zählten. Neben Richard Buckminster Fuller, Ludwig Mies van der Rohe und Frei Otto, die Seminare und Fachkurse an der HfG abhalten, sind es vor Ludwig Hilbeseimer und Konrad Wachsmann, die den jungen Geiser mit ihren Aufsätzen in der ersten Ausgabe der 1957 erschienen Zeitschrift „baukunst und werkform“ maßgeblich beeinflussten. Eine Prägung, der den ersten Planungen wie den späteren Projekten Geisers, der sich mit nur 27 Jahren 1962 in Bern selbstständig macht, deutlich anzusehen ist.

In Bern realisiert der junge Architekt zunächst einige wunderbar durchdeklinierte und sauber gerastertete kleinere Stahlbauten, dann das Hochhaus der Radio Schweiz AG (1969–1972). In diesem ersten Hochhaus der Stadt kam erstmals das Möbelsystem USM von Fritz Haller zum Einsatz um in größerem Maßstab Bürogroßräume zu gliedern. Dass Geiser auch das Fach des Um- und Weiterbauens beherrschte, belegen die Sanierung des ehemaligen Staatlichen Seminars Hofwil bei Münchenbuchsee (1982–1984) und der Umbau des Kantonalen Verwaltungsgebäudes in der Berner Speichergasse (1984–1986). Subtile Neuerungen ergänzen in beiden Projekten die Bestandsbauten, geben sich als das jeweils Neue zu erkennen, ohne dem Alten dabei auch nur ansatzweise die Schau stehlen zu wollen. Vor allem die Ein- und Anbauten in der Speichergasse beweisen dabei, wie sehr es Geiser verstand, die in den eigenen Stahlbauten erprobten Raster mit dem baulichen Bestand zu verschmelzen.

Ab Mitte der 1980er erhalten die Projekte eine deutlich postmoderne Note. Typische Elemente wie gelochte Träger, offen an technoiden Traversen verlegte Leitungen und spitze Giebeldächer erweitern das eingebübte Repertoire um das nach wie vor streng gegliederte Grundrissschema.

Diese „Technisierung“ der eigenen Formensprache schreitet in den 1990er Jahren stetig voran: Lamellen aus Glas oder Lochblech tauchen an den Fassaden ebenso auf wie der bewusste Einsatz zur Schau gestellter Tragwerke. Parallel zum technischen Fortschritt der eigentlichen Bauteile reduziert Geiser in der Folge den Einsatz von Material wieder: das Raster bleibt, die technischen Notwendigkeiten verschwinden. Was bleibt, ist eine formale Reduktion, die an die frühen Bauten Geisers denken lässt. Beim Anblick des Wohn- und Bürohauses in der Bellevuestraße im Berner Stadtteil Spiegel entsteht beim Betrachter so der Eindruck, hier habe sich ein Kreis geschlossen. Ohne Moden zu folgen, einzig aus dem Bestreben, den umgebenden Bedingungen bautechnisch und gestalterisch Rechnung zu tragen, ist es Frank Geiser im Laufe der hier abgebildeten sechzig Jahre gelungen, ein Œuvre zu schaffen, dessen Bestandteile stets ebenso auf einem gemeinsamen Nenner fußen wie sie jeweils klar ihrer Entstehungszeit zu zuordnen sind. Ausgangs- und Endpunkt sind dabei die formale Reduktion, das „Weniger ist mehr“ Miesscher Prägung mit einem stetigen update im Hier und Jetzt.

David Kasparek

Konrad Tobler: Frank Geiser. Architekt – Hauptwerke 1955–2015, 208 S., 1 farbige und 117 Duplex-Abbildungen, 18 Pläne, gebunden, 68,– Euro, Park Books, Zürich 2016, ISBN 978-3-906027-91-3

Fotos: Sacha Geiser/Rolf Spengler/Albert Winkler

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