kritischer raum

Ressource und Erinnerung

Wohnen an der Werderstraße, Nürnberg, von Hild und K Architekten, München,
2016 – 2019

Die Werderstraße liegt im Nürnberger Stadtteil Rennweg östlich der Innenstadt. Die meisten Straßen hier sind durch eine historistische Blockrandbebauung geprägt. Anstelle eines nicht mehr haltbaren Vorgängerbaus haben Hild und K aus München eine dreiteilige Wohnanlage konzipiert, dessen erste wesentliche Eigenschaft die fast beiläufige Einfügung in den Bestand der südlichen Straßenwand ist. Denn die viergeschossige Fassade des Neubaus, der sich auf zwei Parzellen der Straßensüdseite erstreckt, schließt sich in der Schrägperspektive mit seinem bräunlich-rosafarbenen Putz und den aus rotem Sandstein gefertigten Loggientürmen, farblich und formal unauffällig in die historistische Straßenflucht ein. Das gelingt, obwohl die an die typischen Nürnberger Hauserker erinnernden Loggien über die Traufkante hinausragen, weil auch die im flachen Satteldach untergebrachten Wohnungen einen solchen Freiraum bekommen sollten. Die variierende Höhe haben die Architekten zu einem geschickten Anpassungsmanöver genutzt: Während sich die viergeschossige Wand dem Nachbarn zur Linken in der Höhe nähert, schafft die äußerste rechte Loggia den zwanglos erscheinenden Übergang zur höheren Bebauung auf der anderen Seite des Neubaus.

Hild und K Werderstraße, Nürnberg, Foto: Michael Heinrich

Hild und K Werderstraße, Nürnberg, Foto: Michael Heinrich

Die Straßenfassade des Gebäudes entwickelt in der Frontalansicht ihre größte Wirkung. Im eingezogen wirkenden, weil farblich dunkler abgesetzten Erdgeschoss sind die Tiefgarageneinfahrt, der Müllraum und drei durchgesteckte Appartements angelegt. Darüber steigen die aus der Flucht vorspringenden, übereinander gestapelten, tiefen Loggien an, die – wie ansonsten Treppentürme – der schlicht aufgefassten Fassadenwand Struktur und Rhythmus geben. Zwei Aperçus registriert der Betrachter: Das eine sind verkröpfte, safranfarbene Gitter vor den einfachen Etagenfenstern und auf der Brüstung der Loggien. Das unterste Gitter setzt sich sogar in einer kessen spielerischen Geste um die Hausecke herum fort – eine Richtungstendenz, die die freistehenden Stützen der westlichen, auf zwei Seiten offenen Loggien nachvollziehen. Die Gitter blenden den unscheinbaren Wandflächen der Fassade ein reliefhaftes Ornament vor, das aber gegenüber dem zweiten Charakteristikum des Baus erheblich an Bedeutung einbüßt.

Hild und K Werderstraße, Nürnberg, Foto: Michael Heinrich

Hild und K Werderstraße, Nürnberg, Foto: Michael Heinrich

Die zweite Besonderheit des Baus nämlich sind Spolien in Form von Gesimsteilen und Fensterbekrönungen, die Andreas Hild, Dionys Ottl und Matthias Haber dem Vorgängerbau entnehmen ließen. Das Interesse des Büros an der Wiederverwertungsstrategie des Urban Mining hat die Architekten dazu gebracht, nicht nur die Fragmente als ornamentale Erinnerungsstücke dem Neubau einzuverleiben, sondern die Loggienelemente vollständig mit dem Sandstein zu bekleiden, aus dem die Spolien gefertigt sind. Innerhalb der Hie­rarchie der Materialien haben die translozierten Werksteine zwar nur einen geringen prozentualen Anteil, ihre skulptierte Form aber lässt sie zu den prägendsten Elementen der Fassade werden. Sie erzählen – durch ihre serielle Anbringung wahrscheinlich sogar jenseits der Anekdote – etwas von der Geschichte dieser Stelle in der Stadt, die durch die Materialübernahme schließlich die gesamte Straßenansicht prägt. Bei genauer Betrachtung wird man finden, dass dieselben Elemente auch im historistischen Nachbarbau erscheinen – und so lässt sich vorstellen, welcher Sinn und welche Aussage sich mit der Anbringung der Gesimse und Eselsrücken im Neubau von Hild und K verbindet: Die Stadt und ihre Häuser sollen nicht nur zum materiellen, sondern auch zum ikonographischen Steinbruch werden.

Hild und K Werderstraße, Nürnberg, Foto: Michael Heinrich

Hild und K Werderstraße, Nürnberg, Foto: Michael Heinrich

Tatsächlich besitzen die wiederverwendeten Steine eine mehrfache Rhetorik: Sie tragen die Erinnerung an das Gebäude fort, das vorher hier stand und konstruieren damit die historische Dimension des Ortes. Sie verbinden sich mit dem Neuen zu einer Collage zweier unterschiedlicher architektonischer Konzepte, die zu einer Synthese, zu einem Amalgam mit einer ganz eigenen Ästhetik zusammengewachsen sind. Und sie betreiben durch die ostentative Zurschaustellung ihrer materiellen und ästhetischen Leistungsfähigkeit eine stille, aber lesbare Propaganda für einen schonenden Umgang mit baulichen Ressourcen. Dass sich diese respektvolle Form der Wiederverwendung von Baumaterial auch zur Beschwichtigung von Abrissgegnern im Viertel geeignet hat, räumt man bei Hild und K durchaus ein. Hild, Ottl und Haber hätten sich dennoch einen „wilderen“, ungeordneteren und üppigeren Einsatz der wiederverwendeten Bauteile an der Straßenfront vorstellen können, den die strengen Regelungs- und Genehmigungsvorschriften für die Wiederverwendung von gebrauchten Bauteilen jedoch verhindert haben.

Auf der Rückseite des Gebäudes jedoch dünnt der formale Reichtum des Bauwerks stark aus. Auch die Erschließungsräume des Haupthauses, Entree und Treppenhaus erreichen nicht mehr die formale und materielle Stärke der Straßenfassade, was damit zu tun haben kann, dass Hild und K das Gebäude nur bis zur Leistungsphase 4 und bei den Leitdetails der Natursteinfassade betreut haben. Danach hat der Bauträger die Fertigstellung der Anlage übernommen, die insgesamt 35 Wohneinheiten vom 1-Zimmer-Appartement bis zur 4-Zimmer-Wohnung – allesamt in Eigentum – aufnimmt.

Hild und K Werderstraße, Nürnberg, Foto: Michael Heinrich

Hild und K Werderstraße, Nürnberg, Foto: Michael Heinrich

Wiederum gelungen ist das städtebauliche Konzept: Die Wohnanlage setzt sich im Blockinnern in Form von zwei separaten, unterschiedlich hohen Wohngebäuden fort, die geschickt in die heterogene Bebauung des Blockinneren eingepasst und durch Grünflächen miteinander verbunden sind. Die intensive Nutzung des Hofes erst hat die maßvolle, sich in die Straßenflucht einpassende Lösung auf dem Doppelgrundstück an der Straße ermöglicht. Die rückwärtigen Bauten sind gegenüber dem Hauptbau keine architektonische Offenbarung, knüpfen aber mit ihren rhythmisch gegliederten und stark reliefierten Baukörpern strukturell erkennbar an den Programmbau an der Werderstraße an. Dem aber gebührt das Verdienst, den Diskurs zum Urban Mining nicht nur im ökologischen, sondern auch im ästhetischen Sinn bereichert zu haben. Auch wenn da noch „Luft nach oben“ ist…
Andreas Denk

Dieser Text ist erschienen in der architekt 4/20 „material der stadt. material gewordenes zeichen – zeichen gewordenes material“.

 

 

Artikel teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*